Ausgabe 
(30.10.1897) 63
 
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Möge zm Augsömger ^sstzertmg.

30. Oßt. 1897.

Von dem Werke I. Kgl. Hoheit der PrinzessinTherese von Bayern ,

welches, wie schon in letzter Nummer erwähnt, MitteNovember im Verlage von Dietrich Reimer (Berlin ) er-scheinen wird und in welchem die hohe Autorin ihre Reisein den brasilianischen Tropen schildert, geben wir ausden Aushängbogen folgende Probe:

Petropolis Facenda des Senhor Bar-boza. Donnerstag, den 30. August.

Die Nacht über schlug der Regen auf das Dach, indessen Gebälk wir von unserem Lager aus hinaufsehenkonnten. Noch bei völliger Finsterniß wurde mit demAusbruch begonnen, denn ein langer Tagesmarsch lag voruns. Unsere Hausleute hatten Ueberraschungen für unsbereit. Der Mann schenkte uns ein schönes Otternfell,welches ich seiner geringen Größe und seiner satten, grau-braunen Farbe nach für das Fell einer I^utra, LoliiariaMit. halte.* *) Die Frau war die ganze Nacht aufge-blieben, für ihre Landslcnte echt bayerische Speisen zubacken, Kücheln und Hascnöhrln, von denen wir, sovielnoch immer möglich, anf das Pferd mitnehmen mußten.

Kurz nach 6 Uhr saßen wir auf und nahmen herz-lichen Abschied von unseren biederen Wirthen. An derSpitze unseres Reitertrupps befand sich der BrandenburgerKarl Frank, welcher, wie man solches hier häufig sehenkann, die Sporen an den bloßen Füßen angeschnallthatte. Den Nachtrab bildete Ferrari, das Gewehr querüber den Sattelknopf gelegt. Wir ritten einzeln hinter-einander, da der Weg zu einer anderen Reitweise zuschmal war. Die Packthiere mit den Knechten brachenunabhängig von uns auf. Wir pflegen sie den halben,auch den ganzen Tag nicht zu sehen und können meisterst Abends zu unserem Gepäck gelangen, was wegenUnterbringung der unterwegs gesammelten Objekte nichtimmer bequem ist.

Von unserem Nachtquartier weg saßen wir sechsStunden ununterbrochen im Sattel. Der Nebel, welcherdes Morgens anf dem Thale gelegen, wich der höher-stcigenden Sonne, und nur dem Umstände, daß wir heutegrößtentheils durch Urwald ritten, hatten wir die Er-träglichkeit des schönen Wetters zu danken. Der dichtePflanzenschutz neben und über uns ließ absolut keinenSonnenstrahl anf uns durchdrungen, und so befandenwir uns, die kurzen Strecken Roxa abgerechnet, denganzen Tag im denkbar tiefsten Schatten. Stunden- undstundenlang zogen wir an den undurchdringlichen Urwald-wänden vorüber, die sich rechts und links von uns hin-dehnten. Auch uns zu Häupten schloß sich eine Pflanzen-decke, durch welche das Auge nicht aufwärts dringenkonnte. So sahen wir nur das Nächstliegende, Nächst-hängcnde; einige Fuß seitwärts in den Wald oder senk-recht nach oben war jedweder weitere Blick durch einen

*) Da an diesem präparirten Fell Nase, Schweif rc.fehlen, ist die Bestimmung der Art erschwert, doch Ver-gleiche mit dem Fell der Imlra brssilisnsis Rax und demder Imtra solitaria Ratt. im Wiener NaturhistorischenMuseum weisen unbedingt darauf hin, daß es das Felleiner I-. solitarw ist. Insofern als bisher angenommenwurde, daß I-. solitori» nur in Süd- und Centralbrasilien svorkomme, obwohl in Pelzeln (Brasilische SäugethiereS. 53), zwar nur mit Fragezeichen, ein Exemplar ausBahia angeführt wird, ließe sich denken, daß das vonmir in Petropolis erhaltene Fell ein importirtes gewesensei,-doch besonders wahrscheinlich ist letzteres nicht.

grünen Laubschlcier gehemmt. Nur an den Waldrändernund den künstlichen Lichtungen konnten wir eine Uebersichtüber die Vegetation gewinnen. Hier war das Sprich-wort:man sieht vor lauter Bäumen den Wald nicht",buchstäblich erfüllt.

Allerhand Banniriesen und sonstige pflanzliche Merk-würdigkeiten begegneten uns ini heutigen Naiv virZsm.Da war ein Balsamo mit Balsamgeruch im angehauenenHolze,2) dort eine Barrigudo (Obormia origpiüora 8.L. L ), eine Bombacee, deren Heller Stamm über undüber nlit kleinen konischen Holzstacheln übersät und gegendie Basis zu wie ein Faß aufgetrieben ist?) Es folgtenverschiedene riesige Päo d'alhos (Oalloma Oora/sma,Nog.), mit ihren bis hoch hinauf astloscn Stämmen,ihrem hellgrünen Laub und ihren verhältnißiiläßktz kleinenBlättern. Ein gefällter Kamerad, der am Wege lag,erfüllte die Luft weithin mit seinem unerträglichen Knob-lauchduft?) Auch ein Zwiebelbaum, wohl seines Gerucheswegen so genannt oder weil sein Stamm gegen dieWurzeln zu zwiebelähnlich aussieht, ^) stand unfern imDickicht. An einer Stelle ritten wir unter einigen, eineGruppe bildenden Sapucaias (Iwozctstis kisonis 6aml>.)hindurch. Ihre kerzengeraden, weit hinauf astfreienStämme trugen das helle Laubdach, wie Säulen daSGewölbe einer Kirche. Am Boden lagen Dutzende derholzigen, bnchseuähnlichen Nicsenfrüchte dieser gigantischenBäume, Früchte, welche sich dem Asteinlauf gegenüberdurch einen von selbst abfallenden Deckel öffnen und einGewicht besitzen, daß sie, aus ihrem luftigen Hochsitzherabkommend, wohl einen Menschen erschlagen könnten.Unter den bescheideneren Bäumen, denjenigen, welche diemittlere Etage im Urwald bilden, fehlte nicht die Jaboti-caba (Nz-roiaria. .labuticaba LsrZ) mit ihren kugeligenLaubmassen. Im Dickicht fielen Mamoeiras (Oario»papuM I,.) auf durch ihre astlosen Stämme und ihream Gipfel zusammengedrängten, bandförmigen, regelmäßiggestellten Blätter. Etliche Banmfarne, von denen einereine bedeutende Höhe erreichte, breiteten ihre graziösenWedel über das Unterholz. An einer Stelle hatten sichviel Iripalmen (^strocmrz'um Fzmi Nart.) zusammen-gedrängt, an einer anderen ziemlich viel Palmitos(Lntorpe eeinlis Nart.), deren Kronen blättcrarmwaren. Zwischen den Waldriesen wucherten und ersticktensich gegenseitig, im Kampf um Luft und Licht, zahlloseandere Pflanzen von einem Artenreichthum, der dem Augekeinen Nuhcpunkt gewährte. Lianen umspannten und um-wallen die Bäume. Ein Cip6, dessen Stamm sich roseu-kranzähnlich in ganz regelmäßigen Abständen zu kugeligen

") Nach den von mir mitgebrachten Stammtheilen ge-hört dieser Balsambamn in keine der batsamspendendenGattungen Unmirinm, Lrotium, Nyrox^Ion und Oopai-kora. Anatomisch würde er am ehesten auf Simsrubaawara ^nbl. stimmen. Doch auch für diesen Baum fehlenihm einige wichtige Merkmale. >>

*) Die ebenfalls Barrigudo genannte Oavauillostaarborea Lobumavn Lourretia tndsronlata Llart. kannunser Barrigudo nicht gewesen sein, da sie nicht stacdel-bewehrt ist und ihre Ausbauchung weiter oben, in derMitte der Stammhöhe liegt.

*) Die anatomische Untersuchung der von mir niitae-s brachten Holzprobcn ergab, daß diese Bäume zweifellosLlallsnia Vorankam kckoq. waren.

Was den Geruch betrifft, könnte es Orataeva tapi»I-. gewesen sein; ob auch der Gestalt des Stammes nachvrataova topis anf diesen Zwicbelbaum paßt, ist aus derLiteratur nicht zu ersehen.