Ausgabe 
(30.10.1897) 63
 
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einer der abgesessenen Packthicrknechtc die Spuren des imSunipfgraS verloren gegangenen Weges, und im rechtenWinkel -zur fälschlich eingeschlagenen Richtung verliebenIvir die gefahrdrohende Niederung. Wir hatten einender uugciuüthlichsteu Momente unserer ganzen bisherigenReise glücklich überstanden.

Nochmal führte unser Pfad durch eine pechschwarzeUrwaldstrecke, dann lag die Fazenda des Scnhor Barbozaeinladend vor unseren Blicken.

Wir fanden daselbst eine wohlhabende, kinderreicheFamilie mit Dienerschaft und im ganzen Hanse einenweit vornehmeren Anstrich als in all den Ansiedler-häusern, in welchen wir bisher über Nacht untergekommenwaren. Daraus erwuchs für uns der Nachtheil, daßwir, statt nach neune'mhalbstündigcm Ritt uns ausruhenund ruhig unsere Ncisenotizen schreiben zu können, unszu dem Fazendciro und seiner Frau in den Salon setzenund portugiesische Konversation führen mußten. Es wardies etlvas bitter. Doch erfuhren wir durch diese Kon-versation Manches über die Lebensverhältnisse einessolchen Ansiedlers, der auf viele Stunden im Umkreiskeinen Nachbarn hat. Von diesem verlorenen Posten im' Urwald war der nächste Priester vier Tagereisen weitentfernt, und ebenso weit, wenn nicht weiter, war es biszum nächsten Arzt. Man erzählt, daß Scnhor FortnnatoBarboza seine Kinder erst taufen läßt, wenn sie imStande sind, selbst zum Priester zu reiten. Nicht nurdies, man erzählt sogar, daß er der Vereinfachung wegenmit dem Spendenlassen des Sakramentes wartet, biszwei oder drei seiner Sprößlinge zn einem gemeinsamenTaufritt herangewachsen sind. Auf meine Frage, wasbei der llucrreichbarkeit des Arztes zu geschehen pflegt,wenn eines der Kinder erkrankt, gab mir die Mutter dielakonische Antwort:Sie werden nicht krank." DieSenhora selbst hatte seit fünf Jahren die Fazenda mitkeinem Schritt mehr verlassen.

In einem kleinen, höchst einfachen Raume wurdenuns zwei Damen echt brasilianische, steinharte Betten alsLagerstätte angewiesen. Es war uns letzteres für unserereitmiidcn Glieder gerade nicht angenehm. Unangenehmeraber noch waren uns die Schaarcn von BarattastLIattiäao), welche in dem winzigen Zimmer kreuz undquer liefen und vor welchen wir unser kostbares Gepäcknicht zu retten wußten.

Die Praktische Bedeutung des Thvmasstndiums.

Von M. Grab mann. Eichstätt .

Der um die Ncpristination wahrer christlicher Philo-sophie hochverdiente spanische Denker Jakob Balm escharakterisirt das Genie in folgenden Worten:^

Die Menschen von wahrhaftigem Genie unterscheidenich durch die Einheit und den weiten Umfang ihrer Auf-assnng. Wenn sie eine schwierige und verwickelte Fragerehandeln. so vereinfachen und ebnen sie dieselbe, indemie einen hohen Gesichtspunkt nehmen nnd eine Grund-idee fhiren, welche über alle anderen Licht verbreitet:wenn sie einen Einwnrf zurückweisen wollen, so bezeichnen.sie den Ursprung des Irrthums und zerstören mit einemWorte dre Täuschung des Sophismus; wenn sie di^Syn-ithese anwenden, so treffen sie sofort das richtige Princip,das mr Grundlage dient, und zeichnen mit einem Worteden Weg, den man einschlagen muß, um zum gewünschten.Resultate zu gelangen: wenn sie der Analyse, sich bedienen,so geben sie genau den Punkt an, von dem die Auflösungausgehen muß, sie erkennen die verborgene Verkettung

H BalmeSFundamente der Philosophie" übers. vonVr. Loriiffer. Regensburg, Manz, 1855. I, cx. 4 n. 5i.

und öffnen Nils gleichsam mit einem Schlage das Ge-heimnis; des Gegenstandes nnd zeigen uns sein ver-borgenstes Innere."

Diese Charakteristik ist auch ein Bild des Geistes-lebens des hl. Thomas von Aqnino, der mit derselbenGewalt des Genius den höchsten Fragen der Metaphysikund theologischen Spekulation in erster Linie wie auchden mehr praktischen Fragen in zweiter Linie sein Augen-merk schenkte. Die Sonne von Aguin hat zuerst den.Höhen des theoretisch-spekulativen Erkennens überreichesLicht gespendet und zugleich die Niederungen des praktischenWissens, Lebens und Handelns erhellt.

Die folgenden Zeilen sollen einen Beitrag liefernzum Erweis der These:Das Studium der Werkedes hl.'Thomas ist von eminent praktischerBedeutung." Indem wir das Wortpraktisch" imweitesten Umfange nehmen, bestimmen wir unseren Satzalso: Aus den Werken des hl. Thomas kann der Ge-lehrte ablernen, wie mau praktisch Wissenschaft treibt undschreibt, die Werke des Aqniuaten sind für den Päda-gogen, den Prediger und Asceten, für den Juristen undSocialpolitikcr eine Fundgrube goldener Wahrheiten.Unserem Heiligen Vater Leo XIII., der vom hohenStandpunkte mit größter Klarheit das Gewirr der gegen-wärtigen materiellen nnd ideellen Lebensbewcgungen über-schaut, ist es deshalb ein Herzenswunsch, die Werke deshl. Thomas all denen, die in obigen Fächern heimischwerden wollen, in die Hände nnd ins Herz zu drücken.

1. Was lernt der Gelehrte aus den Schriften desAquinaten?

Das Beispiel dieses größten Denkers des Mittel-alters in der Cnltivirnng und organischen Darstellungder verschiedenen Zweige menschlichen Wissens einerseitsund die Lehre desselben über die Gesetze des wissen-schaftlichen Forschens oder die Wissenschaftslehre des hl.Thomas anderseits, diese beiden Momente verdienen Be-achtung und Nachahmung von Seite der modernen Wissen-schaft, welche vielfach das überreiche Forschuugsmaterialnicht mehr wissenschaftlich zu gestalten versteht.

Der hl. Thomas ist, und das müssen selbst seineheftigsten Gegner zugeben, ein Meister der wissenschaft-lichen Systematik. Thomas hat, wie PorLmami^) sagt,Aehnlichkeit mit den großen Malern Giotto und Orcagna ,welche mit peinlicher Genauigkeit die kleinsten Detailsihrer Werke ausführten und anderseits in ihren großencyklischen Darstellungen diese Details zn einem Ganzenverbanden. In seinen Oxuscnüa. ist der englische Lehrerden einzelnen Fragen bis in die letzten Verzweigungennachgegangen, in seinen großen Werken aber hat er dieseeinzelnen Glieder zum lebensvollen Organismus zusammen-geschlossen, zum hehren Dome von Wahrheiten construirt.Wie herrlich sind nicht die einzelnen Artikel nnd Quästionenund Theile der theologischen Summe aufgebaut und ge-gliedert! Wer sich die Mühe nimmt nnd vergleicht undstndirt, wie der englische Lehrer die Fülle der christlichenWahrheit kurz und schlicht in seinem sogenannten Kate-chismus grnppirt, wie dann derselbe hl. Lehrer dieselbenWahrheiten im ^Oowxonckium tsiooloAisa" zur Dog-matik im Lapidarstil zusammenfügt, wer weiterhin ver-folgt, wie ebcndiese Summe übernatürlicher Wahrheitenin den tzuLsstiones ckwMtnkao um den Gesichtspunktder Trinität sich grnppirt, wer endlich den Gedankengcmgder theologischen Summe einer Analyse unterzieht, wer

, -) Die Systematik in den tzoaest. clispnt. Jahrbuch

I für Philosophie u. spek. Theologie Bd. VI, S. 48 n. 127.