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Priester, die an den Lyceen ihre Studien vollendet haben,voneinander unterschieden werden können.
Angesichts dieses Thatbestandes kann man es denVertretern der bayerischen Lyceen nicht verdenken, wennsie den in der Schell'schen Schrift unverblümt enthaltenen(wenn auch nicht mit nackten Worten ausgesprochenen)Vorwurf, als würden dieselben an der von deren Ver-fasser behaupteten Jnfcriorität der Katholiken inDeutschland mit Schuld sein, als gänzlich unbe-gründet entschieden zurückweisen.
Nicht Animosität gegen die Universitäten, deren geistigeSöhne zu sein ja wir Professoren der k. Lyceen uns mitStolz rühmen, und deren hohen Werth wir sämmtlichdankbarst anerkennen, nicht Animosität hat mir, meineHerren, diesen entschiedenen Protest eingegeben, sondern dastiefste Bedauern, daß von einer Seite, von welcher dieLyceen, wenn nicht Anerkennung und Förderung, so docheine gerechte Beurtheilung erwarten zu dürfen glaubten,denselben Mißkennnng und Verdächtigung öffentlich ent-gegengeschlcudert wird, und zwar von einem Manne, demals geborenen Nichtbaycr wir nicht die genügende Kennt-niß und unbefangene Würdigung der bayerischen Ver-hältnisse zutrauen, um in der Werfe, wie geschehen, überbayerische Einrichtungen, die ein großer bayerischer Königgeschaffen hat, die sich seit mehr als 60 Jahren bewährthaben, und die das Vertrauen der kgl. bayer. Staats-regierung sowohl wie des bayer. Episkopates wenigstenszur Zeit besitzen, absprechen zu dürfen.
Eine Lehre aber wollen wir. meine Herren, nach demGrundsätze: „visoses st ab üosts" aus diesen Vorkomm-nissen für uns ziehen, die Lehre nämlich, mit allen unsvon Gott hiezu verliehenen Kräften dahin zu streben, dasIdeal eines katholischen Studirenden, insbesondere einesStudirenden der Theologie, zu verwirklichen.
Dieses Ideal ist aber, Sie kennen es, meine Herren,kein anderes, als die harmonische Verbindungeiner ernsten vernünftigen Frömmigkeit miteinem ebenso ernsten Streben nach gründ-licher wissenschaftlicher Ausbildung.
Es ist das, meine Herren, eine allbekannte Wahrheit,in der Theorie geläufig jedem vernünftigen Menschen, ge-läufiginsbesoudere jedem gewissenhaften gebildetenChristen,eine Wahrheit aber, die wegen der Schwachheit des einzelnenMenschen und wegen der Verderbtheit der ihn umgebendenWelt von Zeit zu Zeit immer wieder, besonders in unseremJahrhundert, in ernste Erinnerung gebracht zu werdenverdient. Denn zutreffend und wahr ist, wenigstens zuzwei Dritttheilen, die Charakteristik, welche der Dichterdes Trompeters von Säkkingen von unserer Zeit entwirftmit den Worten:
„Die Welt von heut' ist dienstbar falschen Götzen,
Die Wahrheit schweigt, die Schönheit seufzt und klagt.Nur Unnatur und Lüge schafft Ergötzen;
Gott ist vergessen, Mammons Standbild ragt!
Wer da noch singt, der sollte den ProphetenNacheifernd zürnen — strafen — trauern — beten!" —
Als eine der traurigsten und für die nachwachsendenGenerationen folgenschwersten Verirrungen unserer Zeitaber muß bezeichnet werden die in weiten Kreisen geradeder gebildeten Welt verbreitete Ansicht, welcher leiderauch von so vielen Lehrern und Erziehern wenigstenspraktisch gehuldigt wird, man könne die Jugend ohneRücksicht aus Gott, ohne Rücksicht auf die ewige Bestim-mung des Menschen, mit einem Worte ohne Mitwirkungder positiven Religion, zu edlen, brauchbaren und tugend-haften Menschen, oder, wie man sich ausdrückt, zur vollenedlen Humanität heranbilden.
Allen Diesen, die sich einer so verhängnißvollen Ver-blenduiig hingeben, möchte ich einzig und allen: die Wortein die Erinnerung zurückrufen, welche einst ein großerprotestantischer Gymnasialpädagog. der ehemalige Gym-nasialrector von Nürnberg und später von Stuttgart, Herr Dr. Karl Ludwig Roth, beim Aistritt des Gymnäsial-Rectorates in Nürnberg am 5. Januar 1822 unter Be-rufung auf Christenthum und Vernunft ausgesprochenhat, die Worte nämlich:
. . . „Alles Bemühen um neue Erziehungs- und Lehr-künste wird überall eitel und vergeblich sein, wo die Er-zieher durch den Grundsatz, ihre Zöglinge für das Lebenbilden zn wollen, sich gleich den ersten und einzig rechtenStandpunkt muthwillig verrücken. Für das Leben"
so schließt der für das wahre Wohl der Jugend so warmfühlende Mann, „für das Leben wird nur dergebildet, welcher für die Ewigkeit erzogenwird." 2)
Doch, meine Herren, was bemühe ich mich, Ihnen,die Sie alle gläubige, katholische Studirende sind, eineWahrheit einzuschärfen, welche der Lehrmeister aller Lehr-meister in die ebenso einfachen wie inhaltsschweren Wortegekleidet hat: „tzimsrits priumin re§num Del ststistltiawejns, st eastsra »äiioientur vobis!"
Meine Herren! Ich will mich hier in keine Exegesedieser die ganze Lebensweisheit des Christen umfassendenWorte des göttlichen Lehrmeisters einlassen. Ich sage nur,daß Derjenige diese Worte gänzlich mißverstehen würde,welcher daraus die Berechtigung zn einer einseitigen Pflegeder Frömmigkeit, die sich egoistisch auf sich allein be-schränkte, folgern wollte, und auf welche daher der sar-kastische Ausruf des hl. Hieronymns anwendbar wäre:,,O Laust» Liwplieitas, guas solui» sibi prostest." DennChristus, der Herr, sagt allerdings: Suchet zuerst dasReich Gottes, suchet zuerst das Eine Nothwendige, Eureewige Bestimmung sicher zu stellen: er setzt aber sofortbei: „und seine Gerechtigkeit". Diese Gerechtigkeitdes Reiches Gottes aber verlangt, daß jeder einzelneMensch nlit den Talenten, welche ihm der gütige Schöpfermit in die Wiege gelegt hat, wuchere, d. h. daß er dieihm verliehenen Fähigkeiten nach allen Richtungen hinausbilde, um in jenem Berufsstande, auf welchen Neigung,Fähigkeit und ernste Erwägung oder auch der vernünftigeWille der Eltern ihn hinweisen, zu seinem eigenen undseiner Mitmenschen Wohle zu wirken, bis der Herr ihnabruft von diesem irdischen Leben mit den tröstlichenWorten: ^Wohlan, Du guter und getreuer Knecht, weilDu über Weniges getreu warst, will ich Dich über Vielessetzen, gehe ein in die Freude Deines Herrn."
Sie, meine Herren, haben sich nun den schönsten, aberauch den verantwortungsvollsten Beruf als das Ziel IhresStrebens und Ihres Lebens gestellt, den Beruf, Lehrerund Erzieher der Menschheit zu werden. Ihnen und unsallen, die wir bereits in diesem Berufe thätig sind, giltdaher vor Allem das Wort des Lehrers der Welt: «Vosestis ssl tsrrae . . . Vos sstis lax muuäi" k
Beides verlangt derselbe von uns, nicht das Eineohne das Andere, oder wie Neivman^) so treffend sagt:„Der wissenschaftlich gebildete Weltmann soll fromm, derGeistliche aber gläubig (fromm) und wissenschaft-lich gebildet zugleich sein." „Der Jüngling insbe-sondere bedarf", um mich der Worte desselben ebensofrommen wie gelehrten Mannes zu bedienen/) „einermännlichen, vernünftigen Frömmigkeit, wenn sie ebenso-wohl die ruhelose Thätigkeit seiner Einbildungskraft zügelnund den regellosen Verstand gefangen nehmen, als seinempfängliches Herz rühren soll."
Ist es nun auch vollkommen wahr, daß Geistlicheohne frommen geistlichen Sinn, oder wie Möhler sotreffend sagt: „Geistliche ohne Geistlichkeit Invaliden vonHaus sind"?) so ist es ebenso wahr. daß Geistliche ohnegründliche Bildung zunächst in ihren Berufs-, dann inden damit zusammenhängenden Wissenschaften Blindesind und Führer der Bänden, welche sie aus dem Zu-stande ihrer geistigen Blindheit zum Lichte der ewigenWahrheit und dadurch auch zur Freiheit der Kinder Gotteszu führen berufen wären.
So entschieden daher die Kirche die Pflege der Frömmig-keit bei den heranwachsenden Klerikern sowohl wie beiDenjenigen, welche die Schwelle des Priesterthums bereitsüberschritten haben, in ihrer Gesetzgebung betont, so ent-schieden betont sie auch bei Beiden die Pflege der Wissen-schaft. Es hieße in der That, meine Herren. Wasser indie Donau tragen, wollte ich Ihnen aus der Fülle derhier einschlägigen Concilienbeschlüsse und Dekretalen derPäpste aus alter und neuer Zeit auch nur ein paar vorAugen führen. Nur auf einen ebenso kürzen wie be-
^ °) Kleine Schriften pädagogischen und biographischen
Inhalts . . von vr. Karl Ludwig Roth, Stuttgart 1857,Bd. 1 . S. 16.
2 ) Vortrüge und Reden, zumeist an der katholischenUniversität Dublin gehalten von Or. T. H. Neivman»übersetzt von Schändeten. Köln 1860, S. 14.
') Ebenda S. 14 in der Mitte.
Vergl. Historisches Jahrbuch Bd. 1S. S. S7S.