Ausgabe 
(6.11.1897) 64
 
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zeichnenden Ansspruch sei mir erlaubt, hinzuweisen, aufden Aussvruch nämlich Papst Leo's I. des Großen, deran den Klerus und das Volk von Koustantinopel schreibt:8i iv I-aiois vix tolorabilis viästur insoitia, ciuautoMaxis iu iis, gul xrassuvt, ueo exousatious äixua est,veo vevis."°)

Deir tieferen Grund aber, warum besonders beiKlerikern und Geistlichen Frömmigkeit und Wissenschaftharmonisch mit einander verbunden sein sollen, hebt soschön PapstGrcgorius der Große hervor, wenn er schreibt:')»klvlla sst seisutia, si utilitatem xistatis von üabst,quia clvm bova ooxiiita exegui vexlixit, seso all zuäiolumsrctius strivxit. Lt valäs iuutilis est pistas, siseäeatik« äiseretions oaret, quia, äuw uulla bavosoiovtia lllumivat, guomoäo rmsorsalur, ixnorat."Dieses strenge Verdikt des großen Papstes über die vonder Wissenschaft nicht erleuchtete Frömmigkeit ist begreiflichin deni Munde eines Mannes, der die Hauptaufgabe derGeistlichen, die Erziehung und Leitung der Seelen, als diehöchste Kunst bezeichnet mit den bekannten Worten: ,,-^rssrtium röximsn auimarmn."

Aber nicht bloß die Rücksicht auf diese spätere sowichtige Wirksamkeit gegenüber seinen Mitmenschen sollden studirendcn Jüngling veranlassen, sich mit allemEifer und unter gewissenhafter Benützung der so schnellenteilenden Zeit in den ihm zugänglichen oder gar durchden gewählten Beruf vorgezeichneten Wissenschaftenauszubilden, sondern auch die Rücksicht auf sich selbst,auf seine geistige und, ich füge bei, sogar auf seine körper-liche Gesundheit. Denn Thätigkeit ist Leben» unthätigkeitaber und Müßiggang ist zunächst geistiger Tod und führtauch früher, als es sonst bei einer vernünftigenund geordneten geistigen oder körperlichenBeschäftigung der Fall gewesen wäre, zum körper-lichen Srechthnm und znm früheren körperlichen Tode.

Erlassen Sie mir, meine Herren, Sie zum Beweisehiefür hinzuweisen auf so manche traurige Vorkommnissedieser Art an unseren Hochschulen, damit ich nicht Bösesmit Bösen: zu vergelten Gefahr laufe.

Hinweisen aber möchte ich Sie, meine Herren, undhiemit eile ich zum Schlüsse, auf die ebenso wahren alskurzen, hieher bezüglichen Aussprüche von zwei hervor-ragenden Männern, denen ein warmes Herz für dieheranwachsende Jugend gewiß nicht abgesprochen werdenkann, der Eine ein Heiliger und Lehrer der Kirche imvorigen Jahrhundert, der Andere ein Humanist an derWende des 14. und zu Anfang des 1b. Jahrhunderts undZeitgenosse Petrarca s. Der Erstere, der hl. Alphons vonLimwri, schreibt an seinen Neffen in Neapel , bedauernd,daß in dem Institute, in welchem er lebe, so wenig Fleißim Studium gezeigt werde, die ernsten Worte:Die Un-wissenheit und der Müßlgang sind die unversieglichenQuellen der Sünde und der Laster." °) Der Andere aber,der Humanist Paul Vergerius der Aeltere, ermähnt einenehemaligen Schüler, der schon in sehr jugendlichem Altersich auf ein Landgut zurückziehen und dorr einer behäbigenRuhe lind Beauemlichkeit pflegen wollte, daß dies noch zufrüh sei, mit folgenden bedeutsamen Worten:Wenn Duschon heute an geistige Schonung denkst, zu einer Zeit,wo man gerade am meisten in Schweiß und Staub aus-harren soll, so befürchte ich, daß Du nicht eben gut fürdie Frische Deines Geistes sorgest, da Unthätrgkeitfür ihn Siechthum bedeutet und das Sich-rrgeben in eine beschäftigungslose Muße derGesundheit nicht nur nicht zuträglich, viel-mehr recht schädlich ist. Dem jungen Mannsteht nichts übler an als Müßiggang , nichtsziert ihn mehr als Arbeit."^

Wohlan denn, meine Herren Candidaten, erhaben istdas Ziel, das in der Rennbahn des Lebens zu erringenSie sich vorgenommen haben, mögen Sie nun als Priesterund Lehrer, oder mögen Sie als öffentliche Beamte einstim Leben zu wirken berufen sein. Mühsam zwar istoftmals der Weg zu demselben, aber das Zielselbst des Schweißes der Edlen werth. Darum

") vooret. 6rat. o. 3. Oist. 36.

'I Llorallum I. I. o. 32. n. 45.

H Vgl. Histor.-pol. Blätter Bd. 116, S- 411 aus derBriefsammlung des Heiligen.

") Lpistol. u. 20. vergl. Histor. Jahrbuch Vd. 18.

ß. vss.

waffnen Sie sich mit ernstem Eifer und mit ausdauernderGeduld, mit andern Worten, schreiben Sie sich ins Herzund befolgen Sie den goldenen Mahnsprnch. welchen einerder größten Pädagogen Deutschlands , der Schulrath Dr.L.,Kellner, jedem studirenden Jüngling in's Stammbuchgeschrieben wissen will, den Mahnsprnch nämlich:

Freund, hoffe nicht, daß bloß im leichten Spiele,

Was einst Gewinn sein soll für all' Dein Leben,Anmnthig tändelnd Dir und schnell gedeihe:Verlangt Dein Sinn nach einem edlen ZieleSo binde an Geduld ein eifrig Streben,JuGottundArbcitsuch'dierechte Weihe."'")

Und damit, meine Herren. Gott befohlen für das neueStudienjahr!

Die praktische Bedeutung des Thomasstudiums,

Von M. Grabmann, Eichstätt .

(Schluß.)

Innig verwandt mit der Erziehung, um nicht zusagen eine spezielle Form derselben, ist die Ascese.In dieser Beziehung sind die Schriften des hl. Thomas,welchen Bessarion denHeiligsten der Gelehrten und denGelehrtesten unter den Heiligen" genannt hat, wahreQuellenwerke von unverwclklichem Werthe. Der hl.Thomas und der Ascet, der Prediger!

Der hl. Thomas, der, wie Labbö sagt, zuvor Engelwar, bevor er der englische Lehrer ward, ein solch heiligerMann, dessen Wissenschaft nach eigenem Geständnisse mehrHimmelsgnadengabe als die Frucht seines Genius undNiesenfleißes gewesen, St. Thomas konnte in seinenSchriften vom ascetischen Standpunkte gewiß nicht ab-sehen.Der hl. Thomas", sagt Morgott?)spricht nichtzum Herzen und zur Einbildungskraft, sondern zum Ver-stände, er liebt nicht glänzende Bilder, sondern klare,durchsichtige Begriffe. Vergebens sucht man in seinenSchriften jenen poetischen Aufschwung der Phantasie, jeneoratorischen Ausbrüche des Gefühles, die uns in denWerken seiner Zeitgenossen so vielfach begegnen."

Dieses Eigenthümliche an den Werken des großenLehrers verleiht seinen ascetischen Ausführungen großenWerch, insofern dieselben jeglicher Uebertreibung und jeg-lichem Uebermaß von Affekten gänzlich fremd sind undfolglich dem vernünftigen Willen große Sicherheit undFestigung geben. Das ganze christliche Leben ist eineVorbereitung, ein xraeambuluru zur himmlischen Selig-keit. Christus, der da ist vsritas, via, vita, ist dasVorbild des Christenlebens. Weist uns nicht die Lehredes hl. Thomas von Gott (I. pars voritas) hin aufdas, was wir im Himmel schauen werden, läßt uns nichtdie Darstellung des Lebens in Christo durch die Sakra-mente, wie St. Thomas in der III. xars (vita) ge-geben hat, das himmlische Leben in Gott und mit Gott in ewiger Seligkeit schon hienieden ahnen? In derLoouucla aber (via) sehen wir den ganzen christlichenTugendbau sich himmelwärts heben auf dem Felsen-fundamente der drei göttlichen Tugenden und auf denvier Grundpfeilern der Cardinaltugenden, und wir nehmenes staunend wahr, wie dieses Tugendgebäude in der vitacrouteruplativa, im Status parkeetionis (Ordensleben)sich in himmlischen Höhen verliert. Ja Labbö undMamling haben recht, wenn sie sagen, nach der Luminades hl. Thomas erübrige nur noch das luiuou gloriao.Die theologische Summe ist ein ascetisches Werk von

'°) Lebcusblätter, Wahrspruch unmittelbar nach demTitelblatt.

°) Mariologie, S. 4.

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