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Die Todte war ſehr einfach gekleidet, doch ließenmancherlei Merkmale erkennen, daß ſie den reicherenStänden angehörte. Ihr aufgelöſt um die Schultern
hängendes, langes, ſtarkes Haar ʒeigte noch nicht denSilberſchein des Alters, aber die Ʒüge und Runʒelndes Geſichts wieſen ſie hart an den Ausgang der Fünfʒig.
„Aus Liebesgram iſt die ſchwerlich ins Waſſergeſprungen,“ bemerkte ein älterer Matroſe, der mit gro¬ßer Seelenruhe ſeinen Stummel rauchte. Seine Ge¬noſſen lachten roh.
„Geſprungen?“ nahm der Kommiſſar das Wortauf, der eben das Licht der Laterne auf den Hals derLeiche hatte fallen laſſen und mit großer Aufmerkſam-keit hinſaß,„die Frau iſt weder ins Waſſer geſprungen,noch iſt ſie überhaupt ertrunken.“
Erwartungsvolles Schweigen folgte dieſer über-raſchenden Eröffnung und die ʒu hinterſt Stehendenmachten lange Hälſe.
„Dieſe Frau war ſchon todt, ehe nur eine Welleſie naß machte,“ fuhr der Kommiſſar fort,„man hatſie ʒuerſt von hinten erwürgt und dann ins Waſſergeworfen. Ich kenne dieſes ʒeichen,“ fügte er hinʒu,indem er auf eine kreisförmige, blutunterlaufene Furchein der Mitte des Halſes deutete,„man nennt es dieStrangulationsmarke.“
Daß man es mit keinem Selbſtmorde oder Unfalle,ſondern mit dem ſcheußlichen Verbrechen eines Drittenʒu thun habe, brachte eine allgemeine Bewegung hervor.Die Männer drängten ſich näher heran, um die Spurdes Verbrechens ſelbſt ʒu ſehen, und wichen dann umſo weiter ʒurück, als möchten ſie mit der Sache nichtsmehr ʒu thun haben.
Das Wort„Raubmord“ wurde hier und da laut,aber der Kommiſſar ſchüttelte ungläubig den Kopf; erhatte in der einʒigen Taſche des Kleides unter demdurchweichten weißen Schnupftuche, das mit einem R.geʒeichnet war, ein ſehr niedliches Damenportemonnaiegefunden, welches ʒur Aufbewahrung einer größerenSumme als der darin enthaltenen wenigen Markſtückeund einiger Nickelmünʒen abſolut nicht geeignet war;auch trug die Ermordete mehrere, offenbar ſehr werth-volle Ringe an den Fingern und um den Nacken eineſchwergoldene Kette, die ſich ʒwiſchen den Bruſtknöpfendes Kleides verlor. An den Enden der Kette, die derPoliʒeikommiſſar vollends hervorʒog, war ein ʒiemlichgroßes, goldenes Medaillon befeſtigt. Das Vorhanden-ſein aller dieſer Gegenſtände bot keinen Anhalt, daß esſich um einen Raubmord handeln könne.
„Kennt vielleicht Jemand ʒufällig die Frau?“wandte ſich der Kommiſſar an ſeine Unterbeamten.
Nein, Niemand erinnerte ſich, ſie vorher unter denHunderttauſenden dieſer Stadt geſehen ʒu haben.
„Iſt Ihnen auch Niemand bekannt, der dieſemHerrn ähnlich ſieht?“ frug der Kommiſſar und ließ dasMedaillon, welches er der Leiche abgenommen und ge-öffnet hatte, die Runde machen. Es war der photo-graphiſche Porträtkopf eines Offiʒiers, der in den vier-ʒiger Jahren ſtehen mochte und Majorsepauletten trug.
Ein dicker Poliʒeiwachtmeiſter betrachtete das Bildmit beſonderem Intereſſe, bald brachte er es dicht ansAuge, bald hielt er es weit davon ab, wobei er mitder anderen Hand fortwährend die Spiꜩen ſeines ge-waltigen grauen Schnurrbartes drehte.
„Will mich hängen laſſen, wenn ich den Mann
nicht bekannt habe,“ unterbrauch er endlich die erwart-ungsvolle Stille. Er war Compagnie-Chef in demBataillon, bei dem ſch ſtand, mag ſo an etwa ʒwanʒigJährchen her ſen. Später wurde er mit dem ganʒenRegiment von hier ins Reichsland hinverſetʒt. War einHitʒkopf! Da hat ihn etwa vor ein Dutʒend Jahrender Teufel wieder einmal hierher geführt, auf Urlaub,
glaub' ich, und da gabs irgend einen böſen Handel mit
einem Andern, ein Piſtolenduell, wobei er erſchoſſenwurde. Je länger ich das Bild anſehe, deſto gewiſſer
wird mir's, daß er's iſt; aber auf ſeinen Namen kannich mich nicht mehr beſinnen.“
Der Poliʒeikommiſſar hatte am Fundorte der Leichenichts mehr ʒu thun, als ein Protokoll aufʒunehmen,welches er vom Kapitän des Dampfers und den bei derAuffiſchung ʒunächſt betheiligten Leuten unterʒeichnen ließ.Dann wurde der Körper ins Boot gebracht und mitden Poliʒeibeamten ans Ufer gerudert, wo bereits ʒweiTräger mit einem Korbe warteten, um die unheimlicheLaſt nach der Leichenſchauhalle ʒu tragen, begleitet voneiner neugierigen, unterwegs fortwährend anſchwellendenMenge. Inʒwiſchen nahm an Bord des Dampfers dieKette mit dumpfem Geräuſch ihre Arbeit wieder auf,die Eiſenglieder, woran noch Strähne des langen Frauen-haares hingen, rollten über die Trommeln hinweg, umſich hinter dem Schiffe an derſelben Stelle, wo ſie denFund emporgebracht hatten, wieder in die Tiefe ʒu ver-ſenken, und der Dampfer ʒog mit ſeinem durch die Nachtſprühenden Funkenſchwarm wieder ſeine Bahn dahin.(Fortsetʒung folgt.)
Die neue Kreis⸗ undStadt⸗Bibliothek in Augsburg.(Hieʒu die Bilder auf Seite 4 und 5 nach Photographienvon Hof-Photograph Fritʒ Höfle in Augsburg.)
Vor ein paar Wochen wurde die neue AugsburgerKreis⸗ und Stadtbibliothek ihrer Beſtimmung übergeben.Einige Mittheilungen über die bisherige Geſchichte der-ſelben und über den jeꜩigen Neubau, welche wir der„Belletriſtiſchen Beilage ʒur Augsb. Abendʒtg.“ entnehmen,dürften nicht ohne Intereſſe ſein.
Die Kreis⸗ und Stadtbibliothek ʒu Augsburg hatein mehr als dreihundertjähriges Alter hinter ſich, indemihre Gründung in das Jahr 1537 fällt. Sie birgt einengroßen, werthvollen Bücherſchatʒ von mehr als 200,000Bänden und beſteht großentheils aus den beſten Büchernder alten Kloſterbibliotheken, die der Rath der Stadt ʒurdamaligen ʒeit aus den leerſtehenden Klöſtern, welchenach Einführung der Reformation von der katholiſchenGeiſtlichkeit und den Mönchen verlaſſen worden waren,ſammeln und ordnen und in dem von ſeinen bisherigenBewohnern aufgegebenen Dominikaner⸗Kloſter aufſtellenließ. Joh. Heinr. Held wurde der erſte Bibliothekar und
erhielt aus der Stadtkaſſe jährlich 50 Goldgulden, um
durch Anſchaffung neuer Bücher die Sammlung fortgeſetʒtʒu bereichern. Schon nach wenigen Jahren ʒeigten ſichdaher die Räumlichkeiten als ungenügend und es wurdefür die„Liberey“ das Ballhaus bei St. Anna beſtimmt,welches Gebäude der Rath für Granvella, erſten GeheimenRath des Kaiſers KarlV., Biſchof von Arras, auf ſeinenWunſch in nächſter Nähe des ehemaligen Karmelitenkloſtersund nunmehrigen St. Anna⸗Gymnaſiums, 1548, ʒumBallſchlagen hatte herſtellen laſſen. Aus verſchiedenenGründen verʒögerte ſich der beabſichtigte Umʒug, bis 1561das ſchadhaft gewordene Ballhaus abgebrochen und auf