Ehrfurcht und Achtung vor der jungfräulichen Würde derGottesmutter an, als jene des Andreas Mayr. Ja, derSchreiber dieſer Zeilen ſelbſt hat ſchon über eines derbeſten und berühmteſten Werke eines Correggio beʒüglichſeiner Madonna in dem vom natürlichen, ſinnlichen undrünſtleriſch⸗ techniſchen Geſichtspunkte aus prachtvollen Bilde„Die heilige Nacht“ ein ſo bedenkliches Urtheil aus Volks-mund gehört(yox populi, vox Dei!), daß er ohne Be-denken ein ſonſt noch ſo beſcheidenes Bild des edlen,
chriſtlichen Algäuer Künſtlers für eine Kirche vorʒiehen
und das andere in eine Gemäldegallerie verweiſen würde.Iſt doch ſo manches ſog. Heiligenbild für Künſtleraugenan Genuß, für fromme und reine Augen ſelbſt in Kirchenein Aergerniß.
Das Hauptaltarbild der Filialkapelle ʒu Schwein-lang, Pfarrei Unterthingau, war eines der leꜩten Werke
unſeres Kunſtlers. Auge und Hand des Malers waren nicht mehr ſo ſicher als in beſſeren Tagen. Den„Toddes heil. Joſeph“ ſtellt das ſchöne Bild dar. Schreiber
dieſes Berichtes war Zeuge, mit welch ängſtlicher Sorg-
falt, welch peinlicher Gewiſſenhaftigkeit, welch ſteter Un-ʒufriedenheit mit dem eigenen Können und Schaffen, welch
edler Uneigennüꜩigkeit der gute, beſcheidene Andreas Mayr
an dieſem wie an anderen Gemälden arbeitete und ver-
beſſerte und vervollkommnete, ſo lange er ſie nur auf derSlaffelei in ſeinem Atelier ʒurückbehalten konnte. Manmußie ihm oft die Bilder faſt mit Gewalt entführen.Freilich ging wohl auch ſtets ein Stück ſeines eigenenSelbſt mit den Bildern fort; dieſe frommen, von tiefer,edler Frömmigkeit durchgeiſtigten, ʒur Frömmigkeit er-bauenden Gemälde begreift man nur in ihrem vollenWerthe aus dem in ſie verwobenen kindlich⸗frommen,reinen Charakter des Künſtlers ſelbſt.
Wer ihn arbeiten ſah im Atelier, wer ihn beten ſahin der Kirche, wer ihn gar als Dulder kennen lernte aufdem Krankenlager, der mußte ihn lieb gewinnen, mußteihn achten, ja bewundern. Der in geſunden Tagen ebenſo fröhliche als fromme, ſo beſcheidene, heitere, freundliche,kurʒ durch und durch liebens⸗ und achtungswürdige Künſtlerwurde während ʒweier Jahre noch ſchwer auf ſeinen echten,reinen Goldgehalt geprüft. Wiederholte Schlaganfälleraubten ihm die Sprache und den freien Gebrauch derſonſt ſo ſchaffensfreudigen Glieder, ſchwächten endlich auchdas Gedächtniß. Schwermüthig mochte wohl und ſchmerʒlichſo manchesmal ſein umflorter Blick von ſeinem Kranken-lager an der Stätte ſeines früheren vieljährigen freudigen,fleißigen, künſtleriſchen Schaffens, in ſeinem Atelier, aufden ſkiʒʒenbedeckten Wänden ruhen, die ihn an ſchönere,beſſere, lang vergangene Zeiten mahnten. Doch wie alsKünſtler, war er auch als chriſtlicher Dulder wahrhaftgroß, wirklich bewundernswerth in ſeiner kindlichen, gott-ergebenen, ſeltenen Frömmigkeit.
Wohl entbehrte er nicht treuer, fürſorgender, liebe-voller Pflege, obwohl er wie ſein guter, im Jahre 1885ihm vorangegangener ehem. Mitſchüler, Freund und Nach-bar von Obergünʒburg, Johannes Kaſpar, unverehelichtgeblieben war, um ſeine ganʒe reine Liebe der chriſtlichen,heiligen Kunſt ʒu weihen; doch mochte er in ſeiner langen,bangen Leidensʒeit, ʒur ſchmerʒlichſten Unthätigkeit ver-urtheilt, oft nach jenem Troſte ſeufʒen, den JohannesKaſpar während 10jährigen Leidens doch genoß nach dem
Tode ſeiner Schweſter und ſo ſchön beſchrieb in denWorten:„Nun ſtehe ich allein da; doch nein!
Meine erſte
Liebe, die ſchon früh erkorene Braut, die Himmelstochter,die heilige Kunſt, ſie iſt mir treu geblieben. Sie iſt es,die mich in meiner Einſamkeit unterhält, Kurʒweil ſchafft,mich tröſtet, mich das leibliche Elend vergeſſen läßt oderes doch weniger fühlbar macht; die ein ſchon faſt er-ſtorbenes Gebein wieder belebt. Sie tritt immer mitneuen Reiʒen geſchmückt vor die Augen meiner Seele undfeſſelt mich hienieden noch durch den Anblick in ihrer un-verwelklichen Schöne. Mit ihr lebe und ſterbe ich.“*)Doch, konnte den edlen Dulder künſtleriſches Schaffenneuer Werke ʒur Ehre Gottes und ʒum Frommen ſeinerGeſchöpfe wie ʒur Freude der Freunde der Kunſt wiedes Künſtlers nicht mehr tröſten, der Gedanke an dasbereits Geſchaffene und deſſen Segen mußte ihn bei allerBeſcheidenheit bei jedem Blick ſeiner mattgewordenen Augenauf ſeines Ateliers und Krankenʒimmers Wände erfreuen.Als der Zeichner dieſes beſcheidenen Lebensbildes amLager des Dulders einſt ſpät Abends ſtand, da kamenihm beim Anblick des leidenden Künſtlers unwillkürlichdie ſinnigen, frommen Verſe der ehrwürdigen DienerinGottes M. Crescentia von Kaufbeuren in den Sinn:
Ich muß es bekennen, Gott hobelt mich ſehr,
Er ſchneidet und ſticht mich, doch fällt's mir nicht ſchwer.Wilift wiſſen, warum denn?Ich, halte dafür,
Golt ſchniꜩe ſo gern einen Engel aus mir.
Die Verſe lagen ihrem Sinne und Geiſte nach auchin den gottergebenen Zügen dieſes Dulderbildes ausge-prägt. Andreas Mayr machte ſeinem hl. Patron in derLiebe ʒum Kreuʒe Ehre. Ein Jahr darauf ſtand der Be-richterſtatter wieder Nachts in jenem Atelier— amSarge des Verblichenen. Als die Decke weggehoben ward— da ʒeigte ſich das Antlitʒ der Leiche ſo vergeiſtigt,ſo eigenthümlich ſchön— es war der vierte Tag nachdem Tode— ſo anʒiehend, ſo eines chriſtlichen, frommenKünſtlers im Tode noch würdig, daß der göttliche Zweckdes Leidens an dieſem herrlichen edlen Ebenbilde Gotteserfüllt ſchien. Have pia anima candida!
Leitershofen, am Vorabend von St. Andreas.
L. Boſch, Pfarrer,ehem. Benefiʒiat in Unterthingau.
*) S. Geſchichte der Pfarrei Obergünʒburg von Fr. X. Gut-brod. Kempten. Joſ. Köſel.(Johannes Kaspar.)
Schachaufgabe
Schwarʒ
Weiß.
Weiß ʒieht an und ſetʒt in 2 Zügen matt