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kurz abgeſchnitten und nach dem Geſicht herabgekämmt,was man, glaub' ich, Ponyfranſen nennt. Mir gefälltdas ſehr. Es ſteht ihr ſo gut zu Geſicht. Ich hab'mich darüber gefreut und hätte ſie beinahe nicht wieder-erkaunt.“
Eben wollte die Frau erwidern, da hörte mandraußen das Gitterthor auf⸗ und wieder zuſchließen.„Das iſt Anna!“ ſagte Frau Ritter auflauſchend.„Aber allein? Wenn ſie Frau Rollenſtein mitgebrachthätte, müßte man doch auch die Hausthür ſchließen undin dem Flur das Aufſetzen ihres Krückſtocks hören.Man hat es doch bisher ſtets durch die dünne Ziegel-wand hindurch gehört.“
Der Eintritt in die Gärtnerwohnung geſchah näm-lich, wie wir hier erläutern müſſen, durch die Garten-pforte und eine Seitenthür des Hauſes, während derTreppenflur, welche zu der im erſten Stock befindlichenWohnung Frau Rolleuſteins, der Beſitzerin des Hauſesund des Gartengrundſtücks, führte, von dem Parterre-geſchoß durch eine Mauer geſchieden und nur durch dievordere Hausthür zugänglich war, durch welche außerder alten Dame Niemand ein⸗ und ausging.
Auna trat in's Zimmer, ein Gebetbuch in derHand, und bot Bruder und Schwägerin den üblichenGruß. Der Lenz der Jugend war auf ihrem Antlitzbereits verblüht, aber ſie beſaß jene intereſſanten, frauen-haften Züge, die bei manchen Brünetten von geſetztemAlter noch immer feſſeln, und jenes große ſchwarze,feurige Auge, deſſen Glanz ſich belebend dem Antlitzmitgelheilt. Dazu kam die üppige dunkle Haarfülle, dieſie ſeit neueſter Zeit ſo kokett zu tragen wußte, und dievolle und dabei doch ſchlank gewachſene Geſtalt.
„Haſt Du denn Frau Rollenſtein nicht mitge-bracht?“ frug Frau Ritter unruhig.
„Frau Rollenſtein? Ach je, Frau Rollenſtein!“entfuhr es den Lippen des Mädchens, als beſänne ſieſich jetzt erſt, wobei ſie die Hand vor die Stirn hieltund, wie aus einem Traume erwachend, rings umſich blickte.
Die Gärtnersfrau warf ihrem Manne einen be-deutſamen Blick zu, als wollte ſie ſagen:„Da haſt Dunun ſelbſt eine Probe von ihrer Vergeßlichkeit undTräumerei.“
„Frau Rollenſtein hat den Weg ja ſchon oft alleingemacht, wenn ihr, wie heute, abgehalten waret, dieAbendandacht zu beſuchen, und ich bei einem meinerOheime zu Beſuch weilte,“ ſagte Anna ſich raſch tröſtend.
Aber gerade jetzt, wo ſie von ſchwerer Krankheitgeneſen iſt, hätteſt Du die alte Dame unter keinen Um-ſtänden allein gehen laſſen ſollen,“ warf ihr die Schwä-gerin vor,„und nun gar heute, wo es draußen ſofinſter iſt! Und dazu der einſame Weg am Strom-ufer, wo die Laternen ſo dünn ſtehen, daß es einewahre Schaude für die Stadt iſt, die ſo große Summenfür Luxusanlagen zum Fenſter hinauswirft, für dieBeleuchtung eines Wegs aber, der zu einer Methodiſten-kapelle führt, kein Geld hat. Wenn der alten Damenun unterwegs irgend ein Strolch begegnete?“
„Warum ſollte ihr denn Jemand etwas anhaben?“wandte Anna ein.
„Warum? Trägt ſie nicht koſtbare Ringe? Kannnicht die ſchwere goldene Erbstette, an der ſich dasMedaillon befindet, das Auge irgend eines Gaunerslüſtern machen? So etwas funkelt auch im Dunkeln.
O Gott, wenn der Frau etwas geſchehen wäre! Es ge-fiel mir ſchon nicht, als ſie letzthin das Medaillon ver-loren hatte. Wenn das nur kein ſchlimmes Vorzeicheniſt! dachte ich bei mir. Ich hatte eine Baſe, die verlorauch ihr Medaillon mit dem Bilde ihres verſtorbenenMannes, das ſie ſonſt ſo ängſtlich hütete. WenigeTage ſpäter gerieth ſie unter die Hufe durchgehenderPferde und blieb auf der Stelle todt. Ihr Seliger hatteſie nachgezogen.“
„Wenn's der ſelige Herr Rollenſtein damit ſo eiliggehabt hätte,“ verſetzte Anna lächelnd,„ſo würde er ſichnicht ſchon ein Dutzend Jahre oder noch länger Zeitdamit genommen haben. Als ich übrigens ſo glücklichwar, das verlorene Medaillon im Garten zu finden,konnte ich der Verſuchung nicht widerſtehen, es zu öffnen.Das Bild darin iſt gar nicht dasjenige ihres verſtor-benen Gemahls, den das große Oelgemälde oben in FrauRollenſteins Wohnung mit ſo ſprechender Aehnlichkeitdarſtellen ſoll, ſondern es iſt die Photographie einesOffiziers.“
„So?“ ſagte Frau Ritter, ihre Ueberraſchung übereinen ſo lange mit ſich herumgetragenen Irrthum ver-bergend, während der Gärtner ſeine Schweſter mit offe-nem Munde anſah.
„Du mußt aber doch wiſſen, wo Du unſere alteDame gelaſſen haſt?“ inquirirte Sophie weiter, derenUnruhe fortwährend wuchs.
„Als die Andacht zu Ende war und ich mich mitFrau Rollenſtein noch nicht weit von der Kapelle ent-fernt hatte, wurde ſie von einem älteren Herrn ange-redet, welcher der Andacht ebenfalls beigewohnt hatte,“erzählte Anna.„Liebes Kind,“ ſagte der Herr zu mir,„bitte, laſſen Sie uns ein paar Augenblicke allein, ichhabe etwas mit der Dame zu beſprechen.“ Ich gingvoraus, blieb mitunter ſtehen, um zu warten, und daſie nicht kam, ging ich langſam nach Hauſe—“
„Ohne wieder an Frau Rollenſtein zu denken!“ergäuzte Sophie ſchnippiſch.„Haſt Du den alten Herrnſchon früher in unſeren Gottkesdienſten geſehen?“
„Nein, aber er war derſelbe,“ antwortete Anna,„der ſchon vorgeſtern hier war und mit Frau Rollen-ſlein ſprechen wollte. Du haſt ihn ja auch geſehen,“wandte ſie ſich an ihren Bruder.
„Ich erinnere mich genau,“ nickte dieſer,„als wirihm ſagten, daß die alte Dame keine Beſuche annehme,übergab er Dir ſeine Viſitenkarte und bat Dich, ſieFrau Rollenſtein zu überbringen und ihr zu ſagen, erlaſſe ſie in einer ſehr dringenden Angelegenheit um einekurze Unterredung erſuchen.“
„Wie heißt der Herr?“ frug Sophie neugierig ihreSchwägerin.
„Ich weiß es nicht,“ verſetzte Anna.
„Haſt Du denn ſeinen Namen nicht auf der Viſiten„karte geleſen?“
„O ja, aber ich habe ihn mir nicht gemerkt.“
Natürlich— vergeſſen, verträumt!“ höhnte Sophieund warf ihrem Manne wieder, wie vorhin, einen be-deutſamen Blick zu.„Gabſt Du die Karte ab, Anna?“
„Ja.“
„Und nahm Frau Rollenſtein den Beſuch des alten
Herrn an?„Nein,“ verſetzte Anna kurz.„Sie wurde ſogar ſehr aufgebracht,“ ergänzte derGärtner,„als ſie den Namen las, er ſei von allen