Ausgabe 
(5.1.1894) 2
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Menschen unter der Sonne der letzte, dem sie ihre Thüröffnen werde, ließ sie ihm sagen, er solle sich zum Kuckuckscheeren und sich nicht einfallen lassen, ein zweites Malzu kommen. Und noch viel stärkere Ausdrücke gebrauchtesie, nicht wahr, Annas"

Es war dem Mädchen offenbar nicht lieb, daß ihrharmloser Bruder die unwilligen Worte der alten Frauwiederholte, denn sie ward sich jetzt erst bewußt, einenFehler begangen zu haben, dem so schroff Abgewiesenennun doch zu der früher vergebens erstrebten Unter-redung behilflich gewesen zu sein.

Von dieser Seite faßte denn auch Sophie die Sachesogleich auf.

O, Du unvorsichtiges Mädchen!" rief sie in bitte-rem Vorwurf,das begreift ja ein Kind, daß sich deralte Herr nur in die Abendandacht eingeschlichen hat,nm Frau Nollenstein dort aufzusuchen und sich auf demNachhauseweg an sie heranzumachen. Du wußtest, daßsie sich den zudringlichen Menschen durchaus vom Halsehalten wollte, und läßt ihn dennoch mit ihr allein!"

Ei! was gehen mich schließlich Frau NollensteinsAngelegenheiten an!" entgegnete Anna mürrisch, indemsie ihren Hut auf den Tisch warf.

Glaubst Du, sie wird es ruhig hinnehmen, daßDu ihr diesen Streich gespielt hast?" schalt Sophieweiter.Du kennst ihren nachtragenden Charakter, Duweißt, wie schwer sie etwas verzeiht."

Ich fürchte mich vor ihrem Strafgericht nicht immindesten," lachte Anna verächtlich, heftig an ihren Hand-schuhen zerrend.

Du nicht, nein," rief Frau Ritter ,aber wir.Dein Bruder und ich, wir werden dafür zu büßen haben.Sie wird den demnächst ablaufenden Pachtkontrakt nichtwieder erneuern, und dafür dürfen wir uns dann beiDir bedanken."

Das wird sie bleiben lassen," versetzte Anna,denn so gutmüthige Pächter, die für ihr schweres Geldsich von ihr auch zu allerlei und unterthänigcn Dienstengebrauchen lassen, findet sie gewiß nicht wieder. Höch-stens wird sie Euch im Pachte steigern; das hat sieaber bisher bei jedem neuen Pachtabschlusse gethan, dennihre Habsucht und ihr Geiz"

Bst!" zischte Sophie mit erhobenem Finger, alskönnte die Abwesende es hören.

Ja wohl, ihre Habsucht und ihr Geiz schreien zumHimmel," fuhr Anna, durch die Reden ihrer Schwägerinschon längst gereizt, nur noch lauter und heftiger fort.Es ist eine Sünde und Schande! Auf eine Millionschätzt man das Vermögen dieser Fran, sie könnte ineinem Vierspänner fahren, statt an ihrem Stock einher-zuhinken, hält sich aber nicht einmal ein Dienstmädchen,ißt sich nicht ordentlich satt, gönnt Anderen kgum"

Bst!" wiederholte Sophie mit aus den Höhlenquellenden Augen und beugte sich wüthend gegen dieSchwägerin vor.

Bst!" sekundirte ihr jetzt auch Ritter, von derFurcht seiner Frau angesteckt.

Aber schwerlich würde Anna sich dadurch im Flußihrer Rede haben aufhalten lassen, wenn nicht ein vondraußen wahrnehmbares Geräusch, welchem Bruder undSchwägerin plötzlich lauschten, auch ihre Aufmerksamkeitin Anspruch genommen hätte.

An der vorderen Hausthür, die zu Frau Rollen-stein's Wohnung führte, ließ sich nämlich das bekanute

Knarren des Schlüssels hören. Es wurde auf- undwieder zugeschlossen, dann vernahm man in dem Haus-flur schlürfende Schritte und unterschied bei jedem zwei-ten Schritt deutlich das Aufsetzen des Krückstocks.Tapp!tapp!" schleppte es darauf langsam die hölzerne Treppehinauf und endlich hinkte es, gerade über den Köpfender Lauschenden, im oberen Zimmer herum.

Gott sei Dank, sie ist da!" unterbrach FranRitter, wie von einem schweren Alp befreit, das herr-schende Schweigen, worauf Anna, ebenfalls erleichtertanfathmend, mit einem sehr kurzenGute Nacht" sichin ihr anstoßendes Gemach zurückzog und auch der Gärt-ner, nachdem er die Lampe ausgelöscht, die nächtlicheRuhe aufsuchte.

Gebe nur Gott," flüsterte Sophie,daß sie imVorübergehen die Schimpfreden Deiner Schwester nichtgehört hat, die Fensterläden sind gar so dünn!"

Und ihr Gehör ist gar fein!" dachte Ritter, sagteaber nichts.

Hierüber hätte sich das Ehepaar beruhigen können,wohl klang es um diese Zeit in den Ohren der altenDame, aber es waren die Wellen, die darin flüsterten,die Ohren waren für immer taub und das ungeschmeichclteCharakterbild, welches Anna mit harten Strichen vonihr entwarf, war ihr Nekrolog gewesen.

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(Fortsetzung folgt.)

Die Hand.

Von Maximilian Dursch.

lNachdruck vnroiM'l

Die Geschichte der Menschheit ist die Geschichte derHand. Was wir sind, was wir besitzen, verdanken wirihr. Was ist aller menschliche Scharfsinn, aller Er-findungsgeist, was der mächtigste Wille ohne die Hand sSie ist das vollkommenste Glied unseres Körpers, das,ausgerüstet mit mannigfachen, vorzüglichen Eigenschaften,ebenso leicht die gewaltigsten Aufgaben menschlichenStrebens, wie die geringsten Verrichtungen kunstreicherGeschicklichkeit vollbringt.

Mit Recht nennt sie Herder daSWerkzeug einesimmerwährenden Tastend nach neuen, klaren Ideen".Die Hände entsprechen durchaus den Geistesgaben, derIntelligenz des Menschen, und darauf hat bereits Aristoteles ,der größte Gelehrte und Beobachter aller Zeiten, hin-gewiesen, indem er sagte:Der Mensch hat Hände, weilex das weiseste Geschöpf ist."

Wie viele vorzügliche Eigenschaften vereinigt dieHand in sich I Welche Kraft, welche Gewandtheit, welcheZartheit wiederum vermag sie in ihren Handlungen zuentwickeln! Reizbar und feinfühlig, leitet sie ihre Be-wegungen mit der größten Sicherheit, mit bewunderungs-würdiger Schnelligkeit, Mannigfaltigkeit und Eleganz.Und wie schön und zweckentsprechend ist sie gebildet, wiekunstvoll das Gefüge ihrer Knochen und Sehnen, wieverwickelt und doch dem Willen stets dienstbar derMechanismus der Muskeln, und wie reich vertheiltin ihr sind die nahrungspendeuden Blutgefäße und dietastenden Nerven!

Was wir sind, waS wir haben, das erwarb unsdie Hand. Seht ihr jene Kornfelder, wie sie, wind-bewegt, ihre goldenen Wellen schlagen? Der Hand des