Ausgabe 
(5.1.1894) 2
Seite
12
 
Einzelbild herunterladen

12

Landmannes verdanken wir sie. Jene Heerden auf grünerTrift was wären sie uns, könnten wir ihr Fleischund ihre Milch nicht zur Nahrung, ihre Haut nicht zumSchutze unserer Füße, ihre Knochen nicht zu Werkzeugenaller Art verwenden? Aber das vermögen wir nur durchdie Hand. Unsere Kleidung ist ihr Werk. Sie schufaus dem Flachs das blendende Linnen, sie wob aus derWolle das warme Tuch, aus dem Gespinst der Raupedie schimmernde Seide. Die Hütten der Armen unddie Paläste der Fürsten , die prachtvollen Dome undhimmelanstrebenden Thürme wer baut sie denn andersals der Fleiß geschickter Hände? Auf eisernen Pfadenbraust das Dampfroß einher, die volkreichsten Städte,die einsamsten Dörfer verbindend; hoch durch die Lüftevon Land zu Land trägt der Zauberdraht unser Wort.Das sind die Werke der Hand. Selbst das Meer machtsie uns Unterthan. Stolze Schiffe mit werthvollenLadungen führt sie durch seine Wasscrwüste und ausseinen Tiefen holt sie die kostbarsten Schätze. Undwas wären Kunst und Wissenschaft ohne sie? Großesdanken wir ihr. Zum Götterbilde gestaltet die Handdes Meisters den Marmorblock. Auf die todte Leinwandzaubert der Pinsel in der Hand des Malers das blühendeLeben, die Schönheit, die prangende Welt. Eine Füllestnnberauschender Melodien entlockt des Künstlers Handjenem Gebilde, das so seelenvoll weint und klagt, jubeltund jauchzt. Und welches Wissen, welche Gelehrsamkeitist in unzähligen Büchern niedergelegt von der Handgeistreicher Männer!

Aber allerdings,was Hände bauen, können Händestürzen". Verwirrung, Verderben, Unheil, Noth und Tod zwei winzige Hände können sie schaffen, wenn sie sichausstrecken nach dem Hab und Gut des Andern, wennsie sich mit Blut beflecken. Die furchtbarste Geißel derMenschheit, der Krieg, ist ein Werk der Hand. Un-barmherzig mordet sie das blühende, kraftvolle Leben;Städte sinken durch sie in den Staub und Paläste zer-trümmert sie. Nicht Tugend schont sie und Recht; andas Schöne und Edle, an das Hohe und Heilige wagtsie sich frevelnd heran.

Die Bedeutung der Hand ist ausgedrückt in vielenSprichwörtern alten, zum Theil biblischen Ursprungs,und die geflügelten Worte, die sich aus die Hand be-ziehen, lassen die Hochschätzung dieses Gliedes erkennen.Eine Hand wäscht die andere",Hand muß Handwahren"In Hand und Halter geben"Umdie Hand anhalten"Die linke Hand soll nichtwissen, was die rechte thut"Aergert dich deineHand, so haue sie ab!"

Ja, wir übertragen sogar die Eigenschaften einerPerson auf ihre Hand und sprechen von einer milden,barmherzigen, von einer grausamen und mächtigen, voneiner lieben Hand. Wir sagen,die Hände sind ihmgebunden", oderseine Hand reicht weit".

Die Hand hat auch eine eigene, sehr verständlicheSprache, durch die sie alle Regungen der Seele, alleGefühle des Herzens auszudrücken vermag. Vor Freudeoder Staunen schlägt man die Hände zusammen; inbanger Furcht, in Schmerz und Verzweiflung ringt mansie; im Zorne ballt man sie zur Faust; drohend, warnenderhebt man ihren Finger. Beim Gruße wie beim Ab-schied reicht man sich die Hand; Freunden winken wirmit ihr, lästige Menschen weisen wir ab. Und welchbekedte Spräche führt die Liebe durch sie! Ein sanfter

Druck von ihr, ja schon die leiseste Berührung verräthuns die Gefühle im fremden Busen.Was die Lippenicht zu sagen wagt, die Hand bringt es zum Ausdruck."Gedenken wir des Händedrucks der Liebe, des zartenSpieles geheimen Drucks und Gegendrucks! Werhat nicht schon in Stunden der Leiden die Wohlthateines teilnehmenden Händedrucks empfunden? Und wievermag der warme Händedruck der Mitfreude einHerzensglück noch zu erhöhen! Ja, eine liebe Handkann gar Vieles ausdrücken, sie kann mit unsweinen, uns trösten, mit uns glücklich sein!

Nach der Art seines Händedrucks kann man aufdas Innere des Menschen schließen, denn wie wir dieHand geben, so denken, fühlen, so sind wir. Liegt esdoch so nahe, daß der volle, warme Händedruck einwarmfühlendes Herz, ein feuriges, heißes Temperamentkennzeichnet, daß ein schwacher, lauer oder kalter aufdas Gegentheil hinweist. Man achte einmal darauf,wie leicht und lose manche Menschen ihre kühlen Fingerin unsere Hand legen, nein, das bekundet kein herz-lichesWillkommen", kein warmesLebewohl", keinhoffnungsfrohesAuf Wiedersehen!"*)

Nicht unerwähnt bleiben darf die Gelberden- undZeichensprache. Auch sie ist das Verdienst der Hand.Aber durch sie spricht nicht das Herz, sondern der Ver-stand, sprechen nicht Gefühle, sondern Gedanken. Beider Geberdensprache ist die Hand für den TaubstummenZunge und Gehör. Wie viele Unglückliche sind durchsie einem Zustande entzogen, der an die Natur desThieres grenzt!

Bei allem Hohen und Heiligen, das uns bewegtund erfüllt, gebrauchen wir die Hand. Zum feierlichenEidschwur erheben wir sie, und mit einem Handschlagverpfänden wir unsere Ehre. In Liebe, Dankbarkeitund Verehrung küssen wir die Hand, die uns Gutes er-weist. Innig und warm drücken wir die Freundeshand,wenn wir den heiligen Bund der Treue schließen, unddas Zusammenlegen der Hände einigt zwei Menschen fürLeben und Ewigkeit. Sanft ruht die Hand auf unsermHaupte, wenn ein liebreicher Mund Worte des Segens,Worte des Trostes spricht. Im tiefsten Weh sind esdie Hände, die wir flehend zum Himmel emporheben,und wiederum im höchsten Glück, da falten wir sie zuinbrünstigem Gebet.

Aus dem Baue, dem ganzen organischen Gefügeder Hand geht ihre größte Zweckmäßigkeit für alle nurmöglichen Verrichtungen hervor. Die geringfügigsteThätigkeit der Hand, das kleinste Zeichen mit demFinger läßt eine große Menge von Muskeln in Wirk-samkeit, ebenso viele aber wieder außer Wirksamkeittreten. Die Einen spannen an, die Andern erschlaffen,immer aber werden sie mit der größten Sicherheit undGenauigkeit geleitet, und geradezu bewunderungswürdigist die Thätigkeit der kleineren Muskeln in der Hand-fläche und zwischen den Knochen der Mittelhand, welchean die nahen Enden der Fingerknochen angefügt sind.Mit diesem feinen Muskelapparate erhalten die Finger eineerstaunliche Beweglichkeit, die auch in Bezug auf Zart-heit und Feinheit in der Ausführung nichts zu wünschenübrig läßt. Es sind dies vorzugsweise die Organe,denen die Musiker ihre Fertigkeit im Spielen musikali-scher Instrumente zu danken haben. Die Hand würdeaber ihre Verrichtungen in dem ihr angewiesenen großen

L

*) M. Polchau.