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Umfange nicht auszuführen vermögen, das Gefüge derKnochen, Bänder, Muskeln, Gefäße und Nerven würdeden Einflüssen äußerer Gewalt bald unterliegen, wenndie Handflächen, die inneren Seiten der Finger und ihreSpitzen nicht durch fleischige Kissen, durch nachgiebigestarke Wülste, die zugleich die Apparate zur Ausübungdes Tastsinnes bilden, vor Gefahren geschützt würden.Diese Kissen bilden in der Hohlhand mit Hilfe eines querüber die Hand gehenden, kräftig wirkenden Muskelsnicht nur eine natürliche Vorrichtung zum Wasserschöpfen,den Becher des Diogenes, sondern an den Enden derFinger auch die vorzüglichste Einrichtung zum Tasten.Mittels dieser prallen, elastischen Wulst des Fingers istder Mensch befähigt, bewunderungswürdig fein zu fühlen.Mit ihm fühlt der Arzt den Arterienpuls. Kein anderesOrgan ist dazu so vollkommen geeignet, wie der Finger,und selbst die feinfühlige Zunge vermag wegen derWeichheit ihres Gefüges den Pulsschlag im Hand-gelenk nicht zu erfassen.
Gleichsam als zweite Hand oder mindestens alsGehilfe der größern kann der Daumen angesehen werden.Denn vermöge einer Anhäufung von Muskeln, welcheden Ballen des Daumens bilden, besitzt er eine Beweg-lichkeit, eine Geschicklichkeit und Kraft, die ihn nicht nurzum unentbehrlichen Mithelfer der Hand, zu ihrem wich-tigsten Gliede macht, sondern ihn auch zu zahllosen selbst-ständigen Leistungen befähigt.
Am Ende der zehn Finger befinden sich, schildartig,die Nägel. Sie sind nicht nur der unentbehrlicheSchutz der Fingerspitzen, sondern auch eine herrlicheZierde der Hand; nichts verunstaltet letztere mehr alsbis auf das Fleisch kurz abgebissene Nägel; pfui!
Betrachtet man Größe, Form und Farbe der Händeeines jeden Einzelnen, erinnert man sich des Gefühlesbei der Berührung einer fremden Hand, so muß mangestehen, daß die Verschiedenheit sehr groß ist. Da findetman breite und plumpe, schmale und schlanke, feste undzarte Hände; es gibt weiche und rauhe, schwache, aberauch kraftvolle Hände; Alabasterhände gibt es, derenMarmorkühle uns durchschauert, und Hände, weiß wieBlüthenschnee, deren Berührung wohlthut, bis ins innersteHerz. Unangenehm weiche Hände findet man, und solche,denen wir es ansehen und anfühlen, daß sie niederenLeidenschaften fröhnen. Jedem verständlich, tragen dieEinen das Merkmal körperlicher Gesundheit zur Schau,während Andere, bleich und durchsichtig, verrathen, wieoft sie auf einem kranken Herzen geruht. Es gibt end-lich Hände, die von Fleiß und emsiger Wirthschaftlichkeitsprechen, während uns andere schließen lassen, daß siewohl mit Rosen zu tändeln und anmuthig den Fächerzu bewegen wissen, aber niemals des Hauses Leitungsicher zu führen und segensreich zu walten.
Die Schönheit der Hand schätzen manche Leutehöher, als die des Gesichtes, und Viele beurtheilen denMenschen nach seiner Hand. Und vielleicht nicht mitUnrecht. Eine Gabe aus schöner Hand — ist sie unsnicht doppelt angeuehm, und wird sie uns nicht zumEkel, wenn sie aus einer häßlichen Hand kommt?Darum sollen die Hände immer sorgfältig gehalten wer-den; verständige Pflege läßt selbst Unvollkommenheitenin Form oder Größe minder bemerkbar werden.
Eine schöne Hand ist um so höher zu schätzen, alsihre Schönheit bis in's hohe Alter sich erhält.
Für den Künstler ist es eine der schwersten Auf-
gaben, eine Hand bis in alle ihre feinsten Nuancenund Linien wahrheitsgetreu darzustellen.
Ein berühmter Maler äußerte einst, es sei leichterfür ihn, eine vollständige Landschaft auf die Leinwandzu schaffen, als eine einzige tadellos ausgeführteMenschenhand. Manches Gemälde wäre ein Meister-werk zu nennen, wenn nicht die Unnatürlichkeit derForm oder Haltung der Hände, die Häßlichkeit derFinger oder der Nägel zu störend wirkte.
Auch die gebildeten Völker des Alterthums wußtendie hohe Bedeutung der Hände nicht nur wegen ihrerEigenschaft als unumgänglich nothwendige Kunstgehilfender Seele zu schätzen, sondern sie bewunderten auch anihnen die Schönheit der Formen und bemühten sich inFolge dessen, den Händen die größte Pflege angedeihenzu lassen. Alle Völker des Orients, namentlich aberdie in den Harem eingeschlossenen Schönen, welchen derPutz und die Schmückung des Körpers als die alleinigeLebensaufgabe galt, waren eifrig darauf bedacht, dieHand sorgfältig zu Pflegen und ihre natürliche Schön-heit zu erhalten und zu erhöhen. Wir wissen dies z. B.von den Indern, die sich überhaupt ein feines Gefühlfür Schönheit und Ebenmaß angeeignet hatten. Siehielten eine kleine, schlanke Hand für eine Bedingungjeder Schönheit, und man wird nicht fehl gehen, wennman annimmt, daß die Ringe von den Indern ursprüng-lich zu dem Zwecke erfunden worden waren, um dieFinger durch fortgesetzten sanften Druck, durch eineschützende Decke schlank und zart zu erhalten. Die Sorg-falt, die Schönheit der Hände zu bewahren und die Fingermit Ringen zu schmücken, lebt auch bei den Orientalender Gegenwart noch fort, und namentlich sind es dieHindu, welche im Ebenmaß und in der Niedlichkeit derHände ihr höchstes Ideal sehen. „Die Hände der Hindu",sagt ein berühmter Orientreisender, „sind zart gebautund gleichen einer feinen Weiberhand, daher auch dieGriffe der indischen Säbel für die meisten europäischenFäuste zu klein sind."
Bei den schönheitsliebenden und hochgebildetenGriechen wurden solche Hände für vollkommen gehalten,die mäßig voll waren und bei denen sich über den Knöchelnder Finger kaum merklich gesenkte Grübchen, die mehrwie sanfte Beschattungen bemerkbar waren, vorfanden.Die Finger mußten lang und zart sein und sich unver-merkt abrunden. Die Römer kamen in diesem Geschmackmit den Griechen überein und theilten der Minerva dieschönste Hand, der jugendlichsten aller schönen Göttinnenaber, der Diana, die schönsten Finger zu.
Auch unsere Vorfahren stellten dieselben Forderungenan die Hand. Sie fanden das Ideal derselben in derWeiße und Weichheit der Haut, in der Kleinheit undder länglichen schmalen Form, sowie in laugen, geradenFingern mit spitzem Ende und glänzenden, rosenfarbenenNägeln. —
Wie die Pflege der Hand überhaupt, so fand ins-besondere die Pflege der Fingernägel bei den Römerndie höchste Beachtung. Namentlich hielten sich die vor-nehmen Damen, welche in ihren Toilettenzimmern einHeer von Dienerinnen um sich versammelten, zur Pflegeder Nägel kunstgeübte Sklavinnen, die sich zum Putzenund Glätten derselben statt einer Scheere kleiner silbernerZangen und feiner Messerchen bedienten, aber auch häufigGebrauch von allerlei Säften, Kräutern und mineralischenPulvern machten, um die rauhen Unebenheiten und Neben-