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auswüchse der Nägel abzuglätten und zu entfernen. Erstdann hatte der Nagel unter der geschickten Hand derSklavin seine vollkommene Schönheit erreicht, wenn er,regelmäßig beschnitten und rein abgeglättet, in sanfterFleischfärbung erglänzte.
Vielleicht noch mehr als heutzutage beachtete manvor zwei Jahrtausenden schon, daß zu den Bewegungender Hand, wodurch sich der Mensch klar und verständlichmachen, seine Empfindungen so schön und ausdrucksvolldarlegen kann, auch schöne Finger und ein wohlgepflegterNagel erforderlich seien. Und in der That, zu keinerZeit hat man es besser verstanden, die Hand als einWerkzeug des Ausdrucks zu gebrauchen, wie im Alter-thum. Namentlich waren es die Nömer, welche beimSprechen lebhaft gestikulirten und das Verständniß derRede durch häufige und geschickte Bewegungen mit Hän-den und Füßen vermittelten. Diese Geberdensprachegewann noch an Bedeutung, als man anfing, die Haud-bewegnugen in bestimmte Regeln der Kunst zu bringen.Es entstand so die Cheironomie oder die Kunst, mit denArmen, Händen und Fingern regelmäßige Biegungen,Wendungen und Geberden hervorzubringen. Sie wurdegleichsam als eine Vorbereitungslehre zur nachahmendenTanzkunst angesehen, bei der es im Alterthum wenigerauf die Gelenkigkeit der Füße, als auf die ausdrucks-volle Beweglichkeit der Hände und Finger ankam, so daßder sachverständige Ovid nicht die Füße, sondern nurbiegsame Hände als Erforderniß zum guten Tanze an-gibt. Wie der Taubstumme die Hand zur Dolmetscherinseiner Empfindungen macht, so verstanden es namentlichauch die orientalischen Haremsdamen, nicht minder aberdie Römerinnen, durch die Sprache der Finger Mit-theilungen irgend welcher Art an die richtige Adresse zubringen. Die Finger aber, welche eine so beredte Spracheführten, mußten sich selbstverständlich auch durch Schön-heit und Ebenmaß, durch Zierlichkeit und glänzendeFleischfärbung der Nägel auszeichnen. Unsere Schau-spieler, ja auch die Kanzclredner verdanken ihre Erfolgewesentlich den maßvollen, schönen und ausdrucksvollenBewegungen der Hände, und auch die Maler haben esverstanden, auf ihren Bildern die Sprache der Händezum Ausdruck gelangen zu lassen.
Dem Alterthume entstammt auch die Kußhand.Sie ist religiösen Ursprungs und diente anfangs nurals Ausdruck der Gottesverchrung. Später, zumal inder römischen Kaiserzeit, ward ihr Gebrauch allgemeiner.Otho wendete als Kaiserkaudidat Kußhändchen dem Volkegegenüber an, um ihm zu schmeicheln; Nero lehnte einenEhrenkranz für sein Zitherspiel ab, indem er dem ver-sammelten Publikum eine Verbeugung machte und Kuß-hündchen zuwarf. Ueberhaupt dankte der Schauspieler,wenn man ihm Beifall klatschte, durch Kußhändchen, undder Bettler suchte dadurch die Aufmerksamkeit der Vorüber-gehenden zu erwecken. —
Wenden wir uns nun zum Schlüsse der Chirognomiezu, der Lehre von der Beschaffenheit der Hand und ihrerGestalt als ein Ganzes, die besonders von dem Kapitänd'Arpentigny in den fünfziger Jahren unseres Jahr-hunderts in ein System gebracht wurde.
Henri Delaage weist in seiner „kerksotionnemsutxl^sigus äs Irr raes IrurnLivs« nach, daß die Körper-gestalt das Nelicfbild des moralischen und geistigen Wesensdes Menschen sei; die Gedanken und Empfindungen ver-leihen der Gesichtsbildung ihren Ausdruck, bringen ihn
entweder dem Thiere näher oder verschönern ihn durchpoetischen Hauch. Die Hand ist ebenso eine Physiognomiewie das Gesicht; eine schöne Hand ist ein von der Naturmitgegebener Empfehlungsbrief, aber während Gesichtund Gehirn unter den gestaltenden Einflüssen der Ver-gangenheit und Gegenwart sich heransformen, soll dieHand das Buch der Zukunft sein. Die Hände sind daslebende Wappen, das ein Kind wie eine Erbschaft indie Welt mitbringt; sie sind daS Kennzeichen der Nasse.Die Hände aristokratischer Familien sind wesentlich ver-schieden von denen der Bürger oder der unteren Volks-klassen; schöne Hände, die durch edle Form, durch wunder-bar feines, bläulich und scharf durch die elfenbeinfarbeneHaut hindurchleuchtendcs Geäder, sowie durch rosige, ge-wölbte, lange Nägel entzücken, sind wie Adelsbriefe, dievon einer Reihe edler Vorfahren Zeugniß ablegen. —Thackeray hebt hervor, daß es vor allen anderen Glied-maßen die Hände seien, welche durch die Art der Be-schäftigung am meisten in ihrer Formation beeinflußtund bestimmt werden. Eduard Reich bemerkt, daß dieBedeutung der Hände für das Seelenleben immer größerwird, je höher die Stufe organischer und socialer Ent-wicklung des Menschen ist. Merkwürdig aber sei es,daß die Intelligenz nicht so großen Einfluß auf dieVerfeinerung der Hände ausübt, als das Gefühlsleben,und je höher dieses in guter oder böser Richtung poten-ziert ist, desto feiner organisirt sehen wir die Hände.Viele der größten Geister besaßen Hände, die einemLandsknechte des Mittelalters Ehre gemacht hätten, währendMenschen mit höchst entwickeltem Gefühlsleben meistensvergeistigte, ätherisch schöne Hände auszuweisen haben.
d'Arpentigny theilt die Handformen in sieben Kate-gorien: elementare, schanfelähnliche, künstlerische, nützliche,philosophische, seelische und gemischte. Die elementareHand zeigt eine sehr niedrige Stufe der Civilisationan; ihr Handteller ist mächtig groß, dick und hart, dieFinger klotzig, ungelenk; „eL ist die Hand der gröbstenArbeit, ihr Inhaber kann sein Glück namentlich im Kriegeals tüchtiger Dreinschlägcr machen." Die schanfelförmigeHand zeigt einem Grabscheit ähnliche erste Fingerglieder.Leute mit solchen Händen sind außerordentlich thätig,in steter Bewegung, im Frieden tüchtige Handwerker oderAnhänger leichter Liebhabereien, im Kriege muntereSoldaten; Billardspieler von Profession; die Tanzboden-könige, Fechtmeister und dergleichen haben fast immerSchaufelhände. — Die künstlerische Hand hat im erstenGliede ziemlich starke Finger, die mehr oder minder kegel-förmig spitz zulaufen; der Daumen ist klein, der Hand-teller gut entwickelt. Menschen mit solchen Händen suchenalles Schöne nur in der Gestalt, ziehen das Schöne demNützlichen, die Form dem inneren Wesen vor. Enthu-siastische Schwärmgeister, auch Abenteurer, Glücksjäger,von ihrer Verschmitztheit lebende Personen besitzen fastausnahmslos derartige Hände. — Die nützliche Handist von mittlerer Größe, hat plumps- Finger mit vier-kantigem Endgliede, großen Daumen mit stark entwickelterWurzel. „Dies ist die Hand der Mehrzahl der Indu-striellen und Bourgeois", die das Bequeme an Stelledes Schönen setzen, — der Menschheit nützliche Leute,die Eisen- und Pferdebahnen anlegen, sich mehr bequemals elegant kleiden, für welche Liebe und Ehe häufignur ein materielles Geschäft sind. — Die philosophischeHand hat einen ziemlich großen, elastischen Handteller,starke Fingergelenke, einen großen Daumen. Eine solche,
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