Ausgabe 
(5.1.1894) 2
Seite
15
 
Einzelbild herunterladen
  

15

von allen anderen am leichtesten zu unterscheidende Handbesitzen die Grübler in wissenschaftlichen Dingen, dieForscher. Die seelische Hand ist ohne Zweifel die schönsteund auch seltenste: die aristokratische Hand. Sie ist imVerhältnisse zur Körpergröße klein und fein, der Hand-teller mittlerer Größe, die Finger gelenkig, die Finger-gelenke wellig und schlank. Sie ist das Anzeichen elegantharmonischer Bewegungen, der Sitten der besten Gesell-schaft, aber Zur Arbeit ungeeignet, befähigt sie nurzu einem Leben gleich dem der Böge! unter dem Himmeloder der Lilien auf dem Felde. Eine solche Hand istdas Entzücken der Frauen. Die gemischte Hand,welche überaus häufig vorkommt, läßt sich in keine dieserKategorien einreihen, sondern zeigt Kennzeichen aus ihnenallen gemischt.

Kleine Daumen zeigen einen Gefühlsmenschen an,der mehr dem Impulse als der kalten ruhigen Ueber-legung folgt.

Auch die Fingcrnägel haben ihre Bedeutung. Langgeformte Nagel kennzeichnen eine gesunde Natur undeinen mißtrauischen Charakter; lange und breite Nägelverrathen Leichtsinn und Verschwendung, ebenso kleine,halbkreisförmige; kleine, runde Nägel bezeichnen einenzornigen verdrießlichen Menschen; kleine, eingebogene Nägellassen auf Ehrgeiz und Hoffart schließen; flache auf Uu-offenheit und Falschheit; dicke, fleischige auf Trägheitund rohe Sinnlichkeit, während endlich schön gezeichnete,mandelförmige Nägel einen vornehmen Charakter, Stolzund Idealismus kennzeichnen.

Um nun zu prüfen, ob und wie viel Wahres inObigem enthalten sei, ist das einfachste Mittel, an derHand der Selbsterkenntnis; feine eigene zn studieren oderdie Hände von Freunden und Bekannten darauf hin zuuntersuchen. Zu einem sicheren Erfolge ist aber Erfahr-ung und reiche Kenntniß des Lebens erforderlich. Ebensowie gebildete Leute an Phrenologic glauben, ist diesauch mit der Chirognomie der Fall; oftmals macht maubei Anwendung ihrer Lehren erstaunliche Entdeckungen,oftmals aber kommt man auch in die Lage, auf sichselbst einen Vergleich aus dem Thierreiche anzuwenden.Wie immer, liegt auch hier die Wahrheit in der Mitteund thut die Phantasie ein klebriges.

--

Münchens Bierbrauereien.

München steht in Bezug auf eigenen Vielverbrauchund in Bezug auf Güte und Weltruf seines Gebräuesunter allen biererzeugendcn Großstädten der Erde zweifel-los in erster Linie. Viele, so schreibt dieK. Z.",unter den dreißig jetzigen Brannbierbrauereien Münchens haben eine mchrhnndertjährige, in ihrer Art nicht un-interessante Geschichte, wie denn z. V. am 27. September1889 vom kgl. Hofbräuhaus und dieses Jahr von derEberl - Faber - Brauerei der Jahrestag des 300jährigenBestehens festlich begangen worden ist. Daran, daß,abgesehen von der eigenen Brauerei im Hause, dasBrauwesen bis zum 11. und 12. Jahrhundert fast aus-schließlich und auch seitdem noch vielfach in den Klösternbetrieben wurde, erinnern die Augnstincrbrauerei unddie die Salvatorbrauerei der alten Paulaner Möncheweiter cnltivirende Zacherlbrauerei, während der Francis-caner- oder Leistbräu blos die Zufälligkeit des Namensmit der Brauthätigkeit der Frait^scanermönche gemein-

sam hat. Obwohl nicht alle Brauer dies gelten lastenwollen, ist es doch zweifellos, daß die bayerische Bier-Industrie ihre Blüthe theilweise der mittelalterlich strengen,die Verwendung aller andern Grundstoffe als Malz, Hopfenund Wasser mit hoher Strafe belegenden Gesetzgebung, sowiedem durch das staatliche Hofbräuhaus gegebenen gutenVorbild verdankt.

Unter allen biererzeugenden Ländern steht Deutsch-land in erster Linie (innerhalb Deutschlands wiederumBayern und innerhalb Bayerns die Stadt München );demnächst kommen in der Reihenfolge England, Nord-amerika, Oesterreich-Ungarn, Belgien und Frankreich .Auf dem europäischen Continent galten bis vor Kurzemund gelten noch vielfach heute die beiden MünchenerNiesenbraueienZum Löwenbräu" (Actiengcscllschaft)undZum Spaten" (Privatbesitz der Gebrüder Anton,Johann und Karl Sedlmayr) in Anbetracht ihrer un-geheuren Biererzeugung als die größten. Bei vollemBetrieb geht aus jeder dieser beiden Brauereien täglicheine Viermenge hervor, die für eine halbe MillionSeidel Bier ausreicht. Dabei sei bemerkt, daß jedwededas fertige Bier berechnende Statistik auch für Bayern blos auf Schätzung beruhen kann, während wegen derstaatlichen Malzbesteuerung die Statistik des von den ein-zelnen Brauereien verbrauchten Malzes, wie sie in Bayern alljährlich am 1. Juli veröffentlicht wird, sehr genau ist.Bei der Umrechnung des verbrauchten Malzes in fertigesBier läßt die bayerische Regierung auf je 100 HektoliterMalz 220 Hektoliter Bier entfallen, während in Wahr-heit bei dem jetzt üblichen Münchener Brauverfahrenblos etwa 205 bis 206 Hektoliter Bier herauskommen.Nun sind 1892 in München 2,954,798 HektoliterBraunbier gebraut worden, wovon die größere Hälftemit 1,586,505 Hektoliter an Ort und Stelle aus-gctrunken, die kleinere dagegen mit 1,372,260 Hektoliterin den eisgekühlten eigenen Waggons der Großbrauereien(Spatenbräu besitzt deren allein gegen 150) nach allenHimmelsrichtungen versandt wurde. Jener vielleicht1000 Waggons umfassende und ausschließlich der Bier-ansfuhr dienende Wagenpark, wie er sich dem mit derEisenbahn Ankommenden als das Erste darstellt, waSer von München erblickt, gehört entschieden mit zu denSehenswürdigkeiten der süddeutschen Großstadt. Vonsämmtlichen 30 Brannbierbrauereien Münchens sind imSndjahre 1892/93 1,346,606 Hektoliter Malz ver-braucht worden, wovon auf die beiden größten Anlagen(Löwcubräu und Spatenbräu) je fast eine ViertclmillionHektoliter, auf die kleinste dagegen blos 68 Hektoliterentfallen. Die Reihenfolge der bekannteren Brauereienist nach dem Malzverbranch von 1892/93: Löwcubräu,Spatenbräu, Leistbräu (auch Franciscaner-Bräu genannt),Pschorrbräu, Augustinerbräu , Bürgerliches Brauhaus,Hackerbräu, Zacherlbrän, Hofbräu, Kochclbräu, MünchnerKindl, Eberlbrüu u. s. w. Aeußerst feine, für den Nicht-fachmann ganz unwesentliche Unterschiede abgerechnet,wird in allen Münchener Sudhäusern genau nach demgleichen, von altersher empirisch festgestellten Recept ge-brant.' Die Theorie namentlich deS Gährungsproccsses,die von dem jetzt verstorbenen, um Münchens Brauwesenhochverdienten Commcrcienrath Gabriel Sedlmayr ausEngland auf bayerischen Boden verpflanzt wurde, hatweniger an der Beschaffenheit des Bieres geändert, alsdaß sie durch Verbesserung der gewaltigen maschinellenAnlagen den Betrieb im Großen erleichterte und auch