Ausgabe 
(9.1.1894) 3
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unterwirft, und da meine Wünsche stets auch die ihrigengewesen sind, so kann ich mich für ihren kindlichen Ge-horsam verbürgen."

Marmorblässe bedeckte das Antlitz des jungen Mäd-chens, während sie diese Worte sprach, und ihre bebendeStimme stockte zuweilen, aber um ihren Mund lag derZug fester Entschlossenheil.

(Fortsetzung folgt.)

-»-sSSWi-S--

In allerliebster Gesellschaft.

Eine Humoreske von Element Kleeberger.

- - (Nachdruck verboten.)

i.

Erst vor einigen Tagen ist meine liebe Base nachMünchen gezogen.

Ihr war's drauß' auf dem abgelegenen Schlosse,seit der Gatte das Zeitliche gesegnet, nicht mehr heimisch.Auch ein Hauptgrund des Abzuges war die Sorge fürdie Fortbildung ihres Söhnchens. Es ist ja das Einzige.Zwar hatte bis jetzt eine treffliche Gouvernante die Er-ziehung übernommen und der kleine Karl war auch, wiedie Mama im. verzeihlichen mütterlichen Stolze mir öftersversicherte, wohlerzogen, sittig, wie kaum ein Stadtbube,doch er streifte das neunte Jahr, da dürfte am Endeeine weibliche Erziehung nicht vollständig mehr genügenund einen Hofmeister für denSchloßprinzen", wie ihnscherzweise lieb Mütterchen auch nannte, konnte die Baseauf die Dauer nicht finden.

Schon den ersten Sonntag kam sie mit ihrem Herzens-jungen zu uns. Ich schlug einen Spazierweg zum Klein-hesseloher See und durch den prächtigen Wald zum Au-meister vor. Einverstanden.

Aber als wir durch das Hofgartenthor schritten undmeine Base die Menge Cafs-Güste sah, stieß ich auf einunüberwindliches Hinderniß.

Ei, wie ist's so schön hier, Vetter, wollenem nichtauch ein Schälchen trinken," sagte sie und meine Frau,eben auch keine Freundin langgedehnter F-ußpartieen, ac-compagnirte. Also überstimmt.

Meiner Fremden gefiel hier das Leben. Die elegante !Welt, die ringsherum an den kleinen Tischchen im neuestenFrühlingsprunke saß oder durch die Baumreihe wallte,war ein ungewohntes Augenspiel, das ihr angenehm dieZeit vertändelte.

Indeß wie ich litt. Nach einer langen, mürrisch-nassen Woche der erste lachende Maientag, so inbrünstigerwartet, so ausfluglockend. Mir brannte es unter derSohle und ich bin angeschmiedet, ein anderer Pro-metheus, wenn auch nicht am kaukasischen Felsen, so docham durchlöcherten Buchs meines Sessels.

Von den Theatinern schlug es fünf Uhr.

Netto drei Stunden Sitzung.

Länger hielt ich's nimmer aus. 's war gewiß artig,charmant, und mein Lehrer Knigge, der strengste Lebens-umgang-Pädagog, hätte mir ein Compliment gemacht,weil ich bislang nicht zum Gehen drängte. Nun probirteich's, erst durch die Blume:

Am wunderschönen Maientag,

Wo Baum und Blumen treiben,

Das wären Leut' vom seltenen Schlag,

Die trotzdem sitzen bleiben."

Die Frauen achteten kaum darauf, also die Blumewar zu versteckt, zu veilchenartig bescheiden, zu wenigpenetrant, eine andere Gattung: Jasmini Der

wundervolle Maientag wird es uns sicher," fuhr ich fort,wenn wir ihn einmal per Sonntagslokomotiv drauß'auf dem Lande aufsuchen, tüchtig eintränken, weil wirseine erste Einladung so on nehmen und lieber

aus der kleinen Tasse das alltägliche Bohnenbouguetschlürfen, als aus seiner weitkreisenden Bowle den duf-tenden Frühlingstrank.

Die Base lächelte das war Alles.

Nun aber griff ich nach einem Büschen von Aller-mannsharnisch und Knoblauch, bestaubte ihn noch mitPatschuli; um die Wirkung zu erhöhen, band ich nocheine Stechpalme bei, prosiatuiu 68t;die Todsünde,"sprach ich,so der hinübernimmt zu den Pforten SanktPeters, der nicht wenigstens den Abend noch andächtigdurch die neuerstandene Natur pilgert, möchte ich nichtauf mein Gewissen laden." Dieser Odem drang zu vehe-ment durch die Nasenflügel.

Nun denn," sagte die Base zu ihrem Prinzen, derschon lange ungeduldig auf dem Stuhle hin- und hcr-schaukelte,hör' mal, Karlchen, Du kannst ja dem Vetter-Gesellschaft leisten. Wir bleiben noch ein Stündchen undgehen dann nach Hause. Es ist so heiß und schwül unterder Sonne.

Karlchen hörte wohl, jedoch plötzlich blieb er wiefestgeriegelt auf seinem Sessel haften.Hast Du mich ver-standen, Karl, Du sollst dem Vetter Gesellschaft leisten."

Aber ich mag nicht dem Vetter Gesellschaft leisten,ich möcht' mit Euch aus der Trambahn fahren," erwiderteder Prinz.

Junge, nicht doch, wir fahren ja gar nicht. Wirgehen. Sei gut, Junge, und geh' mit dem Vetter."

Nein, und ich weiß schon, Ihr fahrt, hab's vor-hin gehört, wie Du's der Base zugeflüstert hast. Ichweiß, Du fahrst immer und ich möcht' auch fahren, undich geh' einmal nicht mit dem Vetter und ich mageinmal nicht sein Gesellschafter sein und nein, ichmag nicht."

Ich muß gestehen, ich hatte mir von dem gepriesenenSchloßprinzchen eine andere Redensart erwartet. Uebrigensist es ohnehin wunderlich, mir den Herzensjungen förm-lich als Gesellschafter aufzudrängen, wußte denn meineBase, ob mir damit ein Gefallen erwiesen? Jedenfallsmeinte sie das, denn sie bat, ja nicht in Uebel zu nehmen,daß ich allein gehen müßte.

Nicht im Geringsten," entgegnete ich, innigst froh,ohne ihren durch vorige Reminiscenz mir ganz unsym-pathisch gewordenen Prinzen meine Wanderung beginnenzu können. Ich war noch nicht bis zum Tempel des Hof-gartens gekommen, hörte ich hinter mir rufen:Halt,Vetter, halt, ich geh' mit."

So, das ist schön, Karl, was verschafft mir dasüberraschende Vergnügen?"

Mama hat gesagt, Du führst mich in den Paradies-Garten und dort gibt's Schaukel und Karoussel undtürkische Musik und feine Pavcsen und"

Ich unterbrach ihn, das Vergnügungs-Menü hattemir zu viel Gänge:Ei, was Deine Mama nicht allesweiß."

Ja, die Base hat ihr's gesagt."

Nun, wir werden ja sehen."

Schweigsam gingen wir dann nebeneinander. Ichwählte beflissentlich nicht den Weg nächst des Kanals,der uns rectement in's Paradies gebracht hätte, drücktemich vielmehr in einen der Labyrinth-Gänge und schon