Ausgabe 
(16.1.1894) 5
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zufinden. Als man bei der gerichtlichen Durchsuchungder Wohnung der Ermordeten im Papierkorbe eine inzwei Hälften zerrissene Visitenkarte fand, auf welcherder Name Paul Schönaich stand, versicherte Anna mitvoller Bestimmtheit, so habe jener Herr geheißen. PaulSchönaich war ein in der Stadt wohlbekannter Groß-kaufmann. Die Staatsanwaltschaft verfügte seine so-fortige Verhaftung. Mit Anna Ritter und ihrem Bru-der konfrontirt, wurde er von Beiden gleich wieder-erkannt. Er leugnete nicht, daß er nach einem vergeb-lichen Versuche, seine Schwägerin in ihrer Wohnung zusprechen, am Abend des 21. August die Methodisten-Versammlung besucht und sie beim Hinausgehen im Augebehalten habe, um sich ihr unterwegs zu nähern und sieum Hilfe zu bitten, weil er in Folge schwerer geschäft-licher Verluste vor dem Ruin stehe. Nachdem er seinenZweck gescheitert sah, sei er geradeswegs nach Hause ge-gangen und habe sie, da beide hinter den übrigen heim-kehrenden Besuchern der Abendandacht weit zurückgeblie-ben seien, an allerdings einsamer Stelle zurückgelassen.

Die Auffassung des Gerichts war aber in Bezugauf den Ausgang der Unterredung eine andere. Schön-aich gab zu, daß er aus früherer Zeit, wo er mit seinerSchwägerin noch in verwandtschaftlichem Verkehr gestan-den, deren Eigenheiten gekannt und darum allerdingsgewußt habe, daß sie ihr Geld unter Möbelüberzügen,in den Matratzen ihres Bettes und in andern Versteckenihrer Wohnung aufbewahrte, aus Argwohn, es könneihr verloren gehen, wenn sie es aus den Händen gäbe.Darauf habe Schönaich , als er seine Bitte um Hilfeschroff zurückgewiesen sah, spekulirt, folgerte die Anklage,er habe die alte Frau erwürgt, und nachdem er ihr dieGegenstände, die ihm zur Ausführung seines diebischenPlanes nützlich erschienen, abgenommen, habe er dieLeiche in den nahen Fluß geworfen.

Es sei allerdings sehr wahrscheinlich, daß Schönaich in den von ihm durchsuchten Verstecken ihrer Wohnungkein Geld gefunden habe, denn in dem Nachlaß der er-mordeten Frau Rollenstein sei die Million, auf welcheihr Baarvermögen geschätzt wurde, in Hypothekenbriefenund anderen Werthpapieren, mit denen ein unberechtig-ter Inhaber nichts anfangen konnte, aufgefunden worden.Vor sechs Jahren hatte sich der vorige Pächter ihresGartengrundstücks während ihrer Abwesenheit mittelstNachschlüssels Zutritt zu ihrer Wohnung verschafft undihr aus dem Sophaüberzuge mehrere Tuusendmarkscheineentwendet, wie die über diesen Fall noch vorhandenenGerichtsaktcn nachwiesen. Jedenfalls hatte Frau Rollen-stein, durch diese Erfahrung gewarnt, seitdem ihr Geldnicht mehr in ihrer Wohnung verwahrt, sondern das-selbe, wie es andere Leute auch thun, bei Finanzinsti-tuten angelegt; auch hatte sie seitdem das Treppenhausdurch eine Mauer von der Parterrewohnung absperrenlassen. Allein das konnte Schönaich nicht wissen, daßsie von ihrer alten Praxis, ihr Baarvermögen in ihrerWohnung zu bergen, zurückgekommen war, und die Ver-muthung, der damalige Dieb könne auch jetzt ihr Mördergewesen sein, war ausgeschlossen, denn derselbe war imGefängniß gestorben. Schönaich's zerrüttete Vermögens-verhältnisse waren übrigens in den Finanzkreisen derStadt schon seit einiger Zeit ein öffentliches Geheimnißund das Gericht war eben im Begriff gewesen, auf An-trag mehrerer Gläubiger das Konkursverfahren gegenihn zu eröffnen. Wohl nicht aus diesem Grunde sei er

mit seiner Tochter nach Gut Rottenbach gereist, sondernum dieselbe den unmittelbaren Eindrücken seines Ver-brechens zu entziehen, vielleicht auch, um von dort ausnötigenfalls das Weite zu suchen.

Allen jenen erdrückenden Beweisgründen wußte ernichts entgegenzusetzen, als die Betheuerung seiner Unschuld.

Am Tage nach Schönaich's Verhaftung wurde dasHaus unter gerichtliches Siegel gelegt. Die Gläubiger,auf deren Antrag dieß geschah, waren rücksichtsvoll genug,die unglückliche Tochter nicht daraus zu vertreiben, son-dern beließen ihr bis auf Weiteres die nöthigsten Wohn-räume. Martha war nicht zu bewegen, sich von ihrerarmen jungen Herrin zu trennen, sie wollte sie nichtallein lassen, wollte über ihre Gesundheit wachen undihr alle gewohnten Dienste leisten. Sie hätte freudigauch mit ihr gedarbt, wenn dieß nöthig gewesen wäre,doch befand sich Siglinoe im Besitz einiger kostbarerJuwelen, die noch aus besseren Tagen stammten unddurch deren Verkauf sie ihre nächste Zukunft sichern konnte.Nichts in der Welt hätte sie vermocht, die Stadt zufliehen, wo ihr Vater hinter Kerkermauern saß. IhrSchmerz und ihre Verzweiflung hatten bald einer stolzenFassung Platz gemacht. Der finanzielle Zusammenbruchdes väterlichen Hauses allein würde sie gebeugt haben,das tückische Geschick aber, welches den alten Mann zumMörder stempelte, forderte ihre Verachtung heraus, unddie tiefinnerste Ueberzeugung von seiner Unschuld verliehihr Haltung und Kraft.

Dennoch verließ sie Beides, als sie das Gerichts-gebäude betrat, um einer Vorladung des Untersuchungs-richters Folge zu leisten. Das mächtige, in monumen-talem Stile neu aufgeführte Gebäude, in welchem sämmt-liche höhere Gerichtshöfe vereinigt waren, erinnerte uutseinen luftigen gewölbten Vorhallen, den breiten, nachverschiedenen Richtungen sich verzweigenden Treppenauf-gängen und dem künstlerischen Schmucke der Büsten undStatuen eher an ein den Musen gewidmetes Festlokal,als an die Stätte, wo die blinde Themis ihre mitleid-losen Urtheile spricht, und wer mit schwerem Herzen odermit schuldigem Gewissen diese Räume betrat, dem er-schien die heitere Pracht derselben wie die bitterste Ironie.

Schwarz gekleidet und das Antlitz tief in einenschwarzen Schleier gehüllt, irrte Siglinde in dem Laby-rinth von Korridoren, in welche zahllose Thüren ein-mündeten, zögernden Schrittes umher. Obwohl sie dieVorladung mit dem Namen des Untersuchungsrichtersund die Nummer des Zimmers bei sich trug, fand siesich doch nicht zurecht; Namen und Nummern schwammenund schwirrten ihr vor den Augen, sie wußte nicht mehr,was rechts oder links war, und hatte wiederholt falscheTreppenaufgänge eingeschlagen. Es widerstrebte ihr, sichan einen der Unterbeamten zu wenden, denen sie in denGängen begegnete; einige schienen zu geschäftig, um Zeitzu einer Auskunft zu haben, andere, die müßig umher-lungerten, machten so wichtige Amtsmienen, daß sie da-vor zurückscheute. Hier und da saßen gedrückte Vorge-ladene wartend auf einer Bank, aber diese vermochtender Fragenden keine Auskunft zu geben. (Forts, f.)-- -

Die Todten von 1893.

Von fürstlichen Persönlichkeiten sind imJahre 1893 verstorben: Am 29. Jan. die Herzogin vonMadrid, Margaretha, Gemahlin des Don Carlos;