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1894.
„Augsburger postzeitung".
Dienstag, den 16. Januar
Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg .
Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas <L Graddcrr in Augsburg lBorbesttzer vr. Max Huttler) .
Auf verwegener Mahn.
Kriminalnovelle von Gustav Höcker.
(Fortsetzung.)
An demselben Tage, wo um die MittagsstundeVater und Tochter abgereist waren, fand sich in derWohnung Schönaich's ein elegant gekleideter Herr ein.Er war etwas über Mittelgröße, sein Alter bewegte sichzwischen zwanzig und dreißig, genau ließ es sich nichtbestimmen, da der dunkle Vollbart ihn älter erscheinenlassen konnte, als er war. Martha, das zurückgebliebeneDienstmädchen, empfing ihn auf dem Vorsaale.
Der Fremde wollte zu Herrn Schönaich. Diesersei mit seiner Tochter verreist, gab Martha zur Ant-wort; über die Rückkehr wisse sie nichts Bestimmtes,doch schließe sie aus der Menge Gepäck, die dasFräulein mitgenommen habe, auf eine längere Ab-wesenheit.
Der Besucher schien unschlüssig, aber nur für einenAugenblick, dann frug er das Mädchen, ob sie wisse,wohin die Herrschaften gereist seien.
„Nach Gut Rottenbach," antwortete Martha.
„Ist das weit von hier?"
„Nein," versetzte Martha und nannte ihm die demGute zunächst gelegene Eisenbahnstation.
„Danke!" Er nickte mit dem Kopfe und entferntesich wieder.
Martha fand, daß der Fremde trotz seiner kurzangebundenen Weise ein sehr hübscher Mann sei. Sieeilte in eines der vorderen Zimmer, öffnete ein Fensterund blickte ihm nach, bis er um die nächste Straßeneckeverschwand. Eben wollte sie das Fenster wieder schlie-ßen, als ihre Aufmerksamkeit von einer am Hause vor-fahrenden Droschke gefesselt wurde. Ein Kriminal-kommissär und zwei Polizisten stiegen aus. Einer derLetzteren blieb unten vor der Thür stehen, die anderenbeiden betraten das Haus. . Was hatte denn das zubedeuten? Der Herrschaft konnte dieser beängstigendeBesuch doch unmöglich gelten. Und dennoch: da schrillteauch schon die elektrische Klingel, als ob sie Todte zumLeben erwecken solle.
„Na, na, man ist nicht taub!" brummte Marthaund ging, zu öffnen.
„Herr Schönaich zu Hause?" frug der rasch ein-tretende Kriminalkommissär in frostigem Tone.
„Nein," antwortete Martha, der plötzlich bange
um's Herz ward. Ihre weiteren Antworten auf seineFragen, wo Herr Schönaich sich aufhalte und wann erabgereist sei, ob sie (Martha) hier diene und wie sieheiße, notirte sich der Beamte in ein Buch. Dann in-quirirte er weiter: „Sie werden mir gewiß sagen können,ob Ihr Herr vorgestern Abend zu Hause war oder nicht."
„Er war nicht zu Hause," antwortete schüchterndas Mädchen, dessen Erstaunen sich mit einer unbe-stimmten Furcht zu mischen begann.
„Sie sind Ihrer Sache natürlich sicher, nicht wahr?"bemerkte der Kriminalbeamte, den Bleistift zum Schrei-ben ansetzend.
„Ich weiß es deßhalb so genau, weil er abendssonst nie auszugehen pflegt."
„Um welche Zeit ist er fortgegangen?"
„Es mag bald nach sieben Uhr gewesen sein."
„Und wann ist er wieder nach Hause gekommen?"
„Das weiß ich nicht. Ich bin gleich nach neunUhr zu Bett gegangen und konnte ihn nicht kommenhören, da ich eine Treppe höher schlafe."
Nachdem der Kommissar dies niedergeschrieben hatte,beeilte er sich wieder fortzukommen, und Martha sahdie Droschke, nachdem dieselbe ihre vorigen Insassenwieder aufgenommen, in sausendem Galopp davon fahren.
Gegen Abend tönte noch ein Mal die Vorsaal-klingel. Als Martha öffnete, stand ihre junge Herrindraußen. Ihre Augen waren verweint, ihr Gesicht bleichwie der Tod. Stumm wankte sie an Martha vorüberdurch die offene Thür des Empfangszimmers. Dort rangsie, den Blick wie in bitterer Anklage nach oben erhoben,die Hände, sank am nächsten Stuhle in die Kniee unddrückte wie verzweifelt ihr Antlitz in das Polster.
Schönaich war auf Gut Rottenbach verhaftet undgefesselt, wie der schwerste Verbrecher, zurückgebrachtworden. Mit demselben Zuge war auch Siglinde zurück-gekehrt. Das Wenige, was sie erfahren konnte, wargenug, um sie niederzuschmettern: Ihr Vater stand indem dringenden Verdacht, die Tante Nollenstein ermordetzu haben! . . .
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Es gab nichts Näherliegendes, als daß der ältlicheHerr, mit welchem Anna Ritter Frau Nollenstein unweitder Methodistenkapelle und in unmittelbarer Nähe desFlusses zurückgelassen hatte, der Mörder sei. Annawußte sich seines Namens nicht mehr zu erinnern, ge-traute sich aber, denselben unter vielen Anderen heraus-