Ausgabe 
(19.1.1894) 6
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noch nie gesehen habe," fügte Siglinde hinzu. Sie hattedie Augen zu Boden gesenkt und fühlte den heißen'Hauch, der ihr dabei verrätherisch über daS Antlitz lief.Diese Verbindung konnte aber meinem Vater nur dannein RettungsMittel werden, wenn durch den Tod meinerTante die Erbschaft flüssig wurde, und so schiebt manjetzt meinem Vater auch noch das Motiv unter, daß er"

Diesen Tod gewaltsam herbeigeführt habe," er-gänzte der Rechtsgelehrte,um sich durch die Heirathseiner Tochter zu helfen?"

So ist es. Nur möchte ich wissen, wozu dannmein Vater noch den Versuch gemacht haben sollte, dieTante nach an ihr vollbrachtem Morde zu berauben.Was er der Todten hätte nehmen können, hätte erja nur seiner eigenen Tochter entwendet, die derenErbin war!"

Dieser Widerspruch wird keinen Staatsanwalt undkeinen Richter in Verlegenheit bringen," bemerkte DoktorVolkmar mit einem leisen Lächeln,sie würden Ihnen'antworten: Ihr Vater habe sich, da eine Heirath sichnicht von heute auf morgen vollziehen läßt, zunächst ausder allerschlimmsten Noth helfen, habe seinem Fallimentvorbeugen wollen oder auch sich für den immerhin mög-lichen Fall, daß die Tante inzwischen das Testamentgeändert haben könnte, durch einen Griff in ihre Schätzesicher stellen wollen."

Ja ja," seufzte das Mädchen,das läßt sich aller-dings geltend machen. Es kommt zu dem Allem nochhinzu, daß meine Tante vor Kurzem lebensgefährlicherkrankt und somit Hoffnung auf meinen baldigen An-tritt ihres Erbes vorhanden war. Ihre unerwarteteWiedergenesung könnte, nach richterlicher Auffassung, fürmeinen Vater nur ein Grund mehr gewesen sein, dasEreigniß, vor welchem ihre kräftige Natur Halt machte,auf gewaltsamem Wege herbeizuführen."

Auf Volkmar's Ersuchen, ihn vertrauensvoll in dieFamilienverhältnisse einzuweihen, die er zur Beurtheil-ung der Situation kennen müsse, erzählte ihm SiglindeAlles ausführlich, was sie vor wenigen Tagen durchihren Vater erfahren hatte, von dem Zerwürfniß zwischenihm und der Tante angefangen, bis zu dem Briefe,womit der Sohn des Majors von London aus seineAnkunft ankündigte.

Der Anwalt war Siglindens Mittheilung mit gro-ßer Aufmerksamkeit gefolgt.Hat Ihr Vater diesenBrief zustimmend beantwortet," frug er nach einer Pause,so daß Herr v. Harnisch sich auf Ihre Hand Hoffnungmachen durfte?"

Nein, Herr v. Harnisch hatte keine Adresse ange-geben, weil er fast unmittelbar seinem Briefe folgte.Auf der Ueberfahrt von Dover nach Calais ist dasSchiff, auf welchem er sich befand, in Folge Zusammen-stoßes mit einem andern zu Grunde gegangen, doch lasich seinen Namen in der Liste der Geretteten."

Ich kann mir denken, daß Sie, um Ihren Vatervor dem Ruin zu bewahren, in die Verbindung mit demSohne seines ehemaligen Gegners eingewilligt hätten,"bemerkte Volkmar, wobei Siglinden ein leises Bebenseiner Stimme nicht entging.

Ich erklärte mich allerdings zu diesem Opfer be-reit," antwortete sie kaum hörbar, wieder, wie vorhin,erröthend zu Boden blickend.

Inzwischen hat sich Herr v. Harnisch Ihnen nochnicht vorgestellt?" fragte der Anwalt.

Meine Dienerin theilte mir mit, es fei vorgesternNachmittag, nachdem ich mit meinem Vater nach GutNottenbach abgereist war, ein Herr dagewesen. Ich ver-muthe, daß es Herr v. Harnisch war."

Und seitdem hat er nichts wieder von sich hörenlassen?"

Nein. Er dürfte inzwischen von dem schrecklichenEreignisse, an welchem man meinem Vater eine so blutigeSchuld vorwirft, gehört haben und wird natürlich dieTochter eines Mörders als Gattin verwerfen."

Doktor Volkmar blickte nachdenkend vor sich hin.Dann stand er auf, nahm einige Zeitungen aus einerMappe und blätterte darin.Der Zusammenstoß derbeiden Dampfer hat am 12. d. Mts. stattgefunden,"bemerkte er aus einer Zeitung aufblickend.Zwischendieser Katastrophe und Herrn v. Harnischs vermuthlichemBesuche liegen elf Tage. Von Calais hierher brauchtman doch höchstens 48 Stunden. Was hat er in jenerZeit getrieben?"

Die letztere Frage hatte der Advokat murmelndgesprochen, wie an sich selbst gerichtet.

(Fortsetzung folgt.)

---Ss-Ar-ss--

In allerliebster Gesellschaft.

Eins Humoreske von Element Kleeberger.

(Fortsetzung.)

Mein Freund Karl stand ungefähr zwanzig Schrittevon dieser Scene entfernt. Halb und halb schien ersich bewußt, um was es sich handelte. Ich befahl ihm,herbeizukommen. Er blieb hartnäckig stehen.

Herr Gendarm," rief ich nun, denselben ver-ständnißtnnig anblickend, mit forcirter Stimme,ziehenSie den Säbel und hauen Sie den Taugenichts sofortzusammen wenn er nicht auf der Stelle"

Der Renitent ließ mich nicht ausreden, er kamherangeschlichen, denn er sah das rothe Aermeltnch desGewaltigen bereits hinab gegen den Säbelkorb streifen.Brav Büblein, wie ein Schläge fürchtendes Windspielkam es fast gekrochen, jedoch krämpfig den Zweig fest-haltend. In dem Momente aber, als der Bewaffneteseine Hand an's Schwert legte, entfiel dem zu Tode er-schrockenen Frevler das oorxus äelioti ich ließ esliegen und empfahl mich mit meinem Gesellschafter inEilschritten, denn unser neues Schauspiel hatte ein nichtsweniger als dankbares Publicum. Um schneller zu ent-rinnen, bogen wir in die Fahrstraße ein, jedoch auchhier gab es Spaziergänger genug, und hie uud da konntemit bester Vorsicht ein kleines Anrempeln nicht vermiedenwerden.

So zehn Minuten sausten wir dahin, dort, wo vonder Straße weg es wieder hineinführt zu den schlängeln-den Fußpfaden, stießen wir auf einen mir sehr be-freundeten jungen Doctor. Ich hatte mit demselben voreinigen Jahren eine hochinteressante Dolomitenfahrt ge-macht, und das lange Zusammenwandern brachte unsauch in der Stadt näher.Um alle Welt, Herr Com-pagnon," rief er mir schon von weitem entgegen,Siejagen welche Verantwortung Ihrem Stammhalterdie schönste Luftröhrenschwindsucht an den Hals. Einso galoppirendes Lustwandeln ist im höchsten Gradepolizeiwidrig. WaS ist's denn? Haben Sie den heutigenAbendspaziergang in Accord? Terminversäumniß?