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Schreiber an ihren Pulten arbeiteten, warten, da DoctorVolkuiar in seinem anstoßenden Kabinet gerade mit einemClienten beschäftigt war. Inzwischen bot man der jungenDame einen Stuhl an, auf welchem sie mit klopfendemHerzen Platz nahm. Während die Schreiber ihre Federnüber das Papier rascheln ließen, fiel unter ihnen inlängeren Zwischenpausen zuweilen ein halblautes, abge-brochenes Wort, das sich noch auf eine vorhergegangene,durch Siglinden's Eintritt gestörte Unterhaltung zu be-ziehen schien.
„Also genau auf dieselbe Welses" sagte Einer.
„Ganz genau so," nickte ein Anderer, der sehrlang und hager war.
„Erwürgt von hintenher?" frug ein Zweiter.
Der Hagere, an den die Fragen gerichtet wurden,antwortete durch ein stummes Nicken.
Siglinde wußte nicht, wohin sie vor Verwirrungblicken sollte. Offenbar schien von dem Morde an ihrerTante die Rede zu sein. Das Gespräch der jungenLeute, die nicht ahnten, wen sie vor sich hatten, konntehöchst peinlich für sie werden.
„In einem Gebüsches" erkundigte sich ein Dritter.
„Im Kastanieuwäldchen," gab der Hagere zurAuskunft.
Das junge Mädchen athmete auf. Die zuletzt ver-nommenen Reden schienen sich doch wohl auf irgendeinen anderen Fall zu beziehen. Soeben öffnete sichdie Thür des Kabinets; ein Herr trat heraus und ver-abschiedete sich mit einer Verbeugung von dem Rechts-gclehrten, welcher, ohne selbst sichtbar zu werden, ihnbis an die Thür begleitet hatte und dieselbe eben wie-der zuziehen wollte.
„Bitte!" lud einer der Schreiber Siglinde miteiner Handbewegung nach der Thür ein. Sie erhobsich, trat ein und stand plötzlich wie festgebannt, dennsie blickte wieder in dasselbe Gesicht mit dem feinenschwarzen Schnurrbart und der goldenen Brille, vorwelchem sie gestern im Gerichtsgebäude die Flucht er-griffen hatte. Sie zögerte, sie kämpfte mit sich selbst,während ihr Antlitz unter dem Schutze des Schleierspurpurn erglühte.
„Sei es denn!" ermannte sie sich endlich und schlugentschlossen die dunkle Hülle zurück.
„Siglinde!" entfuhr es den Lippen des Anwalts.Sein etwas bleiches Gesicht nahm unter dem Eindruckeder Ucberraschung eine lebhaftere Färbung an, aus seinenklaren, schönen grauen Augen schössen Blitze der Freude.
„Verzeihen Sie diese unehrerbietige Vertraulichkeit,mein Fräulein," fügte er hinzu, ihr die Hand entgegen-streckend. „Daß sie mir in der ersten angenehmenUcberraschung entschlüpfte, dürfte kaum als Entschul-digung gelten, daß aber jener schöne Name der einzigeist, unter welchem ich Sie kenne, wird mir hoffentlichals mildernder Umstand angerechnet werden."
„Ich weiß es erst seit wenigen Augenblicken," ant-wortete Siglinde, „daß mein fremder Retter und derberühmte Nechtsgelehrte, dem mein jetziger Besuch gilt,eine und dieselbe Person sind. Unter verhängnißvollenUmstünden prägten Sie sich meinen Vornamen ein, wiehätte ich damals ahnen können, daß eine noch viel trau-rigere Veranlassung Ihnen zu meinem Zunamen ver-helfen werde s Wenn ich Ihnen denselben nenne, wer-den Sie auch alles Uebrige wissen. Ich bin die Tochterdes unglücklichen Schönaich , der im Verdachte des . .
Sie kam nicht weiter, ein Würgen in ihrer Kehleerstickte jedes weitere Wort. Sie war einem Wetn-krampfe nahe, aber sie gebot den Thränen und biß dieLippen fest aufeinander.
Doktor Volkmar wußte genug. Sein Antlitz bliebunbeweglich. Er ergriff sie sanft bei der Hand, führtesie nach einem Sessel, nahm ihr gegenüber selbst Platzund sagte dann, ihr Anliegen ahnend:
„Darf ich hoffen, daß Sie gekommen sind, ummeinen juristischen Rath zu hören, vielleicht mir dieVertheidigung Ihres Vaters anzuvertrauen s"
Siglinde nickte ihm mit einem schmerzlichen Lächelnzu, worin sich zugleich Dankbarkeit ausdrückte, daß erihr die Nothwendigkeit, ihre Bitte erst aussprechen zumüssen, in zart zuvorkomuiender Weise erspart hatte.
„Herr Doktor!" begann sie dann in feierlichemTone, „ich glaube an die Unschuld meines Vaters, wiean Gott . Er ist einer solchen That unfähig; selbstwenn noch viel mehr als sein materielles Wohl undWehe auf dem Spiele gestanden, selbst wenn es sich umLeben oder Tod gehandelt hätte, würde er zurückge-schreckt sein, seine Zuflucht zu einem verbrecherischenMittel zu nehmen."
„Sie stehen mit dieser Ansicht nicht allein," er-wiederte der Nechtsanwalt, „ich habe angesehene Leute,die Ihren Vater schon lange kennen, Aehnliches behaup-ten hören."
„Durch mich erfuhr er die Kunde von dem Mordezuerst," fuhr Siglinde fort, „ich las sie ihm aus derZeitung vor. Man muß, wie ich, seinen Schreck, seinEntsetzen gesehen haben, um zu wissen, daß die Nach-richt ihn mit der ganzen Gewalt einer furchtbaren, uner-warteten Neuigkeit ergriff. Und daß er nie Talent zueinem Schauspieler hatte, weiß Niemand so gut, wie ich,die ich von meiner Kindheit an ihn kenne. Und soetwas, wie die Verstellungskunst, lernt sich auch nichtplötzlich.
„Ist Ihnen das gegen Ihren Vater vorliegendeStrafmaterial bekannt?" frug der Nechtsgelehrte.
„Nur zum Theil."
„ES ist nöthig, daß wir uns über Alles aus-sprechen, selbst über das Peinlichste. Darf ich Ihnensagen, wie sich nach den mir zugänglichen Quellen inden Gerichtsstuben der Fall darstellt?"
„Sprechen Sie, ohne mich zu schonen, Herr Doktor.Es wäre Feigheit von mir, wollte tch mein Auge vorder Gefahr verschließen."
Der Anwalt gab nun Siglinde einen klaren, um-fassenden Ueberblick über alle jene gegen ihren Vaterzeugenden Indizien, wie wir sie zu Anfang dieses Ka-pitels zusammengefaßt haben.
Mit einer Ruhe und Fassung, die Volkmar nurbewundern konnte, hatte das junge Mädchen zugehörtund dabei leise mit dem Kopfe genickt. Dann sagte sie:„Das ist noch nicht Alles. Aus gewissen Fragen, diegestern der Untersuchungsrichter an mich richtete, gehthervor, daß noch ein neues Moment hinzugekommen ist.Man hat im Nachlaß meiner Tante deren Testamentgefunden. Ich bin darin als Universalerbtn ernannt,wenn ich . . ." Sie stockte endlich nicht ohne Selbst-überwindung: „Wenn tch eine gewisse Bedingung er-fülle."
„Und diese Bedingung ist?"
„Daß ich die Gattin eines Mannes werde, den tch