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6 . Ireitag, den 19. Januar 1894 .
Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg .
Druck und Verlag des Literarischen Instituts von HaaS L Grabherr in Augsburg (Borbesiher vr. Max Huttler) .
Auf verwegener Mhn,
Kriminalnovelle von Gustav Höcker.
(Fortsetzung.)
Inzwischen war die Stunde, auf welche ihre Vor-ladung lautete, bereits überschritten, und als eben einvornehm gekleideter Herr mit feinem schwarzen Schnurr-bart und goldener Brille, eine Aktenmappe unter demArme, aus einer der Thüren trat, faßte sie endlich Muthund wendete sich an ihn mit der Frage, ob er ihr nichtsagen könne, wo . . . Plötzlich erstarb ihr die Redeauf ven Lippen, als sie ihn näher ins Auge faßte.Hier an diesem Orte sollte sie dem Antlitz wieder be-gegnen, das sie sich so oft höher schlagenden Herzens inihrer Erinnerung vergegenwärtigt hatte. An diesen Mann,gerade an diesen, sollte sie mit der Frage herantreten,welche sie selbst Menschen gegenüber, die ihr gänzlichgleichgültig waren, kaum über die schüchterne Lippe ge-bracht hatte? Schon der Gedanke, an diesem Orte, woAlles sich mit Armcnsündermienen anblickte, von ihmgesehen und erkannt zu werden, jagte ihr die heiße Scham-röthe in die Wangen. Sie war ein paar Schritte zu-rückgeprallt, dann wandte sie sich um und entfloh wieein aufgejagtes Neh.
Wie an den Boden gewurzelt, blickte er der raschVerschwindenden nach. War sie es oder war sie esnicht? Nur eine Einzige kannte er mit solch' gold-schimmerndem Haar und von so unvergleichlicher Ge-stalt, — aber um den schwarzen Schleier zu durch-dringen, der ihr Antlitz verhüllte, dazu hatte der kurzeAugenblick nicht hingereicht. Er schüttelte den Kopf:„Nein, nein," murmelte er, „es war eine Täuschung.Welchen Grund hätte sie gehabt, vor mir zu fliehen?"Dann verließ er langsamen Schrittes und in sich ge-kehrt wie ein Träumender das Gerichtsgebäude. Sig-linde hatte ihre Flucht durch mehrere sich kreuzendeKorridore fortgesetzt. Als sie einen Blick auf die In-schrift der Thüre warf, vor welcher sie endlich Halt ge-macht hatte, um Athem zu schöpfen, zeigte es sich, daßder Zufall sie gerade vor das so lange vergebens ge-suchte Zimmer des Untersuchungsrichters geführt hatte,dessen Namen ihre Vorladung trug.
Jetzt, wo sie ihrer ganzen Fassung bedurfte, fandsie dieselbe auch wieder. So trat sie denn ein. Nachgirier Stunde kam sie tief gebeugt wieder heraus. Esstand schlimm um den Vater! Sie durste nicht that-
los die Dinge herankommen lassen, es mußte etwas ge-schehen, es galt einen Kampf gegen die zermalmendeGewalt der unglücklichen Umstände, die sich gegen ihnverschworen hatten, um ihn schuldig erscheinen zu lassen.Was aber konnte sie, das schwache Mädchen, thun? Wergab ihr einen guten Rath in ihrer Verlassenheit? Sieeilte zu einer befreundeten Familie; es sei Niemand zuHause, hieß es da. Als ihr bei einer zweiten Familiedieselbe Abfertigung zu Theil wurde, da wußte sie,woran sie war, nnd erkannte ihre neue Stellung in derbürgerlichen Gesellschaft, in welcher für die Tochter einesMörders und bankerotten Kaufmanns kein Platz mehrwar. Aber den einzigen Rath, den Andere ihr hättengeben können, fand sie selbst; sie konnte sich nur aneinen tüchtigen Advokaten wenden. Und da kam ihrunwillkürlich der Name Doktor Volkmar ins Gedächtniß,ein viel genannter noch junger Nechtsgelehrter, dessenaußerordentlicher Ruf als Vertheidiger auch schon zu ihrenOhren gedrungen war. Er hatte, selbst in den ver-zweifeltsten Fällen, der Staatsanwaltschaft schon oft diePalme des Sieges wieder aus der Hand gerungen. Mitdem Scharfsinn des Juristen vereinigte er eine hin-reißende Beredsamkeit. Vor der Gewalt seiner Redestürzten die festgefügtesten Anklagen wie Kartenhäuserüber den Haufen; wo der Gegner eine schwache Seitezeigte, da brach er eine Bresche und drang mit einemAlles niederwerfenden Ungestüm vorwärts; er wußteaber auch — und darin wurzelte das eigentliche Ge-heimniß seiner Kraft — die Herzen bis in ihre inner-sten Fasern zu ergreifen und zu erschüttern und aufSchöffen und Geschworene zu wirken, daß ihnen derSchweiß der Gewissensangst auf die Stirne trat. Mehrals eine dieser gewaltigen Reden, die von den Zeit-ungen stets in ihrem ganzen Umfange wiedergegebenwurden, hatte Siglinde mit Bewunderung gelesen, undvor Kurzem erst hatte dieser geniale Vertheidiger dieUnschuld einer achtzigjährigen Dame, welche wegen Un-terschlagung bereits zu Gefängniß verurtheilt wordenwar, an den Tag gebracht und der Greisin Freiheitund Ehre zurückgegeben.
Zu diesem Herrn Doktor Volkmar lenkte denn auchSiglinde mit neuer Hoffnung im Herzen ihre Schritte.Es war am Morgen des zweiten Tages nach der Ver-haftung ihres Vaters, als sie in das Bureau des Nechts-anwalts trat.
Sie mußte im Vorzimmer, wo ein halbes Dutzend