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Flammen des Unmuths auf dem Gesichte tritt der vor. Erleugnet nichts von dem, was sein Ankläger gesagt, aberer legt die Hand auf seine Klinge und schwört, daß siemakellos sei, unbesudelt von des Todten Blut. Er er-zählt, wie auch er den Hilferuf des Erschlagenen ver-nommen, herbeigeeilt sei, dem Bedrängten beizuspringen,nach seiner Ehrenpflicht. Den habe er in hartem Kampfegetroffen mit einem fremden Manne, und bevor noch einDazwischeneilen möglich gewesen, sei jener unter denStreichen des Fremden erlegen. Wie sie aneinander ge-rathen, sei ihm unbekannt, aber im Anblick des Gefallenenhabe er Streit und Zwist vergessen und sei wuthentbranntauf den Mörder eingedrungen. Er ruft das Blut, dasnoch an der Klinge klebt, zum Zeugen an, daß er desFreundes Fall gesühnt und den Gaudieb so gezeichnethabe, daß er wohl nicht mehr weit gekommen sein dürfte.
Die finsteren Blicke und die trostlose Traurigkeitdes greisen Vaters, der Gemahlin und Kinder des Ge-mordeten haben sich während dieser Erzählung allmähligverloren. Wenn das wahr ist, was der Beschuldigtevorbringt, so haben sie wenigstens den Trost, den ge-liebten Todten nicht von Freundeshand erschlagen undsein Blut gesühnt zu wissen. Nur der Bruder steht nochin düsterem Sinnen da. Wenn er der Rede des vonihm Bezichtigten glaubt, so hat er falsche Klage erhoben jund Tapferkeit und Treue mit schmählicher Verdächtigung 'vergolten. Die Worte des Beklagten haben mächtig aufihn gewirkt, der Zornesrausch ist verflogen, und jetzt erstbedenkt er, daß es ein ehrlicher Recke, den kein Makelbefleckte, ist, den er des feigen Meuchelmordes geziehen.Nun spricht der Alte und heischt vom Richter die Bahr-probe. Das ist das rechte Wort, das den Bann dumpfenZweifels bricht. Mit stummem Kopfnicken dankt derBeschuldigte dem weisen Alten. Nachdem er seine Aus-sagen nochmals beschworen und sein Eidhelfer seineGlaubhaftigkeit bezeugt, tritt er dicht an den Erschlagenenheran. Aller Augen sind gespannt auf den Todten ge-richtet, denn:
„Das ist ein großes Wunder, oftmals es noch geschieht,Wenn man den Mordbefleckten bei dem Todten steht,
So bluten dem die Wunden . . ."berichtet das Nibelungenlied, und so war auch der festeGlaube der Germanen.
Aber die Todes-Wunde verändert sich nicht. Daserstarrte Blut beginnt nicht zu fließen, selbst da der Be-schuldigte seine Rechte auf die Wunde legt.
Da zögert der Bote des Königs nicht länger. Er er-hebt sich und spricht den Beschuldigten von der Anklage frei:„Kann jemand anders sagen, der spreche ohne meinenZorn!"
Die Schöffen schlagen an ihre Waffen und gebenbefriedigt ihre Zustimmung.
Der Bruder des Todten aber reicht dem Gereinigtendie Hand, und dessen kräftiges Einschlagen beweist, daßdie Klage keine Feindschaft hinterlassen, und daß dieBeiden eins sind, des Todten Sühne zu vollenden.
Der Richter legt den Stab nieder, das Gericht ist„aufgeschlagen", das „Ding" geschlossen!
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Her Winter im Walde.
(Zu unserem Bild Seite 31.)
„Im Wald und auf der Haide, da such' ich meine Freude!"heißt es in einem bekannten Liede — und mit Recht! Ein Gangdurch den grünen Tann zur Sommerszeit, wenn die Sonneglühende Hitze spendet und der Vöglein Lied erschallt, hat erdich nicht schon erquickt? Doch auch im Winter bietet der Wald
des Schönen viel. Schneedecke breitet sich über Moos undWurzel und weißglitzernd und schimmernd hängt es an Ast undStrauch! Futter suchend ziehen Hirsche und Rehe durch's stilleGehege! Verstummt ist die murmelnde Quelle, unter eisigerHülle schlafen des Baches Wellen! Stille ringsum, an desWaldes herrliche Winterpracht mahnender Friede!
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Allerlei.
In einer der neueren Nummern der Münchener„Fliegenden Blätter " findet sich von dem bekannten Dichterv. Miris (F. Bonn) nachstehendes reizende Gedicht:
Hu üs stöole.
Unbehaglicher im GanzenWird es täglich auf der Welt.
Von zu vielen MenschenpflanzenIst der Garten vollgestellt!
Eine macht der andern streitigGrund und Boden, Luft und Licht,
Sich zu schaden gegenseitigWird der Selbsterhaltung Pflicht.
Als noch still bei UnschliltkerzenAbends die Familie saß,
Und die Lichtputzscheer' mit ScherzenZu gebrauchen nicht vergaß,
Spärlich war, wie in den Zimmern,
Die Beleuchtung auch der Stadt,
Aber ohne vieles KümmernAß man sich behaglich satt.
Trottoir mit spitzen SteinenNoch als gutes Pflaster galt,
In geselligen Vereinen
Freut' sich harmlos Jung und Alt.
In den Sitten, in der ModeHerrschte schlichte Einfachheit;
Auch zur Krankheit und zum TodeLießen sich die Menschen Zeit.
Von Poeten und Gelehrten ^
Ward Reklame noch verschmäht.
Leichter war's berühmt zu werden,
Sei's als Denker, als Poet.
Wenig' helle GeisteslichterLeuchteten von Haus zu Haus —Sechzehntauscnd deutsche DichterWeist der neu'ste „Kürschner " aus!
Was du heute auch ersonnen,
Gestern fiel's schon Andern ein.
Was du heut' mit Glanz begonnen,
Morgen wird's veraltet sein.
Unerquicklich ist das Leben,
Nur ein ruheloser Kampf,
Wüstes Hasten, rastlos' Streben —
Elektrizität und Dampf!
Damals heimliches Behagen,
Reizende Gemüthlichkeit —
Heute rings ein wildes JagenAuf dem Feuerroß der Zeit!
Ausbruchdrobend grollt der Krater —
Wahrlich! Wenn die Wahl wär' mein,
Möcht' mein eig'ner UrgroßvaterLieber ich gewesen sein!
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Milder-Nätyset.
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