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ruhige Inwohner wären, würde er sehen, was sichthun läßt."
Die Entscheidung war also morgen, indeß in un-serm Familienrath ward bereits beschlossen, daß wirallenfalls die Herstellungskosten selber übernehmen wollten,so magnetisch zog's uns in sein Haus.
In meiner Angst, der hoffentliche Hausherr möchteMich stellen und Karl, die ewige Unruhe, könnte einenunliebsamen, folgeschweren Eindruck auf die ruheliebendeCorpulenz machen, drückte ich mich, den Knaben festerzu mir ziehend, in's Gebüsch. Hier glaubte ich michbefreit von einer Dakapo-Scene L In Coloß von Rohdus.
Seine Hausherrlichkeit geruhten jetzt eben am Gasteig,am Fuße des Llonts kiauo Halt zu machen, die kleinenAugenrädchen drehten sich etwas zaghaft empor zur Höhe,nun umspannte das klumpige Händchen kräftiger die au-stralische Olive, ein Stecken stark genug, ein noch grö-ßeres Volumen zu stützen, und vorwärts: Auf zur Fahrt!Das Gewicht zog ziemlich hinab, die gleißende Stirneund das Wogen des Brustkorbs bewies, daß der Mannnoch lange hin hatte, um in die Zunft der ehrsamenBergfexen aufgenommen werden zu können. Einige Malblieb er stehen und wischte sich mit seinem blendendweißen Sacktuch das purpurne Glacis seines Hauptes,dann stieg er wieder weiter, jedoch seine Blicke flimmertengleich Irrlichtern umher; wie, wollte er etwa eine oa8Uoder Unterkunftshütte erspähen? Er hielt wieder Rast,seine fetten Gesichtspolster öffneten sich, und aus einerScharte seiner Zahnpallisade schoß es heraus, zweifellosein kleines Complimentchen über den genialen Ingenieur,der die steile Bergstraße ohne Serpentinen angelegt.Endlich ging's wieder aufwärts, tapfer aufwärts, aberabermals auf that sich sein Mund, weit, sehr weit, hai -artig, und sog und sog den gerade über den Hang harmloshinubstreichenden Flug Mailüftchen schockweise ein. Wahr-haftig, noch einige solcher Jonaszüge und das Oxygen,das doch für das Universum berechnet war, würde vonihm bis auf das letzte Theilchen aufgepumpt worden sein.Obwohl er nun längst seinen Fuß auf den Nacken desBerges gestellt, schritt er nicht vorwärts, ja doch gottlob.Mir ward schon etwas schwül, er möchte am Ende gardie linke Schulter vornehmen und auf der Bank nebenuns Platz suchen, es pochte wirklich an meine Rippenund froh war ich, als der Herzhammer seine Arbeit aus-setzte; — da — welcher Gedanke hat dem Mann denKopf gedreht? oder ist Karlchcn, dem das Mäuschenstillehalten schon lange zuwider geworden, in der Freude derErlösung zu rasch aufgesprungen — da kehrt er sich um,der Kies knirscht unter seinem Absatz, er sieht die Bankund schnurgerade geht's auf das neue Ziel los.
„Sie haben sich hier ein recht einladendes Plätzchenheansgcsucht", sagte er dann und ließ sich langsam in demandern Eckchen nieder. Ich erhob mich, grüßte verbind-lichst, auch Karl zog seinen Florentiner und verneigtesich ehrerbietigst.
„Du bist einmal ein charmanter Knabe, schön, meinjunger Freund: Mit dem Hut in der Hand — kommtman durch's ganze Land", dann wendete er sich zu mir:„Ihr Jüngster?"
„Der Jüngste und Aelteste", antwortete ich, natürlichdoppelsinnig, wie ein delphisches Orakel.
„Aso nur Einen?"
„Zu dienen, Herr Rath;" muß nebenbei bemerken,mein präsumtiver Hausherr war nicht nur vielfacher
Hausherr, sondern auch vielfacher Rath: Verwaltungs-,Distrikts-, Pflegschaft-, Armen-, auch gewesener Stadt-rath, kurzum Universalrath.
„Ein Kind, ein Schreckens-Kind," lächelte er.„Ja, ja, im wahrsten Sinne des Wortes, ja nur zuwahr."
„Nun, nun, nicht gleich so voller Angst, der Knabesieht gesund und wohl aus, wie selten ein Stadtkind,strotzend wie eine aufgesprungene Pfingstrose. AlleSprichwörter hinken. Der da," dabei tätschelte erKarl's Schulterblatt, „hat seinen 100jährigen Geburts-tag verbrieft in der Tasche. So, mein junger Freund,so setze Dich, ich habe ja gesehen, wie Du ein gut ge-zogener, überaus höflicher Knabe bist. Komm', bedeckeDich, setze Dich."
Wirklich, Karl war zu artig, als daß ich nicht gernsein Väterlein spielen wollte, um so mehr die hausherr-liche Sympathie für ihn eine nicht zu unterschätzendeReverenz für meinen morgigen endgiltigen Wohnungs-gang sein konnte.
„Karl," sagte ich nun zu dem Jungen, der nochimmer tief geneigt vor Seiner Hausherrltchkeit stand,„der Herr Rath haben's erlaubt; komm', bedecke Dich,setze Dich" — aus Artigkeit und Speculation nämlichhatte ich wieder Platz genommen.
Wer sich nicht bedeckte, nicht sich setzte, war Karl.Dessen Höflichkeit war in den Comparativ übergegangen,denn er neigte sich zusehends tiefer, und schon war seinKompliment bei der Kniescheibe angelangt, dabei ließ erdie Arme wie Dreschflegel hängen.
Ein kleines Bläschen des Unmuths flatterte bereitsüber meiner Stirne; das Bläschen wuchs, wurde zumWölklein, zur Wolke, zu mehreren Wolken, sie drängtensich so masstg, so eng am glühenden Horizont der Hirn-schale zusammen — nach den atmosphärischen Gesetzenmußt es alle Augenblicke niederhageln.
„Karl," rief ich, „Karl, Du belästigst den Herrn,den Kopf in die Höh', bedeck' Dich, setz' Dich." Erbedeckte sich nicht, er setzte sich nicht, und statt den Kopfaufzurichten, ließ er ihn sinken, das Kompliment hatteden Superlativ erreicht, — sinken schier in den Schooßdes ihn unwillig von sich schiebenden Hausherrn. Blitz,Krach, Hagel — das Gewitter ging los. Ich sprangauf, nahm den Burschen beim Kragen, wollte den Kopfmit Gewalt in die Höhe bringen, der Renitent drückteseine Mähne hinab und ich hatte factisch nur den Kragender Jacke in der Hand; bei dieser unsäglichen Procedurgeschah es aber, daß ich den widerspänstigen Burschenzu weit gegen die große Zehe des hausherrlichen Pedalsvordrängte. O der Ton, der jetzt dem unglücklichenBesitzer des Tonwerks entfuhr; er gellte mir an's Ohrwie eine Applicatur-Saite, die eben abgesprungen. Ichentschuldigte mich, nein, ich wollte mich entschuldigen,ich sagte immer und immer: „Es thut mir leid, HerrRath, recht leid, unendlich leid, Herr Rath könnenes mir glauben, müssen mir's glauben, wie unsäglichleid es mir thut."
„Und mir, mir," antwortete der Herr Rath, nach-dem er sich von seinem Wehdam ein bischen erholthatte, „mir thnt's noch leid... der... er" — in seinemZorn und Hohn gebrauchte er offenbar absichtlich eineungrammatische Steigerungsform; der schneidende Accent,mit dem er das letzte Wort markirte, wies znr Genügedarauf hin, — „und ich bedanke mich recht schön,"