Ausgabe 
(19.1.1894) 6
Seite
34
 
Einzelbild herunterladen

34

setzte er dazu, «wenn Sie glauben, wein Bein sei einBlitzableiter für die väterliche Wuth."

Herr Rath," entgcgnete ich rasch,Sie denkenetwa, dieser Satan sei mein Sohn, nein, Gott be-wahre mich vor diesem Ausbund." Wie mich jetzt derMann fixirtc, wie er mich verächtlich anstarrte, vom Kopfbis zum Fuß maß. Wohin classificirte er mich; eineganze Wagenreihe von wilden Thieren mußte an seinemGeiste vorbeigefahren sein, aber eine Art, Bestie, die,wenn das Junge ihr unliebsam wird, dasselbe verlängnet,davon hat nicht einmal irgend ein Explicator berichtet.

Der hoffentliche Hausherr faßte fester den wuchtigenSilberknopf seiner Olive, richtete sich an ihm auf, knappteeinige Schritte, dann blieb er abermals stehen;also."sagte er, sarkastisch lächelnd und auf Karl deutend,alsoein Findelkind. Uebrigens brauchen Sie sich morgennicht mehr zu mir zu bemühen."-Bild!-

V.

Bild!" sagte ich vorher; was war da ein schönes,ergötzliches Genrebild, ein lustiger Defregger-Ball aufder Alm, eine wonneselige Grützner-Weinprobe im Kloster-keller im Gegensatz zu dem, welches sich jetzt vor miraufgerollt. Das ist: Max, hautdurchschauernd, herz-zerschneideud, unglückbrütend L 1a. Kindsmörderin, dasist die Glocke von Huasca, des spanischen Malers,der gleich Krautköpfen die Köpfe der Enthaupteten vorder Klosterpforte aufhäufte. Während nämlich der ver-stoßene Hausherr seine letzten, denkwürdigen Worte ans-gestossen, war Karl durchgebrannt, hinab den Berg, ander Jsarbrücke vorbei, dem Damme zu, auf ihm, nein,unten am Nasen, wo der schneegeschwollene Alpenstromanbrandete, weiter. Ich hatte einmal die Verantwortung,Karl wohlbehalten seiner Mama abzuliefern, übernommen,daher blieb mir nichts anders übrig, als dem Ausreißerauf der Fährte zu bleiben.

Was waren meine Sorgen um den Knaben bisjetzt? Jux, Spaß, nichts. Ein Scheibchen Krennbeim Osterschmanse, ein graues Härchen im schwarzenVollbart, ein Secündchen Wachen bei durchschlafenderRächt. O Base, o Mutter, o Gouvernante, löst michab. Ich schärfte meinen Blick. Warum bin ich nichtArgus, der Huudertüugige, nicht Lynkeus, der über dieEcke sah, und selber wär' ich er: der Balg war nicht zubewachen. Bald sah ich ihn, bald nicht, bald stand erauf dem Damme , bald unten am Nasen. Ich lief undkonnte ihn nicht erreichen, denn ein entsprungenes Fohlen,wie das meinige, hat andere Läufer, als der, dem be-reits der Jahre Blei an den Knieen hängt.

Da hör' ich einen Mark und Bein durchschneiden-den Schrei.

Es ist Karl's Stimme. Wo ist er? Ich laufedem Schalle zu; athemlos die Hände ringend steh' ichvor dem rauschenden Strom. Gott , wo ist Karl? am

Ende!-Mir wurde warm im Gehirn, heiß,

so heiß, so glühend heiß am Ende? undnicht anders ist's, kann kann nicht anders feines muß so sein muß wo wär' er denn? erist fortgerissen, ertrunken.

Ich ging hinab den Nasen, vorsichtig bis zur Bran-dung. Nichts, als das jagende Wasser, die Wogen, dieübereinander stürzend einander begruben. O Mutter,so haben sie auch Deinen Sohn begraben, Deinen einzigenSohn, Dein anderes Leben.

Ein Schwerer Reiter und sein Mädchen standen hintermir. In meinem Schrecken hörte ich sie nicht kommen.

Laßt's gut sein, Herr," sagte der Reiter, und seinMädchen setzte dazu:o das Leben ist so schön! netwahr, Gustl? so schön, o ich möcht' noch hundert Jahreüber den jüngsten Tag hinaus leben mit meinem Gustl."

So ist's," pflichtete der Netter beiund warumgleich wegen jedem Pfifferling in's Wasser springen?Was ist Ihnen denn über die Leber 'krochen?"

Ich schaute das Paar wie versteinert an.

Ah, sind S' g'scheidt und froh, und sind S' dank-bar, wenn der alte Knochenhauer recht lang net kommt;und ein Fischfressen abgeben wollen, dies, meiner See?,wär' mir das Allerallerletzte. Geh'n S' weiter undsind S' wieder fidel."

Und mi' freut mein ganzer Ausgaug net, wennich in Ihr verzweifeltes Gesicht seh'," untersuchte dieJulie ihren Romeo.

Ich bin sehr verbunden," entgcgnete ich,undwahrhaftig, ich bin der Verzweiflung nahe. DenkenSie, mir ist gerade mein Bub' ich sah ihn bis zudieser Stelle laufen ertrunken."

DaS ist, teufelneun, natürlich eine andere Num-mer," bemerkte der Reitersmann.Wie sah er dennaus? Einen Matrofenhut?"

»Ja"

Einen zerrissenen Matrosenkragen?"

Ja."

Und so einen Matrosenspenser?"

Ja."

Und rothe Strümpf'?"

Ja, um des Himmelswillen"

Und schwarzlackirte aber über und über koth-saftige Halbstiefel?"

^ »Ja, ja schnell um Gotteswillen, haben Sieihn hineinfallen sehen?"

Nein, das zwar nicht, aber da steht er hinter derdicken Pappel"

Und so oft Sie," ergänzte jetzt die Schwere Neiters-braut,in d' Näh' kamen, ist der Spitzbub' immerrund herum g'schlichen, daß Sie ihn haben nicht sehen-können."

Im nächsten Moment waren der Soldat und dieSeinige Karl's habhaft. DerSchwere" zog denBuben an den Löffeln, die Alliirte nahm ihren Entout-cas beim Krrauf und begrüßte mit dem keineswegsschwachen Stock ein um das andere Mal den katzen-ähnlich emporgezogenen Buckel des Ungezogenen, undunter Fortsetzung dieser Darreichungen brachten sie mirden wie ein zur Schlachtbank gezerrtes Ferkel schreien-den Gesellschafter.

Herr," sagte der entrüstete Soldat,soll ich diesenErzgauner recht hertrischaken, nein, so seinen Vater inAngst setzen, und uns auch, denn wir haben gemeint,Sie wollten sich ersäufen."

Wie dieser Gedanke!"

Ja so is," betheuerte Julie,und wir sindg'rad so g'laufen, daß wir noch recht 'kommen sind, undder Mein' hat schon ang'fangt d' Säb'lgurt abzuschnallen wär' Ihnen «achg'sprungen o der hätt' Sie netersäufen lassen. Ich kenn' den Mein'n."

Ich dankte gerührt, doch für den ersten Augenblickwar es mir gewiß nicht um eine weitere Züchtigung zuthun. Ich war todfroh, den fatalen Jungen wieder