Ausgabe 
(19.1.1894) 6
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gesund vor mir zu sehen. Den Schweren Neitersmannaber, meinen ficherlichen Lebensretter, bat ich, auf meinWohl mit seiner gefühlvollen Herzallerliebsten ein paarExtra-Steine zu trinken, und drückte in Gestalt einesblinkenden Zweimarkstückes die Quasi-Rettungs-Medaillein die bieder dargebotene Hand.

Es bedarf wohl keiner wetteren Erklärung, daßunsere Scene allmählig ein ganz anständiges ContingentZuschauer ansammelte. Ich zog daher vor, Nomeo undJulie alleinig auf der Bühne lassend, mich mit meinemFreund zwischen die Coulissen, heißt das, in ein engesSeitengäßchen zu drücken, um von da aus auf Umwegendie Neichenbach - Brücke zu erreichen. Als wir in einziemlich abgelegenes Gewinkel kamen, konnte ich nichtumhin, meine beiden Hände auszustrecken, um den Ohrendes Jungen eine energische Visite zu machen. Aber indemselben Augenblick, als ich aufzog, fing der Schreck-liche zu schreien an, wie wenn er ein Messer an derGurgel hätte. Mit krampfhafter Festigkeit und denBoden stampfend deckte er sich die Gehörmuscheln zu,und es war absolut unmöglich, anzukommen, dabeiheulte er unaufhörlich:anh, auh und ich sag's schonmeiner Mama, auh und kein Mensch auh, auh hat's Recht auh, anh, auh kein Menschauh!"

Ich mußte von der weiteren Vollstreckung ablassen,denn es pfiffen von einem Dachstübchen herab die zurück-geschobenen Läden und krächzte eine Stimme:Ihm," hießes,ihm soll man die Schmalzfedern aufziehen, ihm,weil er's nicht erwarten kann, bis er mit seinem Bubennach Haus kommt."

Natürlich räumte ich im Eilschritte das Feld, nichtaber ohne vorher einen geringschätzenden Blick auf dieNachtenle zu werfen. Da kam ich recht, Himmel, diesesLexikon von dillots äoux die fetzenweise, wie vomSturme weggefegtes Laub, niederwirbelten, und balddarauf hörte ich nachbarliche Fenster sich öffnen, undnun ist's schon kein Lexikon mehr, sondern eine ganzrespektable Bibliothek, die mir nachgeschleudert wurde.Mein Rückzug aber glich einer Flucht, einer vollendetenDeroute, die mich in eine Sackgasse, wo eingeschlossendie Bora am ergiebigsten wirken konnte, trieb. Durcheinen freien Hausgang schimmerte Lichtung. Es warein Durchhaus. Gott sei Dank, wir standen wieder inden Anlage».

Hier trocknete ich meine Stirue, lange, lang, unddann schritt ich, meinen Liebsten am Acrmel, schleunigstder Neichenbach-Brücke zu. Karl trabte trutzig nebenmir. Ein ganzer Felsblock, ja der ganze Wendelsteinmitsammt seinem Haus und seiner Kathedrale wälztesich, als wir uns der Müllerstraße näherten, meinergepreßten Brust ab. Die Möglichkeit, das Nesthäkchenbald dem besorgten Mntterlein wieder zuführen zu können,wuchs ja von Schritt zu Schritt. Der Centralbahnhof,in dessen Umkreis die Base wohnte, war nun vermittelstder Trambahn in einigen Minuten zu erreichen. Ebenfuhr der Wagen der Haltestelle zu, jedoch seine Tourgiug zur Jsarbrücke, die meine, entgegengesetzt, zumStachus" .Magst Du fahren mit mir bis zum Bahn-hof, Karl?" frug ich im gütigen Tone.

Er antwortete nicht, sondern sprang davon, hinüberüber den Brei der Straße, fort im Galopp auf denWagen zu, und war auch schon darin entschwunden.Durch eben diesen aufgelösten Macadam stürzte ich, k

keine Lache, keinen See, keinen Oker scheuend, demBurschen nach. Ich winkte dem Conducteur vergebens.Soweit geht doch die Rücksicht nicht, daß für den Ein»zelnen Alle warten sollen.

Der Wagen fuhr sein Geleise.

Mit einer derben Verwünschung zwischen den Zähnenund einem um so tieferen Seufzer zog ich mich aus derbraunen Sulze Zurück, und im Laufschritt, so zwar, daßmir die Hüfte stach, verfolgte ich die Arche. Auf derJsarbrücke, dachte ich, werde ich den gottlosen Rangenjedenfalls wieder treffen, und in dieser Hoffnung kürzteich meinen ohnedies langsamer werdenden Gang nochum einige Tempi. Endlich langte ich beim Brückenkopfan. Das Wasser wehte eine fröstelnde Brise mir andie schweißtriefende Stirne, an Kehle und Hals. Inder Mitte der Brüstung steht ein Haufe Buben; diePassage sperrend, gaudirten sie sich an der wilden Wellen-jagd. Ein Gendarm schreitet auf die Bande los undverscheucht sie. Ich frug den Sicherer der Ordnung, ober nicht einen so und so aussehenden kleinen Burschenhätte vorher aussteigen sehen.

Er bejahte es, hinzufügend, daß das junge Herr»chen aber einem älteren Herrn er kenne ihn, es sei einHauptmann a. D. sich anschließend nach dem Ostbahn-hof weiter gefahren sei.

Ich schüttelte den Kopf, dann stand ich wie ver-steinert. Der Gendarm errieth augenblicklich meine Be»stürzung.

Der junge Herr," sagte er tröstend,kommtwohlbehalten an, er ist in guter Gesellschaft; der HerrHauptmann logirt in der Nähe des Bahnhofs."

Nun war mir's klar, wie das Herrchen zur Weiter-fahrt kam. Der Herr Hauptmann a. D. war augen-scheinlich mit ihm eingestiegen und gab dem Villeteaustheilenden Conducteur als Reiseziel Ostbahnhof au.Da Karl weder den Globus der Stadt und noch wenigerdie Weltgcgend-Bahnhöfe kannte, so genügte ihm dasWortBahnhof" vollends, um in guter Gesell-schaft seiner vermeintlichen Heimath entgcgeuzurollen.Aber aber verliefe er sich, irrte er umher, dasGewiukel der Vorstadt durchheulend, und ergriffen sieihn zur späten Nacht als herrenloses Gut, als wohnungS-loscs Individuum, denn ich muthmaßte, daß der Schloß-prinz weder seine Hausnummer noch die Straße wußte,und Mama kaum noch Zeit gefunden haben wird, ihre»Einzug in die Residenz der Polizei anzumelden barm-herziger Gott, eine Nacht in den Katakomben der hei-ligen Hcrmandad brächte ihn in Fraisen, in Epilepsie,den Tod. Und ich, wenn ich zu seiner Mutter träte,ohne ihn, und sie mir zuriefe:Wo ist Dein VetterKarl?" mir müßte es werden, wie einstens Kain, alsder Herr ihm zugerufen:Wo ist Dein Bruder Abel?"

Ich eile über die Brücke, lasse mein Auge hinab-schießen in die Au:ein Pferd, ein Pferd, meinKönigreich für 'n Pferd," so rief in seiner höchstenVerzweiflung einst der englische Richard, und ich rufein der nämlichen Verzweiflung:Eine Droschke, eineDroschke, meinen Beutel für eine Droschke t"

(Fortsetzung folgt.)