schrieb sie u»ter ihrem Mädchennamen, den sie auch alsSängerin beibehalten hatte, an Frau Rollenstein einenzerknirschten Brief, worin sie ihre Reue über ihr ver-gangenes Leben ausdrückte und sich zu jeder Buße bereiterklärte. Die Tante war nicht unerbittlich, sie stellteihrer Nichte die Bedingung, Methodist!» zu werden, undlud sie ein, zu ihr zu kommen, damit sie sich von ihrerBuße und Besserung selbst überzeuge. Die Nichte sollte,wenn sie diese Probe bestand, bei der Tante eine Heim-stätte finden und auch in deren Testamente bedacht wer-den. Dem Briefe Frau Rollenstcin's lag eine namhafteGeldunterstützug bei, von welcher zugleich die Reise nachEuropa bestritten werden konnte ..."
Das war ohne Zweifel der Besuch, dachte Volkmar,den die alte Dame erwartete und für welchen sie, wiedie Frau Ritter hatte sagen hören, ein Zimmer in Be-reitschaft setzte. Auch in diesem Punkte herrschte also,wie schon hinsichtlich der beiden Depeschen, volle Ueber-einstimmung zwischen Harnisch's Mittheilungen und dem,was die Gärtncrsfrau sich hatte entschlüpfen lassen.
Siglindens Betrachtungen waren anderer Art: sieerwog die Frage, ob dem überraschenden Zuvorkommen,welches die sonst so harte Tante gegen Erika bezeigte,nur das Bedürfniß zu Grunde lag, für den Abend ihresLebens eine Pflegerin um sich zu haben, die in einemsklavischen Abhängigkeitsverhältnisse zu ihr stand, oderob sie sich mehr von dem rachsüchtigen Wunsche leitenließ, ihrem tiefgehaßten Schwager, dessen Unversöhnlich-keit gegen die verstoßene Tochter sie kannte, durch die Auf-nahme derselben ein Aergerniß zu bereiten. Vielleichttraf Beides zu.
Während dieser Gedankengänge seiner beiden Zu-hörer fuhr Harnisch ununterbrochen fort: „Frau Jmhoffschwankte, was sie thun solle. Nahm sie das Aner-bieten an, so war nur ihr geholfen, nicht aber ihremGatten, von welchem sie sich trennen mußte. Die Aus-sicht auf ein Erbtheil war wohl für Beide verlockend,lag aber in ungewisser Ferne. Dieser Unentschlossenheitwurde jedoch ein Ende gemacht, als bald nach jenemBriefe das Telegramm anlangte, worin die plötzlich er-krankte Tante mittheilte, sie fühle ihr Ende nahe, undErika aufforderte, sofort abzureisen. Jetzt gab es keinZaudern mehr, auch war keine Zeit zu verlieren. DieMöglichkeit, von der Tante etwas zu erben, war inunmittelbare Nähe gerückt; mit dem nächsten Dampferreiste Frau Jmhoff ab, und ihr Gemahl begleitete sie,vielleicht aus Mißtrauen, daß die designirte Erbin, ein-mal durch das Weltmeer von ihm getrennt, nicht wiederzu ihm zurückkehren möchte. Das war der Anlaß zuder Reise, während welcher ich Ihre Frau Schwesterkennen lernte. Ganz zufällig traf ich mit ihr und ihremGemahl, nachdem wir uns in London getrennt hatten,auch auf dem „)1orninA-8ta,r" wieder zusammen, veruns nach Calais bringen sollte."
Diese Worte waren mit einem unheilverkündendenErnst gesprochen. Wie von einer inneren Bewegungergriffen, erhob sich Harnisch von seinem Stuhle undmachte, die Arme über der Brust verschränkt und dasAntlitz zur Erde gebeugt, einige Gänge durch das Zimmer.
Kaum hatte Siglinde vernommen, daß ihre Schwe-ster sich auf dem unglücklichen Dampfer befunden habe,den eine so schreckliche Katastrophe ereilte, als sich ihrereine namenlose Angst bemächtigte. Ehe sie den Muthfand, sich über Erika's Schicksal durch eine entschlossene
Frage Gewißheit zu verschaffen, suchte sie sich in dieErinnerung zu rufen, ob die Rettungsliste auch denNamen Jmhoff enthalten habe; aber vergebens strengtesie ihr Gedächtniß an. Der Name war ihr fremd ge-wesen und würde sich ihr, selbst wenn sie ihn gelesenhätte, ebensowenig eingeprägt haben, wie irgend ein an-derer. Sie vermochte diese entsetzliche Ungewißheit nichtlänger zu ertragen.
„Herr von Harnisch!" sagte Siglinde mit bebenderStimme, indem sie aufstand und sich mit der Rechtenauf die Lehne des Fauteuils stützte, „was ist aus meinerSchwester geworden? Schonen Sie mich nicht, sondernsagen Sie mir die Wahrheit! Oh, ich ahne dasSchlimmste! Ich lese es in Ihrer Miene, — ich hatteschon vorhin den Eindruck, als trügen Sie sich mit einerfür mich niederschmetternden Mittheilung. Reden SielBitte, reden Sie!"
Doktor Volkmar, dem ebenfalls nichts Gutes ahnte,wollte auf Siglinde zueilen, um ihr Worte der Beruhig-ung und der Theilnahme zu sagen, aber er trat ver-stimmt wieder zurück, denn Harnisch kam ihm zuvor,indem er, sich schon als Siglindens natürlicher Beschützerund Tröster fühlend, ihre Hand ergriff. „Mein liebesFräulein," sagte er in bittend beschwichtigendem Tone,„leider muß ich Sie auf eine Trauerkunde vorbereiten."
Ein schmerzliches Stöhnen entwand sich SiglindensBrust. „Warum sagten Sie es mir nicht schon vorgestern?"
„Ich fühlte nicht den Muth dazu, auch widerstrebtees meinem Gefühle, mich bei Ihnen als Hiobsbote ein-zuführen."
„Meine arme Schwester ist ertrunken, — nichtwahr?" frug Siglinde zögernd und mit dem Weinenkämpfend.
„Leider ist es so, wie Sie fürchten."
„Wissen Sie es ganz sicher?" drang Siglinde inihn, sich an einen Strohhalm von Hoffnung klammernd.„Könnte sie nicht gerettet sein, vielleicht noch mitAndern, die man ebenfalls ertrunken glaubt? O, bitte,erzählen Sie mir, wie das Schreckliche sich zutrug. Wohllas ich den Hergang in der Zeitung, aber ohne die Auf-merksamkeit, die ich dem traurigen Ereignisse geschenkthaben würde, wenn ich gewußt hätte, wie nahe meinHerz daran betheiligt war."
„Die Katastrophe vollzog sich mit erschreckenderSchnelligkeit," berichtete der Amerikaner in tiefem, ge-dämpftem Tone. „Es herrschte ein fast undurchdring-licher Nebel. Da ertönte ein gewaltiges Krachen. UnserSchiff war von dem französischen Dampfer „Sirene"gerade in der Mitte getroffen. Fünf Minuten nachdem Zusammenstoße sank es und zwar so rasch, daß diedrei Boote der „Sirene" von den 160 Passagieren des„LlorninA-star"' nicht den vierten Theil zu retten ver-mochten. Zwar hatte unser Schiff auch drei Boote herab-gelassen, aber ehe diese noch bestiegen werden konnten,kenterte das eine derselben, während die beiden andernso schnell abtrieben, daß sie von Niemand erreicht wer-den konnten. Was nicht von der „Sirene" aufgenom-men wurde, ist ertrunken, darüber herrscht leider nichtder mindeste Zweifel, denn stundenlang noch wurde dieWasserfläche ringsumher abgesucht, jedoch ohne Erfolg.Wir waren im Ganzen 31 Gerettete und wurden nachCalais gebracht. Aber Ihre Frau Schwester, nach wel-cher zu forschen mein Erstes war, befand sich nichtdarunter."