Ausgabe 
(30.1.1894) 9
Seite
58
 
Einzelbild herunterladen

In stillen Thränen ergoß sich Siglindens Schmerz. >

Hatte die Ungleichartigkeit des Alters und der 1Charakteranlagen auch stets eine Scheidewand zwischen ;den beiden Schwestern gebildet, war Siglinde auch nochein Kind gewesen, als Erika das elterliche Haus verließ,so hatte sie doch nie aufgehört, die Entfernte, Ver-schollene als ihre Schwester zu lieben und ihrer weh-müthig zu gedenken. Die nie erloschene Hoffnung, siedennoch einst als Wiedergefundene in ihre Arme zuschließen, war mit der Kunde von ihrem Tode für immerdahin; das unnatürliche Ende, das Erika gesunden, dieharten Schicksalsprüfungen, welche ihre letzten Lebens-jahre verdüstert hatten, drückten den Stachel des Schmer-zes nur um so tiefer in Siglindens Herz. Sie ließ sichvon Harnisch, der ihr die letzte Kunde von der Verstor-benen gebracht, während der letzten Stunden ihres Le-bens mit ihr verkehrt hatte, genau beschreiben, wie Erikaausgesehen, wie ihre Stimme geklungen, welche Kleidungsie getragen hatte, um sich das Bild fest einzuprägenund es wie eine heilige Reliquie in ihrer Erinnerungzu bewahren. !

Ein langes tiefes Schweigen war eingetreten. WederVolkmar noch Harnisch hätten gewagt, dasselbe zu unter-brechen. Als Siglinde ihre Fassung wiederfand, wardsie sich erst bewußt, daß während der ganzen Zeit Har-nisch ihre Hand in der seinigen gehalten hatte. Sieerkannte sehr wohl, daß dieser sich ein Recht herausge-nommen hatte, welches Volkmar zwang, bei Seite zustehen und Trost und Zuspruch dem scheinbar Bevor-zugten zu überlassen. Sie erschrak, und einen Blickauf den Anwalt werfend, entzog sie dem Amerikanerrasch die Hand. ^ (Fortsetzung folgt.)

Der berühmte Z . . .

Es war im Jahre 1875, als ich mich mit meinem Ro-manUnglückliche Liebe" um einen Preis der Akademiebewarb. Aber was nützt es, lieber Leser, Dir diesenTitel zu nennen. Er ist Dir ohne Zweifel unbekannt,denn die große Mehrzahl der Exemplare desselben ruhtungestört auf den Regalen der Buchhandlung, und dasWerk hat auch nicht den geringsten Preis gewonnen.

Sie sind gar zu moralisch", sagte mir der Ver-leger, der das Buch übrigens auf meine Kosten hattedrucken lassen.

Ironie des Schicksals! Der Areopag der Vierzigverwarf mein Buch, weil einige Szenen darin zuge-wagt" seien. Wer soll daraus klug werden! Und dieserdoppelte Mißerfolg hatte nicht einmal die gute Wirkung,mich von weiteren Produktionen abzuschrecken, obgleichich es meinerUnglücklichen Liebe" verdanke, mich ein-mal in meinem Leben lächerlich gemacht zu haben.

Ich will hoffen, daß es das einzige Mal war.

Die Sache verhielt sich folgendermaßen: Ich warjung, denn ich zählte nicht viel mehr als zwanzig Jahre,und unerfahren, denn nachdem ich die Naivetät gehabt,einen Roman auf meine Kosten drucken zu lassen, hinter-legte ich drei Exemplare desselben bei dem Sekretär derAkademie, ohne irgend welche Schritte zu seiner Em-pfehlung zu thun, nur im Vertrauen auf seinen innerenWerth. Eine alte Tante, der ich meine ehrgeizigenPläne mittheilte, sagte mir:Mein lieber Neffe, ichkenne einen Akademiker, den berühmten Z . . . Schickeihm einen Band Deines Romans mit einer Widmung.Ich werde mit ihm von Dir sprechen,' denn ich treffe

> ihn wenigstens einmal in der Woche in der Welt, in1 der man dintrt."

Am folgenden Morgen befand sich mein Band inden Händen des berühmten Z . . . Jetzt ist er todt,aber wie man sehen wird, ist er nicht an der Lektüremeines Romans gestorben.

Der 'Sommer verging, und ich reiste nach Burgund ab. Ich sehnte mich nach Landluft, nach den Meinigenund nachErsparnissen." Das Druckenlassen meinesWerkes hatte meine Kasse erschöpft In unsern Zeitensind es nicht mehr die Schriftsteller, welche die Verlegerruiniren. Oh, dieserSelbstverlag"! Diese Erfindungist fataler für den Geldbeutel, als die Roulette.

Im Coupö der Eisenbahn ward mir eine der süße-sten Freuden zu Theil, die mir die Literatur bescheerthat. Leider war sie nur von kurzer Dauer, aber wasthut's. Bis auf diesen Tag kann ich nicht ohne Be-wegung an diese unschuldige und flüchtige Jugend-erinnerung denken.

, Wir waren drei im Coups: erstens ich; dann einMann von etwa sechzig Jahren, klein von Wuchs, rothvon Angesicht, kahlköpfig und sonderbar in seinemAlter nickt dekorirt. Er mochte Verstand besitzen,jedenfalls verbarg er ihn unter einem schwerfälligenAeußern. Seine Kleidung verrieth wenig Rücksicht aufdie Forderungen der Mode.

Die junge Dame, welche ihn begleitete, ohne Zweifelseine Tochter, schien mir eine vornehme Persönlichkeit,denn sie trug jeidene Strümpfe. Ich habe seitdem, aufmeine Kosten, gelernt, daß man auf seidene Strümpfekein Gewicht legen darf; aber diese Geschichte trug sichzu vor zwölf Jahren, und ich war damals jung.

Uebrigens, wenn die Unbekannte Holzschuhe an-gehabt, nur ein Auge und einen Buckel gehabt hätte, eswäre mir in dem Augenblicke gleichgiltig gewesen. Dennnicht auf ihr weilten meine freudestrahlenden Blicke,sondern auf dem Buche, das sie las; ein Buch in einemlachsfarbenen Umschlage, den ich auf einen KilometerEntfernung erkannt Hütte. Gerechter Himmel! Es warmein Buch!

Jedermann kann die Druckerpresse ins Stöhnestbringen. Wer macht sich heutzutage nicht das vorzüg-liche Vergnügen, seinen Namen in einem Ladenfensterzwischen Octave Feuillet und Balzac prangen zu sehen?Aber sich lesen sehen! Welche Wonne! Kleopatra selbsthat trotz aller Raffinirtheit im Genießen die Art desGenusses nicht entdeckt, und ich bedaure sie deshalb,denn ich habe diese Seligkeit einmal in meinem Lebengenossen; ja, leider nur einmal!

Also du", dachte ich,du liebes, gesegnetes Wesen,du hast mein Buch gekauft! Es sind meine Gedanken,die du denkst, meine Empfindungen, die du empfindest,meine Worte, die deine rosigen, hübschen Lippen in leiseBewegung setzen."

Aber ach, was mußte ich erblicken? Diese rosigenLippen öffneten sich allerdings, aber um zu gähnen!Gewiß ist sie, der Abreise wegen, sehr früh aufgestanden,suchte ich mir einzureden. Ihre Augen schlössen sich,das zarte Kinn sank auf ihre Brust, die fein behand-schuhten Hände ließen mein Buch los, und es sankauf den Teppich. Nun, es ist doch keine Schande, einemhübschen Mäochen zu Füßen zu fallen, besonders zusolchen Füßchen in seidenen Strümpfen.

Sie regte sich nicht. Ihr Schlaf war gesund, prima