Ausgabe 
(30.1.1894) 9
Seite
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Sorte, ausdauernd. Vielleicht war das eine Familien-eigenthümlichkeit, denn der Vater schlief schon lange, ganzohne dieUnglückliche Liebe" gelesen zu haben. DieserGedanke war sehr beruhigend. Ach, meine Freude warvon kurzer Dauer gewesen! Sie hatte das Buch nichtgekauft, denn auf der ersten Seite fand ich diese Zeilenvon meiner eigenen Hand geschrieben:

Dem Herrn Z . . ., Mitglied der Akademie vonFrankreich .

Erlauben Sie, hochverehrter Meister, einem Unbe-kannten, Ihnen seine Huldigung durch die Zusendungdieses bescheidenen Buches dar-zubringen, als Zeichen seinerehrerbietigen BewunderungIhres hohen Talents."

Aber wie! Welche Freude!

Dieser apoplektische, nachlässiggekleidete Schläfer war derberühmte Z . . .! Er hattemein Werk seiner Beachtunggewürdigt, da er es auf dieReise mitgenommen hatte. Erhatte seinem Kinde erlaubt,vielleicht gar gerathen, es zulesen.

Nun brauchte ich nur diesesglückliche Zusammentreffenauszunutzen. Noch sechs Stun-den lang würde ich die Ge-sellschaft des berühmten Man-nes genießen. Das war mehrals genug, um mir seine Gunstzu sichern, welche, nach der An-sicht meiner Tante, die der39 Andern nach sich ziehenwürde. Und es war mir jaauch nicht verboten, vermittelstseiner Tochter auf ihn einzu-wirken. Das hieß, auf einemUmwege an sein Ziel gelan-gen, aber auf welch einem nied-lichen Umwege. Man denke sicheine reizende, recht muthwilligaussehende Brünette, mitblitzenden Augen und kirsch-rothen Lippen und einemWüchse, der jeden Maler be-geistern würde.

Aber in diesem Augenblickegalt es nicht, sich zu verlieben,sondern an mein Buch zu den-ken. Das Uebrige würde sichspäter dann schon finden. Armes Buch! Bis jetzt wares noch nicht einmal aufgeschnitten, und wenn es soweiter ging, hatte es wenig Aussicht, aufgeschnitten zuwerden. Da ich nichts Besseres zu thun hatte, zog ichmein Messer aus der Tasche und machte mich an dieArbeit. Das Knistern des Papiers weckte meine Nach-barin auf, die etwas erstaunt schien über meine Be-schäftigung.Mein Herr..." begann sie, die Handnach ihrem Eigenthum ausstreckend.

Mademoiselle," antwortete ich,erlauben Sie mir,Ihnen eine Arbeit zu ersparen. Ich werde in fünf Mi-nuten fertig sein."

Sie dankte mir mit einem Lächeln. Welche reizen-den Zähnchen I Was konnte die Akademie mir Aehnlichesbieten? Ich sah, daß sie mich mit Wohlgefallen betrach-tete. Der Augenblick, den Angriff zu beginnen, wargekommen. Ich machte ein so schelmisches Gesicht, wieich nur konnte, und sagte:Uebrigens habe ich ein gutesRecht dazu."

Ein gutes Recht," wiederholte sie, mich mit ihrengroßen Augen anblickend, und ein niedliches Grübchenerschien auf ihrem Gesichtchen.

Jawohl! Erlauben Sie mir, mich Ihnen vorzu-stellen. Ich bin der bescheideneund unbekannte Verfasserdieses Buches."

Sie nahm das Buch undlas neugierig das plebejischePseudonym auf dem Deckel.Sorgloses Kind! Sie hatte an-gefangen, meineUnglücklicheLiebe" zu lesen, ohne sich zukümmern, wer sie geschriebenhatte. Ich konnte sogar be-merken, daß der banale Name Pierre Lejeune" ihr Interessefür mich abkühlte. Mit etwasverächtlichem Tonfalle sagtesie:Also Sie sind ein Schrift-steller?"

Ich habe diese Ehre, meingnädiges Fräulein, denn ichzweifle nicht daran, daß dasin Ihren Augen für eine Ehregilt. Sie kennen gewiß diemeisten litterarischen Größenunserer Zeit?"

Ja, einige von ihnen be-suchen uns, aber meistens nurdie Alten."

Der Papa bewacht seinTöchterchen sorgfältig," dachteich, und sagte:Sie lesen ge-wiß sehr viel?"

Oh ja, sehr viel, im Som-mer, auf dem Lande. ImWinter habe ich keine Zeitdazu."

Ich drückte durch eine Gesteaus, daß ich das sehr natür-lich fände. In ihrem Alter,bei ihrer Schönheit machte sieselbstverständlich sehr viele Ge-sellschaften mit. Dann fragteich, der mir am Herzen liegenden Hauptsache eingedenk:

Glauben Sie, daß Ihr Herr Vater mir die Ehreerweisen würde, diesen bescheidenen Versuch anzusehen?Ich brauche Ihnen nicht zu sagen, wie wichtig mir seinUrtheil wäre, denn ..."

Das ist nicht mein Vater, sondern mein Onkel.Sie kennen ihn?"

Seinen Ruf, gewiß. Welch ein Talent!"

Sie nickte zustimmend. Dann sagte sie leise:ZumUnglück fängt er an, altersschwach zu werden; seineArbeit ist sehr angreifend. Die Saison in diesem Jahrewar sehr ermüdend; mehrere große Diners jede Woche.

Die Uikolaikirche zu Hamburg .

MV