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stimmte, und daß er Anna's Jucognito unter der Firma„ivmAlit" wirklich entdeckt hatte. War hierüber -nochein Zweifel zulässig, so wurde dieser gelöst, als einigeTage später der Generalanzeiger unter derselben Chiffreabermals eine Bestellung zu einer Zusammenkunft brachteund Bolkmar sich auch diesmal von Anna's Abwesenheitum die bestimmte Stunde bei ihren Verwandten per-sönlich überzeugte.
„Xnixlrt" — Dringend! — 4 Uhr. — Königs-Platz-Johannesstraße," hatte dieser Avis gelautet undVolkmar hatte sich auf dem Rückwege von der Gärtnereivergewissert, daß auch diese Straßenecke, wie die vorige,ein Hauptplatz der Pferdeeisenbahn war, woraus sichschließen ließ, daß Beide vom Orte des Zusammen-treffens aus gemeinsam Excursionen machten, um sich aneinem geeigneten Ziele derselben, wo sie ungestört waren,gegenseitig auszusprechen.
Bald, nachdem Volkmar von diesem Gange zurück-gekehrt war, erschien Siglinde bei ihm. Seit er ihrjene Zeilen wegen der beiden postlagernden Briefe ge-schrieben, waren fast vierzehn Tage vergangen. Er er-schrak über ihren Anblick.
„Was ist Ihnen, Fräulein Siglinde?" frug er-betroffen. „Sie sehen bleich und angegriffen aus!"
„Ich war krank," gab sie zur Antwort, „der Arzt §befürchtete ein Nervenfieber, aber Dank meiner kräftigenNatur ging diese Gefahr vorüber."
„Ich beglückwünsche Sie von ganzem Herzen zuIhrer Wiedergenesung," sagte Volkmar mit warmerTheilnahme. „Ein Wunder ist es nicht, daß so harteLebensprüfungen, wie sie Schlag auf Schlag das Schick-sal über Sie verhängt hat, endlich selbst die festeste Ge-sundheit erschüttern."
„Als ich Ihre freundlichen Zeilen erhielt, war ichbereits bettlägerig," erzählte Siglinde. „Erst gesternwar es mir gestattet, wieder auszugehen. Mein ersterGang war nach dem Postamte, wo ich die beiden Briefean meine Schwester erhob."
„Nun, und ist der Inhalt von Wichtigkeit?" frugder Advokat gespannt.
„Für die Sache meines Vaters wohl kaum, fürmich persönlich aber um so mehr. Ich nahm an, daßdie Ehe meiner Schwester kinderlos geblieben sei; ausdiesen Briefen geht aber hervor, daß ein dreijährigesTöchterchen vorhanden ist, welches die Eltern mit nachEuropa gebracht und, da es ihnen hier begreiflicherWeise im Wege gewesen wäre, in London bei einerDame in Pension gegeben haben. Von dieser Dame,die sich Frau Webster nennt, sind die beiden Briefe.In dem ersten, der von dem gleichen Tage datirt, womeine arme Schwester ertrank, schreibt Frau Webster,daß das Kind in der vergangenen Nacht erkrankt sei,und daß der Arzt befürchte, es könne sich Diphtheritiseinstellen. In dem zweiten Briefe, der am Tage dar-auf geschrieben wurde, theilt Frau Webster mit, es seibei Jenny — so heißt das Kind — unerwartet einewesentliche Besserung eingetreten, welche baldige Ge-nesung hoffen lasse. Wenn sich das Befinden der Klei-nen nicht verschlimmert, werde kein weiterer Brief folgen.Da seitdem mehrere Wochen vergangen sind und nurdiese beiden Briefe da waren, so darf ich um die Ge-sundheit meiner kleinen, mutterlosen Nichte wohl unbe-sorgt sein. Der Gatte meiner Schwester — nur mitWiderstreben nenne ich ihn so — scheint keine Kennt-
niß davon gehabt zu haben, daß Erika für unvorher-gesehene Fälle Frau Webster vorsorglich eine vorläufigeAdresse zurückließ, sonst würde er doch schon längst selbstauf der Post nachgefragt haben.
„Der Meinung bin ich ebenfalls," nickte Volkmar,„was mir aber am meisten auffällt, ist, daß Herr vonHarnisch des Kindes mit keiner Silbe Erwähnung gethanhat. Unmöglich kann ihm doch während der langenSeereise und bei seinem vertrauten Verkehr mit IhrerFrau Schwester entgangen sein, daß sie ein Töchterchenbei sich hatte."
„Das war auch mir räthselhaft," entgegnete Sig-linde, „und deßhalb schickte ich gestern, nachdem ich vondem Inhalte der Briefe Kenntniß genommen, mein Mäd-chen sogleich nach seinem Hotel und ließ ihn um seinenbaldigen Besuch bitten. Er kam noch an demselben Vor-mittage."
„Sie sprachen ihn also bereits darüber?" frug derRechtsgelehrte aufmerksam. „Nun, und wie erklärte erjenen seltsamen Widerspruch?"
„Allerdings habe er um das Kind gewußt, gestander mir. Er ist im Ungewissen gewesen, ob das Kind sichauch mit auf dem „NominA-star« befunden, habe diesaber als selbstverständlich angenommen, und da er es mitder Mutter ertrunken glaubte, habe er dasselbe liebergar nicht erwähnt, um meinen Schmerz nicht zu ver-mehren."
„Auch nach meinem Gefühle war dies das einzigNichtige, was er unter den obwaltenden Verhältnissenthun konnte," sagte Volkmar mit zustimmendem Kopf-nicken.
„Es ist mein fester Entschluß," fuhr Siglinde fort,„das Töchterchen meiner Schwester als das theuerste An-denken an die arme Unglückliche zu mir zu nehmen. Inlängstens acht Tagen hoffe ich wieder so weit gekräftigtzu sein, um die Reise nach London wagen zu könnenund das kleine unschuldige Wesen abzuholen."
„Weiß Herr von Harnisch um Ihre Absicht?" frugVolkmar.
„Ich habe ihm kein Hehl daraus gemacht," ant-wortete Siglinde; „sollte es zwischen ihm und mir zumEheschluß kommen, sagte ich ihm, so werde er sich nebender Million meiner Tante auch die ihm vielleicht wenigerangenehme Mitgift eines fremden Kindes gefallen lassenmüssen."
„Und wie nahm er diese Eröffnung auf?"
„Er erklärte sich mit Freuden bereit, Jenny anKindesstatt zu adoptiren ..."
(Fortsetzung folgt.)
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Scheidensgkocke.
Klagend schallt die ScheidensglockeIn mein stilles, kleines Zimmer,
Sagt mir, daß ein Herz verlassenGottes schöne Welt für immer.
War's ein Herz, das schmerzbeladenGerne heim zum Frieden ging,
Oder war's ein Herz, das ängstlichAn des Lebens Gütern hing?
Beiden wünsch' ich jene Ruhe,
Die auf Erden niemals ist,
Die nur wohnt in Himmelsauen,
Wo uns Gottes Antlitz grüßt.
Max Malber.