Ausgabe 
(6.2.1894) 11
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vorüberkam, welches eine Überschrift als Ausgabestellefür postlagernde Briefe bezeichnete, mußte er unwillkür-lich daran denken, daß auch Amanda's Brief hier bereitliege. Aber das Lächeln, welches diesen müßigen Gedankenbegleitet hatte, verschwand plötzlich und sinnend blieb er vordem Schalter stehen. Wie es häufig zu geschehen pflegt,daß ein unbedeutender äußerer Anlaß wie mit einem Zau-berschlage eine Jdeenverkettung hervorruft, auf welche dastiefste logische Nachdenken nicht führen würde, so hatteAmanda's Brief und der Schalter für postlagernd an-langende Sendungen plötzlich auf einen verwandten Ge-danken geleitet. Er frug sich, ob nicht Jmhoff oderseine Frau in New-Aork Freunde oder Bekannte zurück-gelassen haben sollten, die ihnen aus irgend einem An-laß schreiben könnten. Wenn Beide für diesen Fall Vor-sorge getroffen hatten, so konnten sie sich die Mittheil-ungen ihrer Correspondenzen nur postlagernd bestellthaben, denn Jmhoff für seine Person wäre nicht in derLage gewesen, sich Briefeunter ihrem Fraueunamenin die Wohnung ihrer Tantebringen zu lassen, da siederselben ihre Heirath ver-schwiegen hatte,

Ein solcher Brief, gleich-viel, ob an Jmhoff oder anseine Frau gerichtet, konnteBeziehungen erschließen, diedemNechtsgelehrten vielleichtwichtiges Material lieferten.

Obwohl er zweifelte, daßJmhoff, wenn er post-lagernde Correspondenzen zuerwarten hatte, dieselben nochnicht abgeholt haben sollte,trat er dennoch an den Schal-ter heran und frug, ob viel-leicht Briefe für Herrn oderFrau Jmhoff da seien.

Der Beamte griff in einesder nach dem Alphabet ge-ordneten Fächer, nahm einenStoß Briefe heraus und ließdieselben mit gewandtemFingergriff Revue passiren,warf dabei zwei bei Seite

und reichte diese, nachdem er die übrigen wieder in dasFach zurückgelegt hatte, dem Nechtsgelehrten mit denWorten dar:An Frau Erika Jmhoff."

Volkmar betrachtete die Briefe. Die Adresse beiderzeigte die gleiche Handschrift, der Poststempel war London und beinahe drei Wochen alt, der eine Brief war nureinen Tag später als der andere aufgegeben worden.Jmhoff selbst hatte also keine Briefe zu erwarten undwußte wohl auch nicht um die Correspondenz seiner Frau,sonst würde er längst schon nachgefragt haben, und beidieser Gelegenheit würden ihm auch die beiden Briefe andie letztere ausgehändigt worden sein. Volkmar fühltesich nicht berufen, die Briefe an sich zu nehmen, aberals die nächste Verwandte der verstorbenen 'Adressatinbesaß Siglinde Anspruch darauf. Er gab sie dem Post-beamten zurück mit dem Bemerken, daß er vorläufig nurhabe nachfragen wollen und daß die Dame, welche dasRecht zur Erhebung der Briefe habe, selbst kommen werde.

Adolf K'Arronge.

In sein Bureau zurückgekehrt, unterrichtete er durcheinige Zeilen Siglinde sogleich von seinem Funde aufdem Postamte und bat sie, die beiden Briefe persönlichabzuholen und ihm von deren Inhalte, falls derselbefür die schwebende Frage von Bedeutung sei, Mittheil-ung zu machen. Em Tag nach dem andern vergingjedoch, ohne daß Siglinde auch nur ein Lebenszeichenvon sich gegeben hätte, und so nahm er an, daß dieBriefe ohne Wichtigkeit gewesen seien.

Inzwischen studirte Volkmar jeden Morgen denGeneralanzeiger", wobei ihm eines Tages in der be-wußten Rubrik folgende Zeilen in die Augen fielen:

LrnAdt. Gestern vergeblich gewartet! 6 UhrKleist-Breitestraße."

war ein englisches Wort und hieß zudeutsch Ritter." Das war sehr vorsichtig, aber füreinen argwöhnischen Advokaten, wie Volkmar, verdächtiggenug, denn er bezog das maskirende Wort sogleich auf

Anna Ritter . Kleist-Breite-straße war eine Ecke, anwelcher sich, wie Volkmarsich erinnerte, eine Haltestelleder Pferdeeisenbahn befand.Da als Zeit der Zusammen-kunft schlechthin nur diesechsteStunde angegeben war, soließ sich annehmen, daß dieseBezeichnung für den Taggalt, an dem der General-anzeiger erschien, im vor-liegenden Falle also für denheutigen. Befand sich Volk-mar auf der richtigen Fährte,hatte er wirklich die ver-muthete Geheimcorrespon-denz entdeckt, so war diegrößte Vorsicht geboten, umin den Beiden keinen Arg-wohn zu erwecken. Daherhielt er es auch nicht fürgerathen, in der Expeditiondes Blattes nach dem Auf-geber des Inserats Erkundi-gungen einzuziehen, vondenen er sich ohnehin keinenErfolg versprach, da zu der-artigen diskreten Geschäften doch in den meisten Fällensogenannte Dienstmänner als Mittelspersonen verwendet zuwerden pflegen. Ebenso gewagt schien es ihm, sich per-sönlich an dem Orte des Stelldicheins blicken zu lassen,denn leicht konnte ihn Anna wiedererkennen, und warer ihr bis jetzt auch als harmlos, vielleicht als einneugieriger Schwätzer erschienen, so konnte sie doch leichtauf den mißtrauischen Gedanken kommen, daß diese Be-gegnung kein Zufall sei, und ihm war alsdann das Spielverdorben.

Volkmar griff daher zu einem anderen Auskunfts-mittel. Er begab sich zwischen der sechsten und sieben-ten Stunde in die Gärtnerei, und wie er vorausgesehenhatte, erfuhr er auf sein Befragen nach Anna, daß diesenicht zu Hause sei.

! Diese Abwesenheit um dieselbe Zeit, welche im Jn-j serate als Stunde des Rendezvous angegeben war, konnte! sozusagen als Probe gelten, daß Volkmar's Rechnung