durch die schcelsüchtige Schwägerin wieder zu kleinengehässigen Indiskretionen zu reizen.
„Danke der gütigen Nachfrage/' antwortete Ritter geschmeichelt. „Sie ist, Gott sei Dank, wohlauf. Hatgerade einige Geschäftsgänge in der Stadt zu besorgen."
Frau Ritter lachte höhnisch. „Die Geschäftsgängesind in der letzteren Zeit sehr häufig geworden," warf sie ein.„Seit sie die Ponyfransen trägt, hat sie allerlei in derStadt zu thun und geht nur noch in ihrem besten Sonn-tagsstaate aus, nachdem sie sich vorher zehnmal imSpiegel besehen hat."
„Ei, Du mein Himmel!" versetzte der Gärtnerentschuldigend, „laß vem Mädchen doch ihre kleinen Eitel-keiten. Sie will sich ein Bischen sehen lassen."
„Oder sich im Englischen vervollkommnen," ver-besserte Frau Ritter boshaft.
„Haha!" fügte Sophie mit gehobener Stimme hinzu,„Anna würde uns ganz gewiß sagen können, wohin wirdie Fächcrpalmen zu schicken hätten!"
Der Gärtner ward hochroth im Gesicht. „SchämeDich, Sophie, meiner Schwester so etwas nachzusagen,"verwies er der Frau mit zürnender Sanftmuth, „Annawird sich nie herabwürdigen, die Wohnung eines Herrnzu betreten!"
„Das will ich auch nicht gesagt haben," entgegneteSophie spöttisch, „es gibt ja andere Orte, Promenaden,Kaffeegärten und dergleichen, wo man Herzensergieß-ungen austauschen kann " . r .
Doktor Volkmar bezahlte seine Einkäufe, gab diefrühere Adresse an, an welche sie abzuliefern waren, undschied mit dem Versprechen, bald wiederzukommen.
Wenn der von Haß und Mißtrauen geschärfte weib-liche Scharsblick der Gärtnersfrau nicht trog, so hattesich also zwischen Anna und dem Engländer, der nunmit der Person Jmhoff's identisch erschien, ein Verhält-niß angesponnen.
Warum setzte er diese Tändelei fort? Gehörte erzu Jenen, die ohne Frauen nicht leben können, undwar ihm Anna ein willkommenes Liebesabenteuer? Oderfürchtete er, mit ihr zu brechen, fürchtete er die Rachedes feurigen Mädchens, welches ebenso leidenschaftlichhassen als lieben konnte? War sie in sein Verbrechenetwa eingeweiht? Nein, das glaubte Volkmar nicht.Sie war nur ein willenloses Werkzeug gewesen; derhübsche gewandte Mann hatte schnell und leicht das Herzder Heirathslustigen gewonnen und ihre Zunge ent-siegelt, — das war Alles. Vielleicht wünschte er nurdie über sie erlangte Macht zu benutzen, um sich an ge-fährlicher Stelle eine zuverlässige Freundin zu erhalten,durch welche er über die Vorgänge im Hause der Er-mordeten fortdauernd unterrichtet blieb, und die ihnvielleicht vor drohender Gefahr warnen konnte, indem ersie geschickt auszuforschen verstand.-
Bei alledem aber ließ sich schwer erklären, was denmuthmaßlichen Mörder so lange in dieser Stadt fest-halten konnte, die doch für ihn ein so heißer Bodenwar. Der Zweck seiner entsetzlichen That war verfehlt;er hatte bei seinem Opfer nicht die erhofften Schätzegefunden. Sann er etwa auf neue Verbrechen? Washatte er nach vollbrachtem Morde bei Schönaich gewollt?Warum war er nicht wiedergekommen? Fürchtete er indiesem Hause Herrn von Harnisch zu begegnen? Dochall diese Fragen waren jetzt nur nebensächlicher Natur;
zunächst kam es darauf an, die ungreifbare Schatten-gestalt Jmhoff's mit fester Hand zu fassen.
Wie war ihm beizukommen, ohne daß die amtlichenSicherheitsorgane in Bewegung gesetzt werden mußten,welche durch rücksichtsloses, rauhes Eingreifen leicht mehrverderben als nützen konnten? Nein, noch war er nichtreif für die Staatsanwaltschaft; ihn für diese zuzurichten,ihn als entscheidenden Trumpf in Schönaich's Prozesseausspielen zu können, war Volkmar's Aufgabe. Wo derMörder sich vielleicht am sichersten glaubte, sah Volkmarseine schwache Stelle: in Anna Ritter . Sie war dieSchlinge, in der er gefangen werden mußte, und um dieWege hierzu zu ebnen, war es nöthig, sich darüber Ge-wißheit zu verschaffen, ob das Liebesverhältniß wirklichbestand, welches Frau Ritter argwöhnte.
Wenn Beide sich heimlich Rendezvous gaben, somußten sie sich über Ort und Zeit verständigen. Daskonnte durch Verabredung von einer Zusammenkunft zurandern geschehen; verfehlten sie sich aber einmal, so warder Kontakt zwischen ihnen aufgehoben, und für solcheFälle mußten sie über ein Verbindungsmittel verfügen,um den Faden wieder anzuknüpfen. Das war durchBriefe möglich, aber eine solche Korrespondenz wäre jeden-falls dem Argusauge Frau Ritters nicht entgangen.Wo derartige Hindernisse obwalten, sind Bestellungen inöffentlichen Blättern, unter verstohlenen Chiffren mas-kirt, ein beliebtes und einfaches Auskunftsmittel. Viel-leicht traf dies auch hier zu. Volkmar erinnerte sich,in der Hand des Gärtners, als er denselben begrüßte,den „Generalanzeiger" gesehen zu haben, das in keinemHause fehlende Hauptannoncenblatt der Stadt, die Börsedes Klatsches, der Vcrcinigungspunkt aller Privatinter-essen, welche durch Druckerschwärze sich dem Auge zu Prä-sentiren trachteten, das nach ihnen suchte. Auch Volk-mar hielt dieses Blatt, bekam es aber selten zu Gesicht,da es meist nur unter seinem Bureaupersonal zirkulirte.Heute ließ er es sich sofort geben, um die beliebte, denAnnoncentheil beschließende Rubrik zu studiren, in wel-cher sich allerlei delikate persönliche Verhältnisse wieder-spiegelten. Da warnte ein Mann vor seiner Frau, dieauf seinen Namen Schulden machte. — Der „wohlbe-kannte Herr," welcher einen neuen Hut an sich genom-men und dafür seine eigene schäbige Kopfbedeckung zurück-gelassen hatte, wurde zum sofortigen Umtausch aufge-fordert, widrigenfalls man seinen Namen der Oeffent-lichkeit zu übergeben drohte. Frau X. nahm die Be-leidigung znrück, die sie gegen Herrn I. ausgesprochenhatte. — Dem dicken August brachten seine Freunde zuseinem heutigen Geburtstage ein donnerndes Hoch, daßdie ganze Schloßstraße wackelte. — „Ein Brief liegtpostlagernd bereit unter der angegebenen Adresse," ver-ständigte „Amanda E . . ." einen unbenannten, sehn-süchtig harrenden Verehrer.
Eine Einladung zu einem Stelldichein befand sichheute aber nicht unter diesen interessanten Inseraten.Während das zuletzt gelesene derselben: „Ein Brief liegtpostlagernd bereit," dem Rechtsgelehrten fortwährend nochwie eine Melodie, die man trotz ihrer Abgeschmacktheitnicht los werden kann, in den Ohren summte, begab ersich auf den Weg nach dem nahen Hauptpostamte, umein wichtiges Schreiben aufzugeben, dessen Besorgung eraus besonderen Gründen keinem seiner Leute vertrauenwollte. Als er in den weiten, von einem geschäftigenPublikum belebten Hallen an dem großen Schalterfenster