Ausgabe 
(6.2.1894) 11
Seite
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1894.

Augsburger PostMung".

Dienstag,, den 6. Februar

Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg .

Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas So Grabherr in Augsburg lVorbesitzer Dr. Max Huttler) .

Auf verwegener Mahn.

Kriminalnovelle von Gustav Höcker.

(Fortsetzung.)

Als Doktor Volkmar es übernahm, in dem bevor-stehenden Kriminalprozesse gegen Schönaich dessen Ver-theidigung zu führen, hatte er sich nicht von seinem juri-stischen Ehrgeize leiten lassen, sondern die Person Sig-lindens stand dabei im Vordergründe; ihr Unglück rührteihn, der flammende Eifer beseelte ihn, für das lieblicheKind, welches er als theuerstes Bild seiner Erinner-ungen im Herzen getragen, seine ganze Kraft einzusetzen,und über dem Allem schwebte die Hoffnung, sich alsPreis für die glückliche Lösung seiner Aufgabe ihre Handzu gewinnen. Nun hatte er hören müssen, daß einAnderer nicht nur um diesen Preis warb, sondern auchdie Zusage desselben erhalten hatte. Mit rückhaltloserOffenheit hatte ihm dies Siglinde gestanden. Welch'unerschütterliches Vertrauen mußte sie in Volkmars Hoch-herzigkeit setzen, um trotz dieses Bekenntnisses sicher zusein, daß sein Eifer für die Sache ihres Vaters nichterkalten werde. In diesem Vertrauen sollte sich Siglindenicht getäuscht sehen, sie sollte erkennen, wie rein undselbstlos er sie liebte, indem er mit Aufbietung seinerganzen Energie an der übernommenen Aufgabe weiter-arbeitete, ohne sich dadurch entmuthigen zu lassen, daßnur bittere Entsagung sein Lohn sein werde.

Sein nächstes Augenmerk mußte darauf gerichtetsein, zu ermitteln, ob die äußere Erscheinung jenes Kun-den, der sich unter verdächtigen Umständen von AnnaRitter ein Bouquet hatte binden lassen, mit dem Sig-nalement Jmhoff's übereinstimmte, für welches ihm Herrvon Harnisch in seiner eigenen Persönlichkeit gewisseAnhaltspunkte gegeben hatte.

Er machte daher den Gärtnersleuten in der Rosen-straße abermals einen Besuch. Er fand Ritter allein-im Garten arbeitend; bald jedoch gesellte sich auch dessenFrau hinzu, denn sie hatte den Herrn, der sich beiseinem vorigen Besuch als ein hochschätzbarer Kunde ein-geführt, von Weitem erkannt und begrüßte ihn mitso großer Zuvorkommenheit, als das ihr eigenthümlichefrostige Wesen überhaupt zuließ.

Volkmar machte wieder einige namhafte Einkäufe,während ihn das Ehepaar durch verschiedene Gewächs-häuser begleitete, wobei nur von gleichgültigen Dingengesprochen wurde.

A propos," frug Volkmar, vor einer GruppePalmen stehend,ist derEngländer" noch nicht wieder-gekommen, der sich die Fächerpalme hat bei Seite stellenlassen?"

Nein, der hat sich noch nicht wieder blicken lassen,"antwortete Frau Ritter mit einem bitteren Zuge umden Mund.

Vielleicht erinnert er sich gelegentlich seines Ein-kaufs," bemerkte Volkmar.Sollte er aber nicht wieder-kommen, so nehme ich Ihnen die Palme ab." Es wardies die unverfänglichste Art, sich über Wiederkehr oderWegbleiben des Engländers eine Kontrole zu verschaffen.Wie sah er denn übrigens aus?" frug Volkmar unbe-fangen.Wär er groß oder klein? Blond oder schwarz?"

Absichtlich hatte er die Frage an den Gärtner ge-richtet, denn wenn dieser versagte, so hatte er, wie eraus Erfahrung wußte, in dessen oppositionslustiger Fraueine gute Reserve.

Er war klein und rothhaarig," antwortete Ritter zerstreut, ins Leere starrend.

Ei! wo Du nur wieder ein Mal Deine Gedankenhast," lachte die Gärtnersfrau auf.Da machst Dudem Geschmack Deiner Schwester ein schlechtes Kompliment,vor der nur hoch und schlank gewachsene Männer mitschwarzem Haar und Vollbart und mit dunklen, feurigenAugen Gnade finden."

Ach, ja!" gab, sich korrigirend, der Gärtner zu,ich habe den Engländer mit dem Andern verwechselt,der den Lorbeerbaum einhandelte und ebenfalls nochwiederkommen soll."

Hatte Volkmar auf seine Frage auch keine direkteAntwort erhalten, so durfte er doch mit Sicherheit an-nehmen, daß die von Frau Ritter entworfene Schilder-ung der Jdealgestalten ihrer Schwägerin dem Porträtdes Engländers entsprach. Da die allgemeinen Kenn-zeichen mit Jmhoff's äußerer Erscheinung, für welche dieAehnlichkeit mit Harnisch maßgebend war, übereinstimm-ten, so fühlte Volkmar sich von der erhaltenen Auskunftbefriedigt.

Ich bedaure, Ihr Fräulein Schwester nicht an-wesend zu finden," wandte er sich, auf die oben Er-wähnte zurückkommend, an den Gärtner.Hoffentlichist sie wohl und munter?"

Er sagte dies in einem Ton, wie ihn nur die leb-hafteste Theilnahme und das freundlichste Interesse ander genannten Person eingeben konnte, und hoffte da-