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Gebrtmaschinen der Tibeter.
(Hiezu die Bilder auf Seite 74 und 75 )
Im Süden des großen Hochlandes von Hinteraßen,zwischen dem Himalayagebiet, dem Küen-lün und demchinesischen Alpenlande liegt Tibet. Die auf etwa sechsMillionen Seelen zu schätzende Bevölkerung dieses 30,654Quadratmeilen umfassenden Gebietes setzt sich aus denTibetern und verschiedenen andern mongolischen Völkern,aus Türken, Kirgisen, Mohammedanern, Chinesen undJndiern zusammen. Der eigentliche Tibeter bekennt sichzu einer Abart der buddhistischen Glaubenslehre, zu demLamaismus . Lama, d. h. einer, der keinen über sich hat,ist der stolze Titel, den sich die Priester und namentlichdie Klosteräbte der Tibeter, Mongolen und Kalmückenbeigelegt haben, dessen vollgültige Anerkennung die zahl-
lehnen, der allein die guten Götter gnädig zu stimmen,die bösen Geister zu versöhnen und zu bändigen, Krank-heit und Siechthum zu bannen, die Zukunft vorauszusehenund zu gestalten versteht. Der Lama kennt seine Leute;er hängt seinen Gewaltthätigkeiten und Ausschweifungendas Mäntelchen der Heiligkeit um und ist sicher, seinenTribut unangefochten erheben zu können.
Opfer und Gebet sind der Weg zur Gnade der Götterund Geister, in der Hand der Priester liegt die Ueber-mittlung. Der wackere Lama hat das Gelübde abgelegt,nur von Almosen zu leben, und es wird ihm Niemandnachreden können, daß er dieses Gelöbniß nicht treulicherfülle. Er sammelt gewissenhaft sein Almosen an Geist,an Körper und an Gut; daß die frommen Gläubigenihn mit ihren Gaben überladen, ist fürwahr nicht seincSchuld.
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Gcbelmaschinen der Tibeter:
losen Vertreter des geistlichen Standes eifersüchtig über-wachen. Der Lama ist der alleinige Inhaber und Lehrerder Weisheit, in seinen Glaubenssätzen liegt der Grundaller Wissenschaft.
Mit der buddhistischen Heiligenlehre hat der Lama-ismus die Verehrung zahlreicher Götter und Geister guterund schlimmer Art verbunden und damit seinen Priestern,den Vermittlern zwischen den übersinnlichen Wesen unddem Menschen, eine Macht verliehen, deren Einfluß sichkein Gläubiger zu entziehen vermag. Mit fanatischemEifer verfolgt der Lama jeden Abtrünnigen, durch ge-schickte Gaukeleien weiß er die Gläubigen anzufeuern undzu blinder Verehrung hinzureißen. Der Tibeter, dessenHauptcharakterzüge kriechende Unterwürfigkeit gegen denMächtigen und rohe Gewaltthätigkeit gegen den Schwachenbilden, ist nicht der Mann dazu, sich wider den aufzu-
Tempelvorhalle mit Gebetcylindern.
! Neben den Opfern und Almosen nimmt das Gebetdie wichtigste Stelle ein. Es übt eine mächtige Wirkung,eine geradezu magische Gewalt auf die Gottheiten aus,vorausgesetzt, daß es in richtiger Form dargebracht wird.Ja, die richtige Form! wer hilft da aus der Noth? Weranders als der gelehrte Lama, der sein ganzes Leben demDienste der Götter geweiht, der den Geschmack der Geistererforscht hat. Will man sich nicht der Gefahr aussetzen,statt Segen Fluch herabzubeten, was bei der Empfind-lichkeit der Gottheiten durch einen kleinen Verstoß gegendas Ceremoniell geschehen kann, so muß man sich unterden bewährten Beistand des erfahrenen Lama begeben.Thut mon dieß, so kann der erwünschte Erfolg nichtausbleiben, vorausgesetzt daß derselbe nicht durch eigeneUnachtsamkeit verscherzt wird. Der Lama ist keinesfallsan einem etwaigen Mißerfolg schuld, denn sein Rath ent-