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springt der direkten Eingebung der Götter, mit welchener fortgesetzt in innigstem Rapport steht. Diesen Rapportunterhält er durch ununterbrochenes Beten. Da nun aberdiese Gegenleistung für die Gnade und die Gewogenheitder Ueber- und Unterirdischen vom Standpunkt der Be-quemlichkeit aus betrachtet — und der heilige Lama istdurchaus nicht abgeneigt, die Berechtigung dieses Stand-punkts anzuerkennen — trotz gewohnheitsmäßiger Aus-übung ein mühseliges Stück Arbeit bleibt, so ist der weisePriester auf ein äußerst sinnreiches Aushilfsmittel ver-fallen, auf die Gebetmaschinen.
Der Gottheit, so sagt der erleuchtete Lama, kommtes im Grunde genommen nur darauf an, daß man ihrdurch Darbringung der vorschriftsmäßigen Gebetsformelseine Verehrung erweist. Ob sich nun diese VerehrungdurchBewegung derLip-pen oder durch einenmechanischen Ersatz die-ser Bewegung dokumen-tirt,ist denUnsterblicheneinerlei. Ja, die Gött-lichen werden diesen Er-satz sogar mit ganz be-sonderem Wohlgefallenbegrüßen, da ein Me-chanismus in der kor-rektenWiederholung desGebets unstreitig umein Bedeutendes mehrzu leisten vermag alsein Paar Meuschenlip-pen. Die Gläubigenlauschen andachtsvollder Botschaft des hei-ligen Mannes. DieLehre muß den Göt-tern wohlgefällig sein,da sie dem Munde desGerechten gestatten, siezu verkünden.
Gut! Der Lama gehtans Werk. Er schnitztdie Gebetsformel: Ow,muui packms! chum!
(Das Kleinod im Lotus,
Amen!) in Holzblöckeein und druckt dasselbemittels dieser „Holz-schnitte" und rother
Farbe unzähligemal auf lange Papierstreifen ab. Diesewickelt er sodann um eine enge Röhre und überzieht,wenn der Wickel die genügende Stärke erreicht hat, den-selben mit einer Hülle von Leder, Holz oder Metall.Nun wird noch eine Achse mit hölzernem Griff in die !Röhre gesteckt, ein kleines Gewicht an den Cylindergehängt und die Maschine, von den Tibetern Gesetzes-oder Religionsrad (1«osto8irllor) genannt, ist zum Ge-brauche fertig. Der Beter hat nur den Gebetcylinderdurch eine leichte Handbewegung in Drehung zu erhalten,um den geehrten Gottheiten die wohlgefällige Formelmyriadenmal vorzubeten, denn jede Umdrehung derWalze befördert den ganzen in derselben aufgespeichertenGebetsvorrath an deren geschätzte Adresse. Es ist beidieser frommen Verrichtung nur auf zwei Dinge zu
Gebelmaschinen der Tibeler: Gcbetmühle.
achten: erstens darf die Drehung nur von rechts nachlinks erfolgen und zweitens muß solange gedreht werden,bis die angeflehte Gottheit befriedigt ist. Die entgegen-gesetzte Umdrehung würde den Segen in Fluch verwan-deln, das zu frühzeitige Einstellen des Gebets hätte denZorn der Götter, die Nichterfüllung der Wünsche desBeters zur Folge. Der letztere hat nun allerdings keineKontrolle dafür, ob er den Göttern Genüge gethan,bevor ihn der Erfolg dafür belehrt, der kluge Lamajedoch und sein vortrefflichis Instrument sind für alleFälle gegen den Vorwurf des Betrugs und der Untaug-lichkeit gesichert.
Diese einfachste Art der Gebetmaschinen erfreut sichim Lande Tibet großer Beliebtheit und allgemeiner Ver-breitung. Jeder gläubige Lamait führt wo er steht und
geht das fromme Werk-zeug mit sich und sorgtso seinestheils dafür,daß es den Götternnicht an der schuldigenVerehrung und denbraven Priestern nie amnöthigen Absatz fehlt.
Besonders vorsichtigeLeute ziehen den ebenbeschriebenen einfachendie doppelten Bet-maschinen vor, die auszwei Cylindern be-stehen, von welchen derkleinere mitGebetzettelnfür die guten,der größeremit solchen für die bösenGeister angefüllt sind.„Dem Teufel muß manzwei Lichter anzünden",das Sprichwort stehtauch bei den Tibeternin Achtung, wie mansieht.
Außer diesenTaschen-exemplaren trifft manin den Tempeln derLamaiten eine Mengegrößerer Gebetcyliudervon halber Mannshöhebis zu 3 Meter Höhean. Sie stehen mit ihrenAchsensenkrechtzwischenzwei Querbalken und werden entweder direkt mit derHand oder vermittelst einer Kurbel mit Transmission inBewegung gesetzt. Diese Maschinen zeigen theils dieselbeEinrichtung wie die kleinen, theils sind sie so konstruirt,daß zwei in einiger Entfernung von einander angebrachteWalzen durch einen langen Papierstreifen verbunden sind,der sich beim Drehen von der einen Rolle auf die andereaufwickelt. Häufig sind an diesen großen Cylindern kurzeStäbchen angebracht, welche bei jeder Umdrehung an kleineGlocken anschlagen und so die Aufmerksamkeit der Götterin äußerst zweckmäßiger Weise auf den frommen Beterlenken.
So raffinirt und leistungsfähig diese Maschinerienzur massenhaften Verrichtung des Gebets durch Handbetriebsind, der Tibeter hat sich nicht mit ihnen begnügt. Wenn