Ausgabe 
(20.2.1894) 15
Seite
104
 
Einzelbild herunterladen

104

Das Tagebuch der Prinzessin Therese im Temsile.

Skizze von E. Vely.

Ein neues Buch. Es trägt auf dem Titelblatt dasbourbonische Wappen, die Krone und den Königsmantelmit den goldenen Linien im blauen Felde und eshat das Wort Dantes als Motto:Du siehst, ich bineine, die weint", an der Spitze. Was es enthält, sinddie authentischen Aufzeichnungen der Tochter Ludwigs XVI .und Marie Antoinettens über die Gefangenschaft derIhrigen im Tcmpleseit dem 10. August 1792 bis zumTode ihres Bruders am 9. Juni 1795."

Aus dem Nachlaß des Grafen von Chambord zuFrohsdorf ist dieses werthvolle Manuscript in den Besitzder Herzogin von Madrid , seiner Nichte, gekommen, diees der Oeffentlichkeit übergab. (Paris , Librairie Jelon.)DasOriginalmanuscript umfaßt 35 Seiten groben Papiers,der Umschlag besteht aus einem gleichen Blatt und trägtdie Bezeichnung:Näinoirs äorit par Naris-1tisr68s-Oüai'Ioitö äs Brunos 8Ur lg, ouptivits äs8 prine686b prin068368 868 PU1'6nt8."

In der Orthographie jener Zeit und mit denFlüchiigkeitsfehlern, welche die junge Prinzessin gemacht,sind diese schlichten Aufzeichnungen wiedergegeben undbilden so eins der rührendsten und erschütterndsten Blätterder Geschichte jener Tage und der unglückseligen Men-schen, welche für die Sünden einer Reihe von Vorgängernbüßen mußten.In den unregelmäßigen Zügen derSchrift glaubt man noch das Zittern der kalten, kleinenHand und das beschleunigte Klopfen des Herzens zu sehen,"sagt der Herausgeber.

Die Enkelin Maria Theresia's war beinahe fünf-zehn Jahre alt, als sie ihre Eltern aus dem Glanz derKönigsschlösser von Versailles und der Tuilerien in denTemple, das finstere Gefängniß, begleitete. Diese alteBurg der Tempelritter war 1222 erbaut, diente eineZeit lang als Schatzhaus der Könige von Frankreich undwar später in den Besitz der Johanniter übergegangen.Mit hohen, finstern Thürmen, feuchtkalten Mauern, engenGelassen war der Temple an sich ein unbehaglicher Auf-enthalt und lange Jahre mußte das heranblühendeMädchen darin zubringen, oft ohne Feuer und Licht,mit nackten Füßen unter dem zu kurz gewordenen Kleide;das Lager bestand aus einer Holzpritsche mit grobemStrohsack, und die von Spinnen verdunkelten Fenster ließenkaum den Tagesschein herein. Eindringlicher aber als jedeäußere Schilderung sprechen die Aufzeichnungen selberkaum eine Klage taucht zwischen den Zeilen auf und nieeine Verwünschung. Sie berichtet nur Thatsachen, kind-lich unbehilflich oft sogar, aber darum um so tiefer zuHerzen gehend. Die jugendliche Schreiberin beginnt:

Der König, mein Vater, kam mit seiner Familieam Montag den 13. August um 7 Uhr abends imTemple an."

Dieser Familienkreis bestand aus der Königin, derPrinzessin, für die als Rufname Therese galt, demPrinzen Louis Charles und der Schwester des Königs,Prinzessin Elisabeth. Der kleine Dauphin war ein zarterKnabe mit großen, sanften Augen. Ein Bild von laRöche aus seiner Zeit stellt ihn unter einem Baldachinauf der Schloßterrasse von Versailles , mit Ordensstern,Band und Schärpe geschmückt, dar; neben ihm auf einemTabouret auf liliengeschmücktem Kissen liegt der Degen,zu seinen Füßen ein Globus, Fahne und Trommel. DieMadame Noyale", Marie Therese Charlotte, zeigt große

Aehnlichkeit mit einem Jugendbilde ihrer schönen Mutter,der österreichischen Kaiserstochter, die mandelförmig ge-schnittenen großen Augen, die gebogene Nase, den kleinenMund, reiches, gelocktes Haar. In ihren Denkwürdig-keiten fährt sie fort:

Den folgenden Tag verbrachten wir alle zusammen.Mein Vater lehrte meinen Bruder Geographie, meineMutter nahm Geschichte mit ihm durch und ließ ihnVerse lernen, meine Tante lehrte ihn rechnen. MeinVater hatte glücklicherweise eine Bibliothek gefunden, dieihn beschäftigte, meine Mutter stickte. Die Gemeinde-beamten waren sehr zudringlich und hatten wenig Respectvor meinem Vater; es war immer einer da, der ihnbeobachtete."

Eine kleine Anzahl von Getreuen, welche die Königs-familie begleitet hatten, darunter die Prinzessin Lamballeund Herren und Damen des Hofstaats, wurden durcheinen Erlaß der Gcmeindebehörde zum Verlassen desTemple gezwungen. Ludwig XVI. bewohnte zuerst einoberes Thurmgemach, die Königin mit dem siebenjährigenDauphin ein darunter gelegenes, die Schwester Ludwigs,Madame Elisabeth , und die kleine Prinzessin waren durcheinen Nebenraum, in welchem sich ein Gemeindcbeamterund eine Schildwache b.fanden, von einander getrennt.Die erste Zeit im Temple war aber für die Gefangenennoch immer die beste, nach und nach wurde ihnen jedeFreiheit des Verkehrs mit einander beschränkt, jedes Zer-streuungsmittel und der Genuß der frischen Luft verboten.Am erstauntesten ist die kleine Prinzessin, die in dererstickenden Luft der Etiquette aufgewachsen, über dieArt, wie man mit ihnen umgeht:

Mein Vater wurde nicht mehr als König behandelt.Man hatte keinen Respect vor ihm; nannte ihn nichtmehr Tire oder Majestät, sondern Monsieur oder Louis .Die Beamten saßen immer in seinem Zimmer und hattenihre Hüte auf. Sie nahmen meinem Vater seinen Degenund durchsuchten seine Taschen.... Der Garten warstets voller Arbeiter, die meinen Vater oft beschimpften;einer war darunter, der sich rühmte, meiner Mutter mitseinen Werkzeugen den Kopf abschlagen zu wollenPäthion sdamals Bürgermeister von Parisj ließ ihnverhaften."

In der Nacht des 3. September hatte MarieAntoinette vor den sie erschreckenden Klängen des General-marsches nicht geschlafen, der Tag brachte noch größeresEntsetzen:

Um 3 Uhr hörten wir schreckliches Geschrei. MeinVater ging vom Tisch und spielte Triktrak mit meinerMutter. Der Polizist benahm sich gut und schloß Thürund Fenster und zog die Vorhänge vor. Dann kamenmehrere Gemeindebeamte und Officiere von der Garde;die letzteren wollten, daß sich mein Vater am Fensterzeige, die ersteren widersetzten sich. Mein Vater fragte,was vorginge, und ein junger Officier antwortete:Na,Monsieur, weil sie es wissen wollen man will Ihnenden Kopf der Frau von Lamballe zeigen." Meine Muttererstarrte vor Schreck, die Gemeindebeamten schalten denOfficier, aber mein Vater entschuldigte ihn mit seinergewöhnlichen Güte, indem er sagte, es wäre sein Fehlerund nicht der des Officiers, der ihm nur geantwortethätte. Der Lärm dauerte bis 5 Uhr. Wir erfuhrenspäter, daß das Volk die Thüren hatte erbrechen wollenund daß die Gemeindebeamten es daran verhinderten,indem sie eine dreifarbige Schärpe hinaushängten und