Ausgabe 
(20.2.1894) 15
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Ergebnisse meiner Nachforschungen in Calais und denwuchtigen Argumenten, die sich daran gliedern, gelanges mir, Jmhoff's Verhaftung zu erwirken. Vorläufigsteht er unter der Anklage, Herrn v. Harnisch ermordetzu haben, aber auch den Mord an Ihrer Tante wirder nicht abschütteln können. Kein Schwurgericht kannund wird Ihren Vater als Thäter verurtheilen, wennes die Wahl hat zwischen einem in Ehren grau gewor-denen, wenn auch in seinen kaufmännischen Unter-nehmungen zuletzt vom Glück verlassenen Manne undeinem Andern, dersich einen falschenNamenbeigelegt undden wirklichen Trä-ger desselben meuch-lings ermordet hat.

Hoffen Sie nicht,

Fräulein Siglinde,daß Ihre armeSchwester von denTodten auferstehenwerde, aber hoffenSie darauf, daß IhrVater, vollkommengereinigt von derihm aufgebürdetenSchuld, Ihnenwiedergegeben wird.

Wenn ich Ihnen dassage, so dürfen Siees ruhig glauben!"

Er legte die Handauf sein Herz, unddas offene zuversicht-liche Lächeln, womiterSiglinde anblickte,erfüllte diese miteinem beseligendenMuthe.

Und das Glück,meinen greisenVaterwieder in meineArme schließen zudürfen, verdanke ichIhnen," sagte sie mitden Thränen einesüberwältigendenDankbarkeitsge-fühls in den schönenblauen Augen,ver-danke ich Ihrem ge-heimnißvollen Wal-ten, Ihrem rastlosenForschen und Wir-ken, Ihrer aufopfernden Regsamkeit. O, welcher Lohuwäre groß genug, um Ihnen das Alles zu vergelten?"

Siglinde!" rief Volkmar, rasch auf sie zutretend,bei diesem Rechtsfalle hat auch mein Herz mitgearbeitetund an dieses trete ich meinen Anspruch auf den Lohnab. Seien Sie selbst der Preis, der mein bescheidenesWerk über sein Verdienst hinaus krönt I Lassen Sie es,wenn Ihr Vater als freier Mann wieder zu Ihnenzurückkehrt, seine erste Handlung sein, daß er dem längstgeschlossenen Bunde unserer Herzen seinen Segen gibt!"

Zwischen Himmel und Erde.

Eine sanfte Nöthe für Volkmar das Morgen-roth süßer Gewährung bedeckte Siglindens Antlitz,über welches noch die schimmernden Thränen rannen,und ohne ein Wort zu sagen, sank sie an seine Brust.Wieder fühlte er nun die schmiegsame Gestalt in seinenArmen, wie damals, als er sie durch Nacht und Nebelgetragen hatte, aber jetzt gehörte sie sein, er durftesie liebend au sein stürmisch klopfendes Herz pressen und

seinen Mund auf ihre Lippen drücken.

* *

*

Die Schwurge-richtssession begannmit zwei sensatio-nellen Kriminalfül-en, wie sie selbst indieser großen Stadtlange nicht erlebtworden waren. Derinnere Zusammen-hang, in welchembeide zu einanderstanden, erhöhte nochdas allgemeine In-teresse. Der Lesererräth leicht, daß essich um die Mord-prozesse Schönaich und Jmhoff handelt.Obgleich die Anklagegegen den Letzterenjüngeren Datumswar, so gelangte siedoch zuerst zur Ver-handlung, weil dasVerbrechen, dessenJmhoff angeklagtwar die Ermord-ung Harnisch'sdie Voraussetzungfür die wichtigstenGesichtspunkte bil-dete, unter welchendieMordaffaireNol-lenstein - Schönaichbeurtheilt werdenmußte.

Nach Jmhoff'sVerhaftung war dasvon ihm bewohnteHotelzimmer soforteiner gerichtlichenUntersuchung unter-zogen worden. Manhatte einen ledernenHandkoffer mit einer in denDeckel eingelassenenMessingplattegefunden, auf welcher ein Ritterharnisch eingravirt war.In dem Koffer befanden sich eine Anzahl Schriftstücke,die sämmtlich Harnisch's Eigenthum gewesen waren, aufseinen Namen lautende Legitimationspapiere und ver-schiedene, seine New-Iorker Adresse tragende Briefe.

(Schluß folgt.)