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Fragen Volkmar's bis zu jenen Enthüllungen fort-geschritten war, die es außer Zweifel stellten, daß allebei der Ermordung Frau Rollenstein's in Betracht kom-menden Umstände einen mindestens gleich schweren Ver-dacht gegen Harnisch begründeten, wie gegen SiglindensVater. „Nur der nicht umzustoßende Alibibeweis, daßHarnisch zur Zeit der That in einem Kölner Hotel alsNachtgast geweilt hatte," fuhr Volkmar fort, „war einStein des Anstoßes. Da aber Anna Ritter ihn an dem-selben Abende in der Methodistenversammlung gesehenhatte, so konnte der Kölner Hotelgast natürlich Harnischgar nicht gewesen sein. Wie er Ihnen selbst erzählte,hatte er sich nach seinem kalten Bade im OanalLlanests ein Fieber zugezogen und sich in Calais ineinem Hospitale einige Tage verpflegen lassen. Dortmußte ich Zuverlässiges über ihn erfahren können —und dorthin ging meine Reise, mit welcher ich zugleichden Zweck verknüpfte, bei meiner Rückkehr über Paris Jenny abzuholen. Es wurde mir in Calais nicht schwer,das Hospital zu ermitteln, wo am 12. August, demTage der Dampfer-Katastrophe, einer der Passagiere,welche durch die „Sirene" gerettet und nach Calais ge-bracht worden waren, Aufnahme gefunden hatte. Wirk-lich hatte dort Herr v. Harnisch acht Tage lang krankgelegen, aber nicht an einem Fieber. . . . Der Arzt,der ihn behandelte, und die Krankenwärterin, die ihngepflegt hatte, erinnerten sich ihres Patienten noch sehrgenau. Als er vom sinkenden Dampfer in's Boot sprang,war er mit der Schulter gegen den Rand desselben ge-schlagen und hatte sich am rechten Schulterblatt verletzt.Vielleicht wird es Ihnen noch im Gedächtniß sein, Fräu-lein Siglinde, daß der Leichnam jenes Unbekannten, denman im Kastanienwäldchen erwürgt fand, auf dem oberenTheile des rechten Schulterblattes eine erst kürzlich geheilteWunde auswies, welche von einem hölzernen kantigen In-strumente herzurühren schien. Die Gerichtsärzte nahmen an,der Ermordete müsse kurz zuvor einen schweren Fall auf derTreppe gethan und sich beim Aufschlagen auf die Kanteeiner Stufe die Wunde am Schulterblatt zugezogenhaben. Setzen wir nun statt eines Sturzes auf derTreppe jenen ungeschickten Sprung vom Schiffe, und stattder Stufenkante den Bord oder Rand des Bootes, sohaben wir die allein richtige Erklärung für jene Wundedes Ermordeten, und das geheimnißvolle Dunkel, welchesseine Persönlichkeit bis jetzt umgeben hat, lichtet sich miteinem Male! Dieser Mann war Herr von Harnisch —der wirkliche Herr v. Harnisch, und Derjenige, welchemwir diesen Namen bisher fälschlich beigelegt haben, heißtJmhoff."
„Großer Gott! Ermordet!" entfuhr es den Lippender entsetzten Zuhörerin. „O, der Unglückliche, der Arme!"
„Herr von Harnisch ist am 20. August aus demSpital entlassen worden und wahrscheinlich über Köln ,den geradesten Weg, hierher gereist. Es wird alsoseine Nichtigkeit haben, daß er in dem Kölner Hotelübernachtet hat, und eben so wahrscheinlich ist es, daßes, nach seiner Ankunft hier, einer seiner ersten Wegewar, sich Ihnen und Ihrem Vater vorzustellen. Ertraf Sie beide nicht mehr an — er und kein Andererwar der Fremde, mit dem Martha gesprochen hat. Erkam nicht wieder und konnte nicht wieder kommen, weiler am Abend desselben Tages erdrosselt wurde, und werkonnte der Mörder sein? Doch nur Derjenige, welcher'seinen Namen annahm und sich unter diesem bei Ihnen
einführte. Und warum that er das? Offenbar besaßer Kenntniß von der Angelegenheit, die Herrn v. Harnischnach Europa geführt hatte, denn es ist durchaus nichtsUnwahrscheinliches, daß zwischen Beiden während dergemeinschaftlichen Seereise ein engerer Anschluß, ein ver-traulicher Verkehr entstanden war. Wenn ich auch Jm-hoff kaum zutraue, daß er sich über den Reisezweck seinerFrau ausgesprochen hat, so war Harnisch vielleicht umso weniger verschlossen. Im gelegentlichen Gespräch konnteer leicht den Namen unserer Stadt und den NamenRollenstein haben fallen lassen. Das war genug, umJmhoff's Interesse und Neugierde wachzurufen und seineganze Kunst im Ausforschen Anderer in Bewegung zusetzen. So lernte er Harnisch's Beziehungen zu FrauRollenstein kennen, so erfuhr er, daß die Schwester Erika'sAnwartschaft auf das Erbe der Schwererkrankten besaß,wenn sie einwilligte, Harnisch's Gattin zu werden.Als er nun Ihre Tante ermordet hatte, ohne diegehofften Schätze gefunden zu haben, gerieth er auf denkühnen, aber ziemlich naheliegenden Gedanken, in derRolle Harnisch's als Ihr Bewerber aufzutreten, und des-halb mußte dieser als Opfer fallen. Daß aber derMann, auf welchen sich der ganze, schwerwiegende Ver-dacht des an Frau Rollenstein verübten Mordes wälzte,gerade Ihr Vater war, gestaltete sich für den Pseudo-Harnisch zu einem unheilvollen Verhängniß, da er Sieentschlossen fand, die Erbschaft abzulehnen. Als Sieaber für die Freisprechung Ihres Vaters Ihre Handals Preis aussetzten und damit zugleick die Million derErblasserin, da beschloß er, va, stangua zu spielen, umdie Entlastung Ihres Vaters herbeizuführen, und denun-zierte sich selbst als den Mörder."
„O, dann ist ja Alles Lug und Trug!" rief Sig-linde plötzlich von einem Gedanken erfaßt, „und mandarf keinem seiner Worte glauben. Dann ist vielleichtauch meine Schwester Erika gar nicht ertrunken undweilt noch unter den Lebenden!"
„Diese Hoffnung kann ich leider nicht theilen," er-widerte Volkmar ernst. „Gerade in diesem Punkte hater ganz gewiß die volle Wahrheit gesagt. In seinerSelbstanklage, in der Angabe seines richtigen NamensJmhoff, in der Klarlegung aller Verhältnisse, in denenseine und Ihrer Schwester Vergangenheit wurzelt, in1 der Motivierung der Mordthat durch den Tod seinerFrau, — der ihm die letzte Aussicht aus Besserung seiner,jetzt nur um so verzweifelter gewordenen Lage raubte,— darin und in noch manchen anderen Umständen, dieer als begünstigende Momente seiner That anführte,liegt eben die ganze Kühnheit seiner Berechnung, durchdie Wahrheit Ihren Vater zu entlasten. Er durfte dasschon wagen. War er doch als Jmhoff aus der Weltverschwunden und in das schützende Jncognito des Herrnvon Harnisch geschlüpft! Mit großer Geistesgegenwartwußte er dessen verfehlten Besuch bei Ihnen zu benutzen,um diesen, mit dem er eine oberflächliche äußere Aehn-lichkeit besaß, als Jmhoff erscheinen zu lassen und da-durch die handgreifliche Individualität des Mörders aufdie Bildfläche zu bringen. Mit dem Briefe an denStaatsanwalt wollte er dem Gange des Prozesses einenDrücker geben, wollte er einen materiellen Untergrundfür die Zeugenaussagen gewinnen, die er bei der Ge-richtsverhandlung in der Rolle Harnisch's vorbringenmußte, und mir eine wirksame Vertheidigungswaffe zuGunsten Ihres Vaters in die Hand spielen. Dank dem