HL15.
1894.
„Augsburgrr Postzeitung".
Dienstag, den 20. Februar
Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg .
Druck und Lerlag des Literarischen Instituts vou Haas L Grabherr in Augsburg (Vorbesttzer vr. Map Huttler).
Auf verwegener Wahn.
Kriminalnovelle von Gustav Höcker.
(Fortsetzung.)
Volkmar trat an sein Schreibpult: „Herr Jmhoff",sagte er mit scharfer Betonung dieses Namens —
Siglinde, der die Situation noch immer nicht klarwar, blickte entsetzt um sich, als glaubte sie, der ebenGenannte sei, unbemerkt von ihr, eingetreten. Als sieaber das Auge des Advokaten fest und unverwandt aufHerrn von Harnisch gerichtet sah, als sie erkannte, daßnur ihm und keinem Andern die Anrede gelten könne,stieß sie einen Schrei aus und flüchtete sich, wie voreinem Gespenst, an Volkmar's Seite.
„Herr Jmhoff," nahm dieser die unterbrochene Redewieder auf: „Ihr Spiel ist ausl Das letzte StichwortIhrer vortrefflich gespielten Rolle hat Ihr eigenes Kindgesprochen, und wie dies manchem anderen Schauspielervor dem Falle des Vorhanges passirt, müssen Sie dieSchlußszene den Statisten überlassen."
Er drückte an den auf seinem Pulte angebrachtenKnopf eines elektrischen Glockenzuges und aus dem an-deren Bureau antwortete sofort der schrille Ton derKlingel.
Jmhoff war, einem Marmorbilde gleich, starr undregungslos auf derselben Stelle stehen geblieben. Jetztsah er sich mit den Blicken einer wilden Bestie nach ei-nem Gegenstände um, womit er den Advokaten, der ihnso schlau umgarnt hatte, zerschmettern konnte. EinenStuhl ergreifend und denselben hoch in den Händenschwingend, stürzte er auf Volkmar zu. Mit blitzartigerEntschlossenheit sprang Siglinde dazwischen und stelltesich vor den Advokaten, ihn mit ihrem Körper schützend.In demselben Augenblicke sah aber auch Jmhoff in Volk-mar's über Siglindens Kopf erhobener Hand einenRevolver blitzen, und wie gelähmt von dem Anblick derWaffe, deren sechsfache Mündung gegen seine Stirngerichtet war, ließ er den Stuhl zu Boden fallen. Zu-gleich waren die beiden Männer eingetreten, die Siglindeschon bei ihrer Ankunft hatte im Vorzimmer sitzen sehen.Es waren zwei geheime Criminalpolizisten, und währendsie über den entlarvten Verbrecher herfielen, um ihn zufesseln, drängte Volkmar Siglinde sanft hinaus undgeleitete sie in seine Wohnräume.
Als er unmittelbar darauf in sein Sprechzimmerzurückkehrte, war dasselbe leer. Auf der Straße draußen
ließ sich ein scharfer Pfiff Vernehmen, welcher eine bereitsin der Nähe haltende Droschke herbeirief. Volkmar hörte,wie seine Schreiber im vorderen Bureau die Fensteraufrissen, um den Gefangenen von seinen beiden hand-festen Begleitern in den Wagen drängen zu sehen, wieder letztere dann davon rollte, wie die Fenster sich wiederschlössen und wie die Schreiber den Vorgang murmelndunter sich besprachen.
Nach einer Weile trat Siglindens Gestalt hinterder Portiere hervor. Sie sah noch bleich und verstörtaus von der aufregenden Szene, die sie erlebt hatte,und während sie nür durch ein stummes Kopfschüttelnauszudrücken vermochte, wie unbegreiflich ihr Alles er-schien, verweilte ihr großes, erstauntes Auge fragend aufVolkmar's Antlitz wie auf einer räthselhaften Sphinx.Der Anwalt führte sie nach einem Sessel, und nachdemer ihr gegenüber selbst Platz genommen, begann er:
„Fräulein Siglinde, ich habe Ihnen viel verschwie-gen, um die Unruhe Ihres Gemüthes, das zwischen Furchtund Hoffnung schwebte, nicht noch zu vermehren. Siemußten den Eindruck gewinnen, als ob ich mich in derAngelegenheit Ihres Vaters unthätig verhalte und denSchwerpunkt meiner Aufgabe in meine rhetorischen Künstevor dem Schwurgerichtshofe zu verlegen gedenke. Abervom ersten Tage an, wo ich die Sache Ihres Vaterszur meinigen machte, griff ich handelnd ein, und vondiesem Tage an hatte ich auch schon Geheimnisse vorIhnen. Mit diesen soll es nun zwischen uns zu Endesein, und Alles, was ich weiß, dürfen auch Sie setzterfahren."
Volkmar erzählte nun seiner lautlos lauschendenZuhörerin, wie er seine Forschungen in der Nitter'schenGärtnerei begonnen, wie sein Verdacht sich gleich aufden Käufer der Blumenbouquets gelenkt, wie er in dem-selben nach Harnisch's überraschenden Aufschlüssen Jm-hoff vermuthet habe, aber im weiteren Verlaufe seinerErmittelungen zu dem unerwarteten Resultat gelangtsei, daß Anna's verdächtiger Courmacher Harnisch selbstwar. Dann gestand er, wie die Siglinden so peinlicheVerhandlung über den Ehevertrag nur ein Experimentgewesen sei, um Anna Ritter der Unterhandlung alsunsichlbare Ohrenzeugin beiwohnen zu lassen und so ihrVerhältniß zu Harnisch aufzuklären.
Volkmar berichtete, wie vollständig ihm Alles ge-lungen war, wie Anna sich nicht nur zu der EntführungJenny's bekannt habe, sondern durch die ihr vorgelegten