Ausgabe 
(27.2.1894) 17
Seite
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Ich versuchte es nicht, Norberts geflüsterte Antwortzu verstehen, sondern ich horchte, wie die Kinderfüßelangsam die Treppe hinaufgingen und wendete mich nichtvorn Kaminfeuer um, obschon ich wußte, daß Norbertdas Zimmer betreten hatte und dicht hinter mir auf demKaminteppich stand. Jedoch, da er nicht sprach, wendeteich mich um und fragte, wo Alex sei.

Ich schickte ihn auf einige Minuten in das Kin-derzimmer, Fräulein Kerr, weil ich Sie allein sprechenwollte," sagte Norbert, und seine sanfte Stimme klangleiser als gewöhnlich.

Warum?"

Ich hatte alles aus seinem Gesichte gelesen; ichverstand sogar das Zittern der Hände, welche er auf dieLehne des Stuhles neben dem meinigen gelegt, aber erkonnte das nickt bei meiner kurzen Frage vermuthen.

Ich wollte Sie noch einmal fragen, wie ich Sievor einem Jahre gefragt, ob Hoffnung für mich da ist?"

Hoffnung für Sie?"

Unruhig wiederholte ich seine Worte; ich wußte,nicht, was ich sonst sagen sollte, als er inne hielt.

Er fuhr fort;

Ich weiß, Sie sagten, daß Sie überzeugt wären,Sie konnten mir nie ein anderes Gefühl geben, als dasder Freundschaft, aber ich war damit nicht zufriedenund werde mit dieser Antwort nicht zufrieden sein, bisSie mir sagen, daß die von mir gesuchte Liebe einemanderen gehört. Bis Sie mir das sagen, wird meinHerz trotz Ihrer Kälte hoffen, und ich arbeite so emsig,so froh in dieser Hoffnung! Wenn Sie mir sagen, daßIhre Liebe einem andern gehört, wird mich alle Hoff-nung verlassen und meine unsterbliche Liebe wird meinlebenlanges Geheimniß bleiben, ohne ein geflüstertes Wort."

Still, Norbert," sagte ich und legte meine Händeauf die seinen, denn wir waren Freunde seit der Kind-heit,es wird nicht lebenlang so sein. In ihrem treuen,ernsten Leben wird eines Tages eine andere Liebe er-blühen und es doppelt glücklich machen."

Meinen Sie, meine Liebe zu Ihnen werde nieerwidert werden?" fragte er langsam voll Traurigkeit.

Bevor der Sommer vorüber ist, Norbert," sagteich, während mir heiße Nöthe in's Gesicht stieg,werdeich Herrn Drummond heirathen."

Ich sah den Schmerz in seinen Augen und zucken-den Lippen; ich sah, wie seine Finger die Stullehneumklammerten, dann trübten sich meine Augen und ich sahnichts mehr. Nach ein paar Minuten des Stillschweigensergriff Norbert sanft meine Hand.

Ich errieth dies nicht, Aloisia," sagte er mit leiser,zitternder Stimme,gewiß hätte ich es sehen können,aber vermuthlich erfüllte mich meine eigene Liebe sosehr,daß ich nicht an die Liebe anderer dachte. Ich kannIhre Thränen nicht sehen, obgleich sie für mich vergossenwerden. Es gibt Augenblicke, in welchen ein Mann keinMitleid ertragen kann, sogar nicht von den ihm theuerstenPersonen. Ach, hätte ich dieß errathen oder davon gehört,so wäre Ihnen und mir dieses Gespräch erspart geblieben!Aber lassen Sie es gut sein, Aloisia, in einer Stundewerden diese Minuten aus Ihrem Leben verschwundensein; denn Herr Drummond wird heimkommen und dasHaus wird licht und sonnig für Sie sein was erfür Sie sein wird, will ich mir lieber nicht vorstellen.Und in einer Stunde werde ich diese verlorene Hoffnungdraußen in der freudlosen, leeren Welt überwinden."

O Norbert," schluchzte ich,dies ist Ihnen nichtähnlich."

Ich wollte nicht murren," sagte er sanfter,dieWorte kamen unwillkürlich über meine Lippen. Aber jeweiter ich in die Welt hinausgehe, desto leichter wirdes mir werden, diesen herben, tiefen Schmerz zu ertragen."

Aber Norbert," sagte ich mit mühsamer Fassung,Sie wollen doch nicht das Geschäftshaus verlassen, inwelchem Sie so hochgeschätzt werden? Herr Drummondsagt, daß die Stockeseys von Ihnen mit dem höchstenLobe sprechen, Sie den anderen Comptoiristen vorziehen.Er sagt, wenn er einen solchen Buchhalter in seinemComptoir hätte, so würde er ihn zu schätzen wissen. Siewerden Edinburgh nicht verlassen, Norbert?"

Nein," antwortete er, und strengte sich ebenfallsan, ruhig zu sprechen,ich will bleiben, arbeiten undsparen, und in sechs oder sieben Jahren werde ich viel-leicht genug haben, um im Auslande Theilhaber derFirma zu werden. In Valparaiso mag Vermögen undVergessenheit leichter zu erlangen sein. Ich will hierweiterarbeiten, indem ich diesen Zweck im Auge behalte."

Aber die dortige Theilhaberstelle ist jetzt frei ge-worden. Sie erzählten es mir."

Ja," antwortete er traurig,aber ich bin nochnicht dazu bereit. Ich habe noch nicht die zweitausendPfund erspart, welche dort zur Einlage nöthig sind;aber ich kann warten. Unsere Lebenswege werden jetztvöllig getrennt sein, Aloisia, damit mein Herz nicht imLeiden bricht. Ich werde in der Stadt weiterarbeiten,und wenn ich noch an Ihr friedliches, wolkenloses Lebenhier denke, wird mich der Gedanke trösten, nicht ent-muthigen. Aber meine Besuche in Schrayden sind heulevorüber, Aloisia; ich darf nicht wieder hieherkommen,wo ich oft so glücklich war. Die lichte, sonnige Atmosphärewürde mich zu meiner Aufgabe der Vergessenheit un-tüchtig machen."

Aber, Norbert," bat ich,Herr Drummond hates gerne, daß Sie nach Schrayden kommen, Alex istIhnen sehr gut, und ich"

Ist er mir gut?" unterbrach Norbert mich,dasfreut mich. Leben Sie wohl, meine verlorene Liebe,leben Sie wohl."

Er hielt meine Hände eine lange Minute fest,aber ich hatte vergeblich versucht, die Abschiedsworte aus-znsprechen, als er verschwunden war.

Norbert, Norbert!" rief Alex und eilte die Treppehinunter, als Norbert durch den Hausflur ging,warteauf mich!"

Darauf sah ich die beiden zusammen über denRasenplatz gehen und dachte müßig und traurig darübernach, ob ich sie je wieder zusammen sehen würde. Alsjedoch das Kind von dem Gärtnerhäuscheu zurückkehrte,saß es triumphirend auf der Schulter seines Vaters undmein ganzes Herz schlug diesen beiden entgegen.

Warum begrüßen Sie mich mit einem so nach-denklichen Gesichtchen?" fragte Martin und hielt michauf Armeslänge von sich entfernt, während seine dunkelnAugen in die meinen schauten.Ich kann solchen weh-müthigen Mund nicht küssen, wenn Sie mich auch dazuauffordern würden."

Gehen Sie sogleich in das Speisezimmer, Martin,"sagte ich ausweichend,Frau Kynaston muß schon einehalbe Stunde gewartet haben."

Frau Kynaston war eine entfernte ältere Verwandte