^L17.
1894 .
„Augsburger PostMung".
Dienstag, den 27. Februar
Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg .
Druck und Verlag des Literarischen Instituts von Haas L Grabherr in Augsburg (Vorbesitzer vr. Max Huttler) .
Mach Jerusalem.
.Siehe, wir gehen hinauf nach Jerusalem.'
Luc. 18,31.
In den Gärten Jericho'sSchon die rothen Rosen blühten,
In des Jordans heil'gem SchooßAbendwolken sanft verglühten,
Als Dein Herr auf ernstem GangGen Jerusalem kam geschritten,
Seine Jünger zagend bangFolgten ihm mit scheuen Tritten.
Leise winkt er sie heran,
Seufzte wie im Sterbetone:
Blutig ist bald meine BahnUnd das Kreuz wird mir zum Throne.
Doch die Zwölfe sind gar still,
Sie versteh'n nicht seine Sorgen,
Was der hohe Meister will,
Blieb dem Schüler oft verborgen.
Ach, sie waren ihm so fern,
Keiner hat ihn ganz verstanden,
Hörten wohl vom Reiche gern,
Aber nicht von Tod und Banden.
Sie entzückt das eine Wort:
Meine Macht wird euch belassen.
Doch das and're treibt sie fort:
Wer mich liebt, der soll sich hassen.
Nach Jerusalem hinauf
Will auch Dich der Heiland führen,
Seine schwere Leidenstauf'
Sollst auch Du tiefinnig spüren
Und in seiner Kreuzesnacht
Als des Dulders Freund Dich zeigen,
In der Trübsal dunklen SchachtSelbstlos mit dem Meister steigen.
„Nach Jerusalem hinauf",
In die Seele muß ich's schreibenUnd in des Berufes LaufOftmals sinnend stehen bleiben,
Bis der Streit von ehedemSich gelöst in mildes Tragen,
Weil ich nach JerusalemWandere in den Fastentagen.
Wohlthun trügt Zinsen.
Nach dcm Amerikanischen der Mary Cecil Hay, erzähltvon Alice Salzbrunn.
—INachbruck verboten.!
Der Nachmittags-Unterricht war vorüber. In derDämmerung hatten der kleine Alex und ich Versteckengespielt. Schließlich hatte Alex sehr scharfsinnig einVersteck aufgefunden, war in meine Arme gesprungen,hatte meinen Hals umschlungen, mit seinen großen Augendicht in die meinen gesehen und entzückt gelacht.
„Was für Spaß wir haben, Aloisia, nicht wahr?"sagte er.
Obgleich er mich mit meinem Vornamen anredete,und ich, seine Gouvernante, diese Vertraulichkeit hätteverbieten sollen, lachte ich nur glücklich über ihn. KeinWunder, daß ich so leichtherzig war, wie das Kind.Ich hatte eine einsame ungeliebte Kindheit verlebt, undim Gegensatze zu mancher traurig alleinstehenden Gouver-nante war mein Leben jetzt das freudenreichste, welchesich kannte. Täglich saß ich in dem angenehmen schönenZimmer, welches Herr Drummond zür Unterrichtsstubeseines Sohnes bestimmt hatte, hielt den kleinen mutter-losen Knaben auf meinem Schoße und dachte darübernach, wie gütig, wie liebevoll mir jeder begegnete, wiewolkenlos mein Leben, wie unbeschwert von Leid undSorge mein Herz sei. So oft und solange ich darübernachdachte, war das Wunder immer da; es wurde nurnoch größer, als andere Segnungen folgten. Ich wußtesuchen, dankbarer und ernster zu sein; denn ich mußte,daß trotz meiner Jugend ein großes Vertrauen in michgesetzt wurde, daß Gedankenlosigkeit manchmal meinePflichterfüllung hinderte und alle meine Schwächen sanftgeduldig und großmüthig ertragen wurden.
„Ist das nicht Papas Klingeln?" fragte Alex, nach-dem er unentschlossen sein Köpfchen von meiner Schultererhoben hatte.
„Geh' sieh' nach," antwortete ich und setzte ihngleichzeitig auf den Fußboden. „Suche der erste an derThüre zu sein, im Falle er eS ist."
Aber ich wußte, daß er es nicht war; ich kannteNorbert Wedderburns Klingeln so gut, wie ich dasjenigedes Martin Drummond kannte.
Auf die Stimmen im Hausflur lauschend, hörteich Alex etwas schmollend fragen:
„Warum soll ich weggehen, Norbert? Warum darfich nicht mit Dir hineingehen?"