Ausgabe 
(27.2.1894) 17
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schließlich doch am besten das Wort: tarnpi pa.88g.ti! Was nach dem Zurücktreten der römischen Weltmachtin künstlerischer Hinsicht Byzanz geschaffen hat, kannman heute noch am besten in Navenna sehen; es müssenEinen auf den dortigen Straßen nur die vielen Fechternicht geuiren, von denen ja bekanntlich schon einer genügthat, um unserem wackeren Landsmann Bacher! das künst-lerische Interesse und poetische Empfinden für immer zuverleiden. Man hat lange Zeit gebraucht, bis es denKunsthistorikern gelungen ist, Byzantinisches und Ro-manisches zu unterscheiden und gebührend auseinanderzu halten. Aber noch immer gibt es Leute und Bücher,welche diese nöthige Unterscheidung völlig ignoriren, ja eshat hin und wieder sogar den Anschein, als ob der By-zantinismus überhaupt nicht zu den verflossenen Stil-und Umgangsformen gerechnet werden dürfe. Es ist nurSchade, daß die sogenanntenBuckelquadern ", diedoch hier so nützlich und dienlich wären, einfach des kunst-wissenschaftlichen Principes wegen, nicht den byzantinischenZiergliedern beigezählt werden können.

Gehen wir weiter!

Zwei Seelen wohnen, ach, in meiner Brust," hateinmal ein bedeutender Dichter gesungen. Zwei Seelenim Gewände der Architektur zu einer stauncnerregendenEinheit geführt zu haben, ist jener merkwürdigen Stil-form gelungen, welche wir seltsamerweise diegothische"nennen. Nie hat sich Städtekraft und Bürgerstolz kennt-licher gezeigt, als in den mittelalterlichen Werken derGothik. Und wiederum: Nie hat der Geist hingebungs-fähiger, geheimnißvoller Weltentrückung sinnigeren Aus-druck gefunden, als im Gewände dieses Stiles. Wirvariiren nur ein anderes Dichterwort, wenn wir aufkunstgeschichtlicher Basis uns bewegend sagen:DieGothik ist des Glaubens liebstes Kind." Das schrilleGeklingel unserer Schellenkappe verstummt vor der Eigen-art dieses Stiles, erst die weltgewandte Renaissancemit ihren zahlreichen legitimen und illegitimen Sprossenläßt es wieder ertönen.

Als das antike Alterthum in der Renaissance ausseinem Grabe erstand, da mag den bisherigen Stilformengar bange um's Herz geworden sein, denn in einem wahrenFreudentaumel spannte sich alsbald die ganze Welt anden Triumphwagen der neuen Herrscherin. Die höchstenHerren der Erde, Kaiser und Päpste, waren stolz darauf,der eleganten Dame Renaissance die Schleppe tragen zudürfen. Um ihre Gunst sich zu sichern, schreckte man vorkeinem Unternehmen zurück. Wie man weiland der üppigenHerodias das Haupt des Täufers Johannes auf einerSchüssel entgegenbrachte, so brachte man alsbald in Rom die heiligsten und ehrwürdigsten Gebäude der Christenheitder neuen Kunstrichtung als kostbares Opfer dar. Förm-liche Verhaftsbefehle wurden von geistlicher und weltlicherObrigkeit gegen die früheren Stile erlassen; fast überallkündete man ihnen denDienst", man scheute sich nicht,zunächst die Gothik gar hart anzulassen und, wo es nurimmer ging, ihr alleNippen" einzustoßen. Je höhergestellt, je reicher man war, um so hartherziger verfuhrman mit der Geächteten. Klingt es auch sonderbar, sokann doch auch in der Kunstgeschichte, wenigstens in Be-zug auf Bewahrung werthvoller Denkmäler, von einemSegen der Armuth" gesprochen werden, denneinzig die Fittiche der Armuth waren es, welche in ein-zelnen Gegenden die Werke der Väter vor dem Unter-gänge zu schützen vermochten. Wenn je eine Stilform

es verstanden hat, bei den Menschen sich einzuschmeicheln,so hat dieses das Weltkind Renaissance verstanden. Aufdie übersinnlichen Bahnen der Mystik nie sich einlassend,hat es dafür mit seinen sichtbaren Reizen zu keiner Zeitgekargt uno vor allem dem klugen Programmsatz gehul-diget:Wer Vieles bringt, wird Manchem etwas bringen."

Wie die Renaissance in ihrem Formenconcert einegar reichhaltige Abwechslung bot, so waren auch diedamaligen Künstler höcbst vielseitig veranlagt. Wahr-scheinlich stammt schon aus jener Zeit die heute noch hieund da gehörte lobende Bezeichnung:ein Tausends-künstler". So ein Tausendskünstler war z. B. Leonardoda Vinci. Hätte er , der im Refectorium des KlostersS. Maria della Grazie zu Mailand in seinemAbend-mahl" den heiligen Gral in unerreicht dastehender Kunst-weise gefeiert, in unseren Tagen gelebt, das WohlwollenRichard Wagners würde ihn wahrscheinlich nach Bnyreuthzur Herstellung der Parcival-Decorationen gerufen haben,denn L. da Vinci war bekanntlich auch ein höchst vor-züglicher Maschinist und Theatermaler im DiensteLudwigs XII. von Frankreich .

, Es scheint, daß in Italien im 15. und 16. Jahr-hundert ein Mann, der nur einen Kunstzweig alleinvertrat, darob sich fast geniren mußte. Hat doch MichelAngela, der sich allerdings nie im Leben Zeit nahm,nachsichtig und liebenswürdig zu sein, den braven PietroPerugino, der ausschließlich nur ein wackerer, biedererHeiligenmaler war, einmal in höcbst wegwerfender Weiseals einen Kunsttölpel bezeichnet. M. Angelo hatte frei-lich das stolze Bewußtsein, nicht nur Herrscher auf demGebiete aller bildenden Künste, sondern auch auf jenemder Dichtung zu sein. Seine Sonette haben einen garwunderbaren, gewaltigen Klang. Der titanische Mann,der die Kuppel von St. Peter aufgethürmt, die Wöl-bung der Sixtina bemalt, die Festungswerke von Florenz gebaut, den grandiosenMoses " gemeißelt, griff nie inseinem Leben etwas mit Sammthandschuhen an. Daßer sich daher, wie man so zu sagen pflegt, öfters aucharg verhauen hat, kann nicht Wunder nehmen. Erhat sich auch im buchstäblichen Sinne einige Male ver-hauen, denn man zeigt in Italien mehrere unvollendeteStatuen, an denen seine wuchtige Hand den Meißelallzu tief getrieben, zu viel Steinhülle hinweggesprengthat, um das Bildwerk noch einer lohnenden Vollendungentgegenführen zu können.

Man erzählt, daß der von gewaltigem Schaffens-drang beseelte Meister öfters auch nachts in seiner Werk-stätte weilte, wo ihm einzig eine ähnlich einer Mütze anund über seinem Haupte befestigte schlichte Oel-Lampe das nöthigste Licht zum Schaffen lieh.

Im hellen Zeitalter der elektrischen Bogen- undStangen-Lampen dünkt es wohl Manchem ein höchstglücklich überwundener Standpunkt, den eigenen Kopfals Lichtträger gebrauchen zu müssen.

Die Natur des zu bearbeitenden Materiales mußes wohl mit sich bringen, daß die Architekten und Bild-hauer in der Regel viel fester und energischer aufzu-treten wissen, als die Maler, deren geschmeidige Arbeits-mittel ja auch von der zartesten Damenhand gehandhabtwerden können.

Am meisten hat sich wie wir dieses schon durch-leuchten ließen das Selbstgefühl, die Energie der Arti-sten in Italien zur Zeit der Renaissance zu entfaltenvermocht; damals waren ja die Künstler die Helden des