Ausgabe 
(6.3.1894) 19
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wir »windeln dann durch blühende Gärten, überall sehenwir festlich gekleidete Menschen, sanfte Musik ertönet.Solche Träume trifft der Seelsorger am Krankenbettefrommer oder mit ihrem Gott ausgesöhnter Menschen,die das Sterben als eine freundliche Einladung in dieoberen Hütten mit Sehnsucht erwarten. Eine trübeNachricht oder üble Laune verwebt die Symbolik desTraumes zu einem Leichenzuge, zu schwarzem Gewölke;schlafen mir mit einem Zorne oder Grolle ein, nament-lich mußte er unterdrückt werden, dann befinden wir unsmit Dolch und Gewehr bewaffnet im Traume den Ur-hebern unseres Grolles gegenüber. Die auffallendstenTräume sind die sog. Ahnungsträume, d. h. jeneTräume, in denen der Mensch entweder krankhafte Zu-stände seines Leibes vorauserkennt oder Ereignisse sieht,die an geliebten Personen sich in der Ferne vollziehen,oder es schaut die Seele zukünftige Dinge in Bildern.Solche Träume begegnen zwar gerne einem skeptischenLächeln, sind aber doch zu häufig im Menschenleben schondagewesen, als daß sie einfach sich wegläugnen lassen.Wohl jeder kann darüber aus eigener Erfahrung reden.Erst jüngst erzählte mir ein junger Herr, ihm habe kurzvor Ausbruch einer schweren Krankheit geträumt, seinBruder gehe mit einem Messer auf ihn zu, um ihn zuerstechen. Der Traum hat dadurch den kranken Zustandsymbolisirt, den die Seele im Innern des Leibes schonwochenlang wahrnahm. Dieser Fall führt uns gleichzur Besprechung des sogen. Heiltraumes. Im ganzenAlterthum gab es gewisse Tempel, wo Kranke eine Nachtschliefen, um sich von der Gottheit im Traume das Heil-mittel für ihre Krankheit sagen zu lassen. Die altenAerzte hielten viel auf die Träume, und Hippokratesrathet in einer Schrift den Aerzten an, ihre Krankennicht bloß nach dem Allgemeinbefinden, nach dem Puls-schlag, nach dem Appetit, sondern auch nach ihren Träumenzu fragen. Da man wahrgenommen hatte, daß gewisseKräuter, Dämpfe u. s. w. auf die Traumgestaltung be-sonders einwirkten, so stellten die Priester geradezu eineTraum-Apotheke her, eine Aufzeichnung von pflanzlichenStoffen, welche bei bestimmten Krankheiten vor demSchlafe einzunehmen waren. Auch schrieb man die imTraume gemachten Heilerfahrungen auf. Dies ist viel-leicht der Anfang der späteren Traum-Bücher. DenHeilschlaf kannte auch der mittelalterliche, mit Unrechtals Quacksalber verschrieene Bombastus Paracelsus.Im vorigen Jahrhundert erlebte er durch Mesmer inParis eine neue Auflage, und gegenwärtig ist der Som-nambulismus, der künstliche Schlaf und künstliche Traumzu Heilzwecken, ein Gegenstand des Studiums sehr ernsterund wissenschaftlicher Männer.

Ihren Höhepunkt erreichen aber die Träume in derschon erwähnten Traumahnung. Ehe wir ihre Erklärungversuchen, 'will ich, von den vielen in Büchern und Zeit-schriften erzählten Traum-Erscheinungen absehend, nursolche Beispiele anführen, welche ich gelegentlich bei derLectüre aus eigener Kenntniß in Erfahrung brachte.

Der bekannte Jugendschriftsteller Christoph Schunderzählt in seinenErinnerungen aus meinem Leben"Folgendes:Um das Fest der heil. drei Könige 1734träumte mir (Schund befand sich zu dieser Zeit auf demGymnasium zu Dillingen), ich wandle durch eine derdüstersten Straßen meiner Vaterstadt Dinkelsbühl . Einermeiner liebsten Jugendfreunde begegnete mir im Traumeund sprach zu mir:Dein Vater ist sehr krank." Ich

erwachte und war sehr betrübt. Ich schlief wiederein. Da sah ich im Traume zwei Geistliche, die mir alsunsere Hausfreunde wohl bekannt waren, in schwarzenMänteln, die sie bei gewöhnlichen Besuchen nicht trugen,in unser Haus hineingehen. Ich erwachte wiedernoch bekümmerter. Ich schlief nochmal ein. Da sah ichim Traume eine Todtenbahre aus dem Hause hinaus-tragen. Geistliche und angesehene Herren begleiteten sie,eine Menge Volkes erfüllte die Straße. Trauergesängeund Posaunen erschollen. Ich erwachte noch betrübterund blieb es den ganzen Tag. Nach ein paar Tagenkam einer meiner Mitstudirenden und sagte:Der HerrProfessor läßt Sie rufen."Nun," rief ich,ist esgewiß, mein Vater ist gestorben." Der Professor fragte:Haben Sie schon lange keinen Brief mehr von Hauseerhalten? Der Herr Pfarrer von Thannhausen i. 3k.hat mir geschrieben, Ihr Vater sei sehr krank ge-worden." Ich sprach:Sagen Sie es nur geradeheraus mein Vater ist gestorben." Nach einigemZögern sprach er endlich:Er ist gestorben." Ichbrach in Thränen aus, er aber tröstete mich sehr lieb-reich." Ein ganz ähnlicher Traumfall ereignete sich Mitteunseres Jahrhunderts im Clerikal-Seminar zu Eichstätt unter dem Regens Dr. Ernst. Herrn St. in Augsburg träumte es einst, er habe von dem berühmten ArzteDr. N. in München einen Geldbrief erhalten. AndernMorgens wird ihm wirklich von seiner Hausfrau einsolcher von jenem Arzte überbrückst.

Besonders der Traum Christoph Schmid's isteine wirkliche, äußerlich - nicht beeinflußte Traumahnung.Wie können solche entstehen? Die Ahnungen im Traumeberuhen auf der Fähigkeit des Geistes, sich in Raumund Zeit auszuspannen und auszustrahlen. Jeder Liebe-strahl aus dem Mutterherzen folgt unzerrisfen dem Sohnein ferne Welttheile, in Schlachten und auf Reisen, undder lebendige Einstrahl des Muttergemüths in das desfernen Sohnes thut sich mitten durch alle Tagesanstrengungund Geschäfte im Gemüthe des Sohnes selber kund, in-dem er in ihm Sehnsucht, wehmüthige Erinnerung, Vor-würfe oft ganz plötzlich erweckt. Wenn aber schon imwachen Zustande die Bewegungen des Gemüthes solcheMacht, haben, dann ist das im Schlafe noch eher derFall, wo alle Kräfte der Seele und Empfindungen derSinne nicht nach außen zerstreut, sondern nach innenconcentrirt und verdichtet sind. In den Ahnungs-träumen spannt und weitet und dehnt sich das Gemüthnach dem geliebten Objecte: nach dem Kinde, der Mutter,aus und wird zugleich angezogen von dem geliebtenObjecte selbst. Das Hinstreben auf der einen, dasAngezogenwerden von der andern Seite erzeugt nuneinen die Seelen verbindenden Gemüthsstrom. Wirddieser Strom von Seiten des anziehenden Objectes durchgewaltige Veränderung dieses selbst irritirt, aufgeregt,so können im verbundenen Gemüthe symbolische Traumebilder den Grund der Jrritirung, der Erschütterung desLebensstromes anzeigen. In dem Traume ChristophSchmid's wurde der zwischen Vater und Kind hin- undherschwingende Gemüthsstrom durch die Krankheit undden Tod des Vaters, als des anziehenden Objectes,irritirt und dies durch die Aussage des Jugend-freundes:Dein Vater ist krank," durch die beidenGeistlichen in schwarzen Mänteln, durch die Todtenbahrevom Traume symbolisch dargestellt. (Schluß folgt.)