Ausgabe 
(6.3.1894) 19
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und versteckte Poet, ist im Traume schon aus sichselbst leicht im Stande, ein Gebilde uns vorzumalen.Mehrentheils aber empfängt die Phantasie vom bestimmten,auf sie einwirkenden Einflüssen ihren Stoff, den sie dann,wie der Künstler den rohen Marmor, nach ihrer Art um-bildet und verarbeitet.

Die Phantasie symbolisirt vor Allem im Traume,d. h. sie zeigt alles in Bildern, Gestalten, Handlungen.Sie verfährt so auch vielfach im wachen Zustande.Wenn wir das WortBaum" aussprechen, da tritt vorunser Geistesauge sogleich das Bild eines Baumes, ent-weder eines frei erdachten oder eines uns schon bekannten,vor dem Hause, im Garten u. s. w. stehenden Baumes.Sagen wir aber z. B.ich habe Angst", so stellen wiruns dabei nichts weiter vor. Das Tagesdenken kannBegriffe bilden, die Nachtphantasie kann nur in derBildersprache zu uns reden, d. h. der Traum sym-bolisirt. Aus denTraum-symbolen läßt sich daherim Allgemeinen ein Rück-schluß machen aufdasWo-her" der Träume.

In ein festes, geordnetesGefüge, in eine auch nochso vervielfältigte Schablonekönnen die Träume nichtgebracht werden. DieFac-toren der Traumbildungsind zu mannichfache. VorAllem wäre auf das Ge-schlecht Rücksicht zu nehmen.

Das weibliche Geschlecht hatvermöge seiner größerenReizbarkeit und seinerrascher verlaufenden Ein-bildungskraft öfter Träumeals das männliche. Frauenverstehen es darum auchbesser, etwaigeTraumbildcrdurch die eigene Phantasiezu ergänzen, weßhalb ihreTraum-Erzählungen mitVorsicht zu hören sind. Aberaußerdem haben auch Alter,

Beruf, Religionsbekennt-niß, Nationalität einengroßen Einfluß auf dieTraumgestaltung. Es sei aber doch versucht, wenigstens imgroßen Ganzen die Entstehung der Träume zu erklären. DiePhantasie kann zum Träumen angeregt werden durchVorgänge innerhalb unser selbst. Wir haben uns beimoder vor dem Einschlafen mit irgend einem Gegenständebeschäftigt, der in uns eine Denkbewegung verursachte.Diese wirkt noch fort im Schlafe, ist aber gleichsam um-woben von den Gespinnsten der schöpferischen Phantasie.Wir halten lange Reden, die Worte entströmen wie einGießbach dem Munde; wir schwätzen ganz unsinnigeDinge, freuen uns aber doch über unsere Redegewandtheit.

Die meiste Anregung und den ihr passendsten Stoffempfängt jedoch die Traum-Phantasie durch die ver-schiedenen Nervenreize. In diesen Träumen zeigt sichauch die Macht des Traumes, in das verborgene Inneredes Körpers, z. B. in den Magen, hineinzuschauen undseine Entdeckungen dann durch Sinnbilder zu offenbaren.

Wir athmen z. B. "im Schlafe und die Lungen-flügel heben sich langsam auf und nieder. Das zeigtnun die Traum-Phantasie dadurch an, daß sie uns fliegenläßt über Thal und Hügel, daß sie uns auf schnellenRossen dahinträgt. Das Fliegen ist äußerliches Symbolfür das langsamere oder kürzere Auf- und Niedergehender Lungenflügel. Der Mund ist im Schlafe trockengeworden und es entstehet in uns der Durstreiz. DieTraum-Phantasie wird alsbald durststillende Getränkevor uns herzaubern, fast nie Wasser, meistens feurigenWein, den wir im lustigen Gelage trinken, oder schäumen-des Bier im kühlen Schatten.Es legt sich," sagtScherner,die Seele gleichsam wohlig in die ganze innerePlastik des Leibes, und die Phantasie spiegelt dann inihren Symbolen das wieder, was die Seele als Ab-normität, Unregelmäßigkeit dort bemerkt."

Vielfach sind die Sinnesträume. Schon Ein-gangs war erwähnt, daßdie äußeren Sinne kurzeZeit nach dem Einschlafenschon wieder empfindlichwerden für die Außenweltund ihre Eindrücke dem Ge-hirne mittheilen. Hier aberruht noch die Vernunft-thätigkeit, die Phantasie je-doch versteht es, die Sinnes-wahrnehmungen in ihrenDienst zu bringen. Merk-würdige Träume weiß sieinsbesondere aus den vomOhre herrührendenEmpfin-dungen zu gestalten. DasRegengeplätscher an unsernFensterläden vermag diePhantasie in uns zur Vor-stellung einer großenlleber-schwemmung zu machen; dieMorgenglocke kann in unsdas Bild einer großen Pro-cession malen, welche untermächtig erschallendem Ge-läute an dem Hause vor-beizieht. Ebenso eigenthüm-lich ist die Symbolik beiTräumen, die durch Haut-gefühls-Empfindungen er-regt wurden. Jemand hatte zum Beispiel währenddes Traumes einen Strohhalm zwischen den Zehen desFußes; hiedurch empfand der Fuß einen widrigen Kitzel.Das alles symbolisirte nun der Traum folgendermaßen:der Halm ward zum spitzen Pfahle, der widrige Kitzelwurde in wilden Räubern zur Darstellung gebracht,welche auf den Schlafenden zusprangen. Das ganznatürliche Hautgefühl, das der Strohhalm verursachte, be-gründete folgenden Traum: dem Schlafenden träumt, ersei von Räubern überfallen worden (widriger Kitzel),welche ihn auf den Rücken legen (Lage im Schlafe)und ihm zwischen die Zehen einen Pfahl schlagen (Halm).

Es ist selbstverständlich, daß auch die Stim-mungen, mit denen wir einschlafen, und sie Affecte,die sich mit uns zur Ruhe legen, stark die Phantasie imTräumen beeinflussen. Eine heitere Gemüthsstimmungkann die Ursache werden zu den lieblichsten Bildern:

General Hans Herzog .