Ausgabe 
(6.3.1894) 19
Seite
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kleinen Martin an die Seite seines Vaters in das so-eben erst geschlossene Grabgewölbe. Monatelang dachtenmeine Pfleger, es müsse zum drittenmale geöffnet werden.Die beiden kleinen Mädchen wurden schon als Waisenangesehen und von gütigen, mitleidigen Freunden liebe-voll aufgenommen. Alex wollte nicht weggehen. Damalswußte ich nicht, daß der Knabe fast immer bei mir war.Er betrauerte den Tod seines Vaters so sehr, wie Kinderselten trauern; aber er dachte stets an des Vaters letzteWorte und erfüllte die ihm ahnungslos ertheilte Aufgabeso brav und zärtlich, wie er konnte. Endlich im Früh-lingsanfang brachte Alex meine Töchterchen zu mir zurückund führte sie und mich mit leisen Schritten und thränen-trüben Augen zu der neuen Grabstätte neben der Kirche,in welcher Martin und ich getraut worden waren. Inder Kirche sah ich über Martins Sitz eine marmorneGedenktafel, errichtet von einem Nachbar, welcher gleichvielen anderen guten Grund zur Dankbarkeit und Liebehatte. Ich konnte die Buchstaben durch meine Thränennicht lesen, deshalb verbarg ich mein Gesicht und ließihnen freien Lauf. Dann versuchte ich es wieder. ZweiZeilen standen unter dem Namen, und endlich las ichdie Worte:Besser ist mir das Gesetz Deines Mundes,als tausend Stück Goldes und Silbers." Ps. 118, 72.

Ich glaubte die traute Stimme zu hören, welche so wahr-haft und ernst diese Worte aussprechen könnte. Ichdachte, wie er in Wahrheit den Verlust derviel tausendStück Gold und Silber" edel ertragen und Gottes Gesetzrein und mit Geduld gehalten haben würde, wenn Gott es nicht anders beschlossen gehabt hätte. Außer diesemBibelspruch konnte ich keine anderen Worte mehr lesen.Ich wußte, daß das Datum des Todestages darunterstand das Datum unseres Hochzeitstages. An jenemAbende war mein Gatte in einem Londoner Hotel plötz-lich am Gehirnschlag gestorben; niemand war bei ihmgewesen, außer dem ruinirten Banquier, welcher ihmdie erschütternde Mittheilung gemacht hatte und nachAfrika entflohen war. Als ich den geliebten Namen zulesen versuchte, während meine Kleinen in der wieder-habenden Kirche laut schluchzten, verlor ich wieder dasBewußtsein. Die gutherzige Kinderfrau nahm mich inihre Arme und trug mich wie ein Kind nach Hause,wohin ich zum letztenmale zurückkehrte. Ich verließ dasHaus nicht wieder, bis ich für immer wegzog. Jetzthielt ich mich für stark und hatte den ernsten Willen,das vor mir liegende Leben der Armuth zu beginnen.Ich will möglichst wenig von den folgenden drei Jahrensagen. Es war ein langer harter Kampf um die noth-wendigsten Lebensbedürfnisse. Wir arbeiteten gemein-schaftlich, die Kinderfrau und ich jetzt nicht mehrHerrin und Dienerin, obwohl sie sich noch immer so zumir verhielt, sondern Genossinnen in jeder Weise. UnsereNadeln wurden von früh bis spät gebraucht, wenn wirNäharbeit hatten. Die treue Hanne stand sehr frühauf und besorgte alle Hausarbeit, ehe sie mich und dieKinder weckte. Ich bat sie, daß ich ihr auch dabei helfendürfe, aber sie antwortete:Fast die halbe Nacht liegenSie schlaflos, und Ihre müden Finger sind heiß undunruhig; deshalb müssen Sie den Schlaf in den Mor-genstunden genießen. Wenn Sie, wie ich, abends gleicheinschlafen könnten, so wäre es etwas anderes. AberSie dürfen sich nicht krank machen, was sollte sonst aus ;uns werden? Ihre kleinen Finger sind die schnellstenund geschicktesten und arbeiten sich ohnehin müde. Also

reden Sie nicht mehr davon." Da ich sah, daß sie ihrenWillen in dieser Beziehung behauptete, blieb ich mit nochgrößerem Fleiße bei den Arbeiten, welche ich besser ver-stand als sie. Während ich an der Näherei saß, unter-richtete ich meine kleinen Mädchen. Alex machte seineSchularbeiten gewöhnlich allein in seiner Schlafkammerund bat mich nur manchmal um eine Erklärung. Erfürchtete immer, mir eine Mühe zu machen, wenn er siemir möglicherweise ersparen konnte. Manchmal dachteich, es wäre besser gewesen, wenn wir in Edinburg geblieben wären, wo ich als wissenschaftliche LehrerinGeld hätte verdienen können, wie es ein Jahr vor meinerVerheirathung so leicht und angenehm geschehen war.Jedoch dieser Gedanke verschwand immer schnell und kamnur, wenn ich mich sehr ermüdet fühlte. Ich wußte,daß ich es nicht ertragen hätte, in den Häusern vonMartins Freunden zu unterrichten. Dagegen hatte ichhier zwar schwerere Arbeit, aber niemand kannte uns,niemand konnte uns bemitleiden oder verachten oderherablassend beschützen (das letztere erschien mir ebensofürchterlich, obgleich es unrecht von mir war); hier, inLondons Volksmenge, hatten unsere schottischen Freundeuns aus den Augen verloren.

(Schluß folgt.)

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Der Traum.

Von Adolph Müller.

(Fortsetzung.)

Wir sind fast überrascht über diese blumenreiche,poetische Sprache eines Philosophen. Aber das sind dieWorte der nämlichen Seelenkraft, die im Traume auchihre höchste Gewalt entfaltet, es sind die Worte desVorstellungsvermögens, der Phantasie. Diese Seelen-kraft nehmen wir in uns schon im Wachen wahr. Wieträgt sie den von der Heimath Fernen mit Windeseilezu Vater und Mutter,. welche Luftgespinnste zaubert sieuns vor bei Verrichtungen, welche wenig Denken er-fordern, auf einsamen Wegen, in stillen Stunden. Aberaus diesen wachen Träumen schreckt uns immer wiederdie unerbittlich auftretende Vernunft, selbst Dichter undKünstler müssen die Gebilde ihrer leichtbeschwingtenPhantasie den Gesetzen des Verstandes unterwerfen undden Edelfalken zähmen durch scharfe Zucht. Aber imSchlafe wird die Phantasie zur freien, alles besiegen-den und beherrschenden Göttin, Denkkraft, Vernunft,Willen, die Empfindung durch die äußeren Sinne, miteinem Worte, dasJchbewußtseiu" verfällt. DerSchlafende kommt sich vor, als sehe er sich wie aufeiner Schaubühne thätig, er kann sagen: das bin ich,und doch widerspricht diesem Urtheile seine ganze innereStimmung. Im Traume sind mir willenlos und müssendie verschiedentlichsten Wandlungen durchmachen, daherwir stets besser sagen: es hat mir geträumt, statt: ichhabe geträumt. All' unsere geistige Stärke verschmilztgleichsam mit der allein regsamen Phantasie; ihr dienendie Nervenreize und Gemüthsstimmungen; Gedächtnißund Zukunftsbeurtheilung lassen sich von ihr Gesetzegeben. Das erhebt sie zu einer eminenten Kraft, und sie istes nun, welche über alle Bilder der Traumwelt ihrenLebenshauch ausgießt und zauberisch das als lebendigeGestalt erblicken läßt, was in Wirklichkeit nur als flüchtigerBilderschatten an uns vorbeizieht. Die Phantasie, dieserim Leibesinncrn während des Schlafes wache Künstler