Ausgabe 
(6.3.1894) 19
Seite
133
 
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^L19.

1894.

Augsburger Postzeitung".

Dimstag, den 6. März

Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg .

Druck und Berlag des Literariichen Instituts von Haas >L Grabhcrr in Augsburg (Vorbesitzcr vr. Max Huttler) .

Wohlthnn trägt Zinsen.

Nach dem Amerikanischen der Mary Cecil Hay, erzähltvon Alice Salzbrunn.

(Fortsetzung.)

III.

Ich wartete mit dem Essen auf Martin. Es hatteschon acht geschlagen, und er war noch nicht gekommen.Ich konnte mich nicht erinnern, daß er sich je vorher soverspätet hatte. Und gerade heute abends? Auch hatteer gesagt, er werde früh zurückkommen, und ich wargewohnt, mich auf jedes seiner Worte unbedingt zu ver-lassen. Die Kinderfrau hatte die Kinder geholt, um siezu Bette zu bringen; sie kamen ungern von ihrem Warte-posten am Gartenthore.

Warum kommt er denn nicht, Mama?" fragteKäthchen, indem sie ihre Wange an die meine schmiegte.Ist etwas geschehen?"

Ach nein, Kind," antwortete ich. Ihre Worteverletzten mich mehr, als ich sagen konnte.Geh in dasSchlafzimmer und sei nicht unartig. Papa wird baldhier sein."

Ich wußte, daß meine Stimme hart klang, abermein Kuß war dafür doppelt zärtlich, und ich würdedie Kleinen bei mir behalten haben, aber die Kinderfrauwollte es nicht zugeben. Sie sagte, die Ruhe würde mirwohlthun; ich glaubte das auch, aber ich hatte keineRuhe. Ich ging hinunter bis zum Parkthor, saß dortund suchte zu verbergen, wie ängstlich und unruhig ichwar. Endlich kam der alte Haushälter mir nach, unddie unzufriedenen Thränen traten mir in die Augen.Warum wollte er mir sagen, daß das Essen bereit steheoder verdorben sei, oder was sonst? Was lag mirdaran, solange Martin nicht da war?

Wenn Sie es mir erlauben wollen, gnädige Frau,"sagte er leise, wie zu einer Kranken,so will ich indas Comptoir gehen und den Herrn bitten, sich zu beeilen."

Ich blickte ihn an und nickte lächelnd, aber ichtraute mir nicht zu sprechen. Ich war Morris für denVorschlag dankbar, obgleich ich fühlte, es könnte Martinvielleicht nicht recht sein, dort aufgesucht zu werdenwenn alles gut war. Ich sah dem alten Morris nach,als er sich durch die breite Allee des Parkes entfernte;dann wartete ich wieder mit einiger Erleichterung. Diegütige alte Kinderfrau kam mehrmals und suchte michzur Rückkehr in das Haus zu bewegen, aber ich wolltedavon nichts hören. Meine Dienstmädchen brachten mir

ein Tnch und ein Fußkissen und ich sah ihnen an, daßsie sich über mein Aussehen entsetzten. Endlich kehrteMorris zurück; ich erinnere mich, daß die Hofuhr eilfschlug, als die Gärtnersfrau ihm das Parkthor schon,ehe er es erreichte, öffnete.

Nun?" rief ich ihm entgegen und blickte mitstarren bangen Augen in die seinen.Was ist's?" Undich hob meine gefalteten Hände.Herr Drummond warnicht in seinem Comptoir, gnädige Frau, ich fand esverschlossen; aber ich ging in die Wohnung zweier Comp-toiristen. Sie sagten, der Herr müsse schlimme Nach-richten erhalten haben, denn er sei mit dem Schnellzugenach London gefahren; es blieb ihm keine Zeit zumSchreiben und er verbot, die erschreckende Nachricht hie-her zu schicken. Sie sagten, dem Bankhause Grahamu. C. sei ein Unglück zugestoßen, gnädige Frau, undder Herr wolle Herrn Graham in London sprechen; .aberich konnte nichts Bestimmtes erfahren. Der Hauptbuch-halter fuhr mit dem Herrn und sagte den Comptoiristen,er könne ihn nicht allein reisen lassen, weil er so leidendaussah."

Das waren die letzten Worte welche ich hörte. Ichweiß, daß noch viele Worte der Theilnahme und Er-muthigung gesprochen wurden, aber ich hörte keines der-selben.

Daß Martin plötzlich wegen Geschäftsangelegeuheitennach London reiste, war nichts Wichtiges; daß uns eingroßer Verlust drohte, war ebenfalls nichts Wichtiges;aber die Worte:weil er so leidend aussah", hatten dasSchlagen meines Herzens gehemmt. Martin leidend undich nicht bei ihm! Martin krank in weiter Ferne vonmir! Martin hatte Kummer und verbarg diesen Kummervor mir, um mein Glück nicht zu stören! Eine plötzlichestarre Kälte kam in meine Glieder. Einige Augenblickekämpfte ich gegen eine Ohnmacht, dann sank ich in dieBewußtlosigkeit, welche viele Wochen dauerte.

Sogar jetzt noch zittert meine Feder beim Schreibenvon jener Zeit und von dem Leide, welches sie gebrachthatte. In der Angst und Trübsal jener ersten Nachtwurde mein Söhnchen geboren, und während das,Kindan Lebensschwäche hinsiechte, lag die Mutter bewußtlosvon diesem und allem anderen Leid; ich empfand nureinen großen schmerzenden Mangel und einen großenüberwältigenden Durst. Als des Kindes schwacher,keuchender Athem still stand und sein Gesichtchen zumerstenmale ruhig und schmerzlos dalag, trug man den