Ausgabe 
(2.3.1894) 18
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doch thatsächlich einmal ein Fremder, als er Abends inder Münchener Maximiliansstraße spazieren ging, das kgl.Regicrungsgebüude mit seinen erhellten hohen Fenstern,welche die Etagendurchzüge leicht erkennen lassen, für eineSpinufabrik gehalten und sich bis die nöthige Auf-klärung kam höchlichst gewundert, solch' ein industriellesEtablissement an dieser Straße zu treffen.

Um nun nicht verdächtigt zu werden, immer nur zunörgeln, wollen wir gerne der Freude Ausdruck geben,wenn ein Gebäude, sei es alt oder jung, eine ganz be-sondere Anerkennung verdient und auch findet. In diesemSinne hat wohl noch nie ein Bau eigenartigeres Lobund eine so tugendfördernde Bestimmung zugewiesen er-halten, als Münchens altes Sendlingerthor, das der scl.Mayer v. Mayerfels bekanntlich einmal in einer Magistrats-fitznng als dasSchamtuch" der Sendlingerstraße be-zeichnete, um durch solches Prädikat die Wegnahme desbesagten Thores unmöglich zu machen. Eigenthümlich er-scheint diese Bezeichnung immerhin, da doch das Send-lingerthor gerade jene Straße deckt, in der die meistenBekleidungskünstler ihre Waaren feil halten und die Trot-toirs nicht selten mit Herren- und Kuaben-Anzügen förmlichgarnirt erscheinen. Wenn man diesen Ueberschnß mensch-licher Hüllen einerseits und v. Mayerfels' Bezeichnungdes Sendlingerthores anderseits betrachtet, fühlte mansich bald versucht, den bekannten Grafen Oerindur umfreundliche Erklärung dieses Zwiespalts zu ersuchen.

Einer stark entwickelten Bildersprache haben die Werkeder Architektur und Plastik häufig schon Stoss geboten.Ich erinnere nur an die morgenländische Poesie, die ge-feierten Personen nicht selten schon Gebäudenamen inehrender Weise beigelegt hat. Unsere prosaische Zeit hul-digt dieser Sitte weniger, doch kann man hie und davon einemeckigen" Menschen, dann und wann auchvon einemgemüthlichen" oderfidelen Haus" redenhören, ohne bei letzterem an ein wirkliches Manergefügedenken zu dürfen. Unangenehm ist es, wenn ein Menschsehrparterre" wird, aber eine prächtige Eigenschaft,besonders für Hausfrauen, ist es,häuslich" zu sein.

Aehnlich wie im Alterthume werden manche Kunst-werke auch bei uns heute noch besungen. Man denke nuran den vor etlichen Jahren hier thätigenSpottvogel imGlaspalast". Die Künstler haben aber an diesen Liedernnicht immer so viel Freude, wie sie seiner Zeit der ge-feierte Bildhauer Alexander Papenhoven hatte, als aufeine von ihm gemeißelte Venus der Dichter Kleist denetwas überschwünglichen, holperigen Vers machte:

Sieh' Papenhovcnö Meisterstück, der schönen Venus in'S Gesicht!Sieh' an den Mund des Mannorbilds! Man sieht die Stimm'

und hört sie nicht!

Eine gesehene, aber nicht gehörte Stimme hatte wohlauch das am häufigsten besungene plastische Gebilde Griechen-lands , Myron's berühmteKuh", über die nicht we-niger als 36 Epigramme gemacht worden sind. Diemeisten derselben gehörten jedoch gleich der Kuh zn denWiederkäuern. Nach einer der erhaltenen Mittheilungenwar das gehörnte Thier mit strotzendem Euter dargestellt.Ob Myron in seinem Werke das Idol Jener zeigen wollte,die nach der Meinung Schillers in Kunst und Wissen-schaft nur die tüchtige Kuh ersehen, welche sie mitButter versorgt, darüber schweigt die Geschichte. Ob, dawir gerade beim wirklichen oder vermeintlichen Nutzviehangelangt sind, derfarnesische Stier" auch jemalsentsprechendes Dichterlob gefunden hat, weiß man ebenso wenig; ganz sicher ist nur das eine, daß zu allen

Zeiten, öffentlich und heimlich, die meisten Anbeter undVerehrer das bekanntegoldene Kalb" gefunden hat.

Von berühmten Thiergebilden des Alterthums isthier noch das hölzerne Pferd zu erwähnen, welches denneugierigen Trojanern bekanntlich sehr unangenehm ge-worden ist. Die Nace dieses Holzpferdcs hat sich im Laufeder Jahre so degenerirt, daß dieselbe heute nur mehr inden Kinderstuben Dienste leisten kann. Pferde, welcheob des Zmücklegens einer ganz außerordentlichen Distanzgenannt zu werden verdienen, sind die vier ehernen Rossedes Lysippus an der Fagade der Markuskirche in Venedig;dieselben sind nämlich von Chios über Nom nach Kon-stantinopcl, dann nach Venedig, unter Napoleon 1 . nachParis und schließlich, ohne Schaden genommen zu haben,wieder nach Venedig zurückgekommen. Ein antikes Roß,das zwar uicht so weit herumgekommen, dafür aber aufseinem Standorte gar Vielerlei erlebt und gesehen hat,ist jenes, welches Kaiser Mure Aurel auf dem Capitolsplatzder ewigen Noma reitet. Wäre es nicht aus Erz, gar ofthätte es Gelegenheit zum Schenwerden gehabt, besondersin den Tagen des X. Jahrhunderts, in denen, wie Grc-gorovins zu erzählen weiß, der römische Pöbel es mehr-mals liebte, mißliebige Personen einfach an dem Halsdes Pferdes aufzuknüpfen und hängen zu lassen. Daßdas erwähnte antike Denkmal heute noch vorhanden ist,dankt man dem mittelalterlichen Irrthume, der dargestellteReiter sei Kaiser Konstantin . Die Römer haben ja be-kanntlich für ihre alten Denkmale nicht immer die nöthigeHochschätzung an den Tag gelegt; was nicht zerstört werdenkonnte, hatte meist die seltsamsten Wandlungen zu erdulden.

Eine der merkwürdigsten Metamorphosen, die je einBau erlebt, erlitt wohl Kaiser Hadrians Grabmal, indemes zn einer mittelalterlichen Festung geworden ist. Vielhäufiger ist es, daß Festungen zu Grabmälern werden;die Franzosen z. B. glauben nun einmal fest und steif,daß Metz, wenn auch nicht für die Knochen, so doch fürdie Ehre des Generals Bazaine zum Grabmal geworden sei.

Daß heidnische Tempel in christliche Kirchen, Kirchenin Profangcbäude, Burgen in Klöster, Klöster in Kasernen,fürstliche Lustschlösser sogar in Gefängnisse umgewandeltworden sind, davon weiß man ja in allen Ländern zuerzählen. Seltsam ist es freilich, wenn, wie es hie undda vorkömmt, noch alte Denksteine über den Portalen ander früheren Bestimmung des Gebäudes festhalten, wiedieses z. B. an einer Strafanstalt an der Salzach bis-lang der Fall war, wo dem unfreiwillig Eintretendenin Marmorschrift der herzliche Wunsch entgegenleuchtete,innerhalb dieser Mauern (die ursprünglich den SalzburgerLandesherren als Lustschloß dienten) doch Freude undErholung in reichlichster Fülle zu finden.

Das letzterwähnte Vorkommniß legt mir dem be-unruhigenden Gedanken nahe, ob nicht auch zwischen dem,was ich in der Ueberschrift meines Vortrages angekündigt,und dem, was ich geboten habe, ein ähnlich fatales Miß-verhältniß obwaltet. Es dürfte daher Zeit zum Schlüssesein, auf daß nicht die Augenlider meiner verehrten Zu-hörer etwa Anschluß an die Eigenschaften desSenk-bleies" suchen. Ueberdies möchte ich, da ich heute nuneinmal als Werkmann, als Maurer, mich gerirt habe,auch darin den letzteren gleichen, daß ich das Stunden-zeichen zum Arbeitsschluß nicht übersehe,- was ja seitBestehen der Welt ächten Maurern und Zimmerlcntenuoch niemals passirt sein soll.