Ausgabe 
(2.3.1894) 18
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fance ließe sich gar Vieles erzählen. Zu betonen, daß dieArchitektur außerdem mit dem Mineralreiche die aller-inttmsten Beziehungen unterhält, ist wohl nicht mehr nöthig,es hieße dieses wahrlichoffene Thüren einrennen". DerArchitektur kann man, ohne rühm- und lobrediger Suchtgeziehen zu werden, sorglos und mit bestem Gewissen in'smomuuentale Stammbuch schreiben:lo saxalo-inuntur."

Zu den elegantesten steinernen Gliedern hervorragen-der Bauten gehören bekanntlich die Säulen. Daß esaber nicht absolut nöthig ist, die Säulen immer nur inBeziehung zu einem Bau zu denken, beweist uns die antikerömische Trajanssäule eben so gilt wie unsere alten ein-heimischen Stundensäulen an den Staatsstraßen. Manliebte es zu allen Zeiten, große geschichtliche Personen imBildnisse auf hohe Postamente oder mächtige Ehrensäulenzu stellen; die genannte Trajanssäule ist ja ein sichtlicherBeleg hiefür. Merkwürdiger als dieses ist es, daß sehrbescheidene und überaus demüthige Leute schon auf denEinfall gekommen sind, sich bei Lebzeiten selbst auf Säulenzu stellen, wie frühchristliche ägyptische Legenden uns zuerzählen wissen. Das Umstürzen berühmter Säulen habenhinwieder heilige und auch unhcilige Personen schon mehr-mals sich angelegen sein lassen. Innerhalb des weitenZeitraumes, in dem Karl der Große die Irwin- und derPariser Maler Conrbet die Vendome-Säule umwarf, istschon so manche Säule, auf der sich gefeierte Größen fürimmer sicher gestellt glaubten, zu traurigem Falls ge-kommen.

Wenn man im Alterthum verdiente Personen ganzbesonders auszeichnen wollte, so begnügte man sich miteiner Säule nicht allein, sondern errichtete gleich einenganzen Triumphbogen. Diese waren denn meistens mitweitansholeuden pompösen Inschriften Versehen. Dahermag es kommen, daß später auch andere öffentliche Ge-bäude, galten sie nun heiligen oder profanen Zwecken,meist monumentale In- und Aufschriften über ihren Por-talen erhielten. Dieselben sind meistens sehr feierlicher,ja hochernstcr Natur. So eine bleibende Inschrift zumachen, ist keine leichte Sache, und Philologen und Histo-riker zerbrechen sich gar oft die Köpfe, bis sie etwas Ge-eignetes gefunden haben. Als es einmal in einer größerenStadt um eine passende monumentale Aufschrift über demThore eiues Standesamtes (Abtheilung für Tranungs-sachen) sich handelte, da meinte ein verheirathetcr Pro-fessor, der riesig für Dante schwärmte, nichts Besseresvorschlagen zn können, als die gewaltigen, vielsagendenWorte:Laßt, die ihr eingeht, jede Hoffnung fahren."

Wenn wir nun noch kurz auf einzelne wichtige bau-liche Werke näher eingehen, so erlaubt es die gemesseneZeit nur mit dem Höchsten, mit den Thürmen, unszu befassen.

In den Kindcrjahren ich weiß nicht, ob eS An-deren auch so gegangen haben mich vor allen Bautendie Thürme am meisten inicressirt. Als ich als Knabezum ersten Male nach München kam, war es einer meinerersten Wünsche, den chinesischen Thurm im englischenGarten zu sehen. Der Anblick desselben war nebenbeibemerkt eine der ersten Enttäuschungen, die ich inmeinem Leben erlebte. Eine anS München gebürtige Dienst-magd, die wir daheim hatten, hatte mir nämlich ein Stückihrer Sympathie für besagten Thurm, unter dem ja zeit-weilig Militärmusik spielt, beigebracht. Daß die Begeiste-rung unserer Dienerin eigentlich nicht dem alten Holzbangalt, konnte ich als unerfahrener Knabe ja nicht erwägen;

damals wußte ich ebensowenig das geheimnißvolle Sprich»Wortes sind Schindeln am Dache" zu deuten. Wo»her der Wind weht, konnte im alten Griechenland übri-gens schon jeder Junge wissen, wenn anders der in Athen sich befindende achteckigeThurm der Winde" alsUrahne aller meteorologischen Bcobachtnngsstationen be-trachtet werden darf.

Daß man mit Thurmbanten nicht immer Glück hatte,sagt nnS schon die Geschichte von Babel. Selbst dasschaffensfreudige Mittelalter ist bei seinen Thurmbantenmeistens stecken geblieben, wir dürfen daher annehmen,daß der Ausdruckthurmhohe Freundschaft", denein berühmter Staatsmann einmal gebraucht hat, schonvor etlichen Jahrhunderten mit gemischten Gefühlen ans-gcnvmMLN worden wäre. Der erwähnte Staatsmann hatsich übrigens in umsichtigster Weise um die höchst werth-volle Einrichtung eines der wichtigsten Thürme Deutsch-lands, des Juliusthurmes in Spandau , bekanntlichsehr verdient gemacht.

Die schlanksten Thürme, die es gibt, besitzt, wie Jeder-mann weiß, der Orient. Man heißt dieselben Minarets.Wenn heute noch an unserem Türkengraben oder Lilicn-berg, wie es einstmals der Fall war, Türken wohnenwürden, der Thurm der neuen St. Aunakirche am Lehelwürde von denselben wohl niemals für ein Minaret ge-halten werden.

Gleich vielen Thürmen haben auch viele Thurm-baumeister kein rechtes Glück gehabt. Als in München der bei der St. Michaelskirchs im Jahre 1590 begonneneThurm alsbald sich senkte und dröhnend zusammenstürzte,hatte sein Architekt, Wolfgaug Müller, auf Herzog Wilhelmdes Frommen Geheiß die Ehre, 6 Tage bei Wasser undBrod im Falkeuthmme brummen zu dürfen. Daß auchder Thurmbaumeister Eiffcl in Paris eingesperrt worden,ist bekannt, allerdings war daran nicht sein Eisenthurmschuld, sondern ein gewisser amerikanischer Kanal, dessenSchleusen nicht einmal geöffnet zu werden brauchten, umim eleganten Paris dennoch eine Menge von Unrath hiu-wegzuspüleu. Recht schlimm ist es seiner Zeit auch inNom dem berühmten Bildhauer und Architekten Bernini ergangen, als er auf die Farads des antiken Pantheonzwei kleine Thürme setzte, welche zunächst der findigeVolksmund, dann aber auch die gestrenge Kunstgeschichtemit dem nichts weniger als schmeichelhaften NamendieEselsohren des Bernini " belegte. Den unglücklichsten, ichdarf wohl sagen, den dümmsten Thurmbanmeister allerZeiten hat übrigens in unseren Tagen der bekannteLichter Ibsen in seinem SchauspielBaumeister Solucß"erfunden: einen Mann nämlich, der auf Geheiß seinerverrückten Geliebten von der Höhe seines Bauwerkes zuderen Füßen sich niederwirft, um auö sehr naheliegendenGründen dort liegen zu bleiben.

Wenn wir eben einiger Thiirmbaumeistcr Mißgeschickeerwähnt haben, so wollen wir nicht verhehlen, daß auchandere Baumeister, die nicht Thürme bauten, hin undwieder ungeschicktes, seltsames Zeug gemacht haben. Werheute Karlsruhe besucht, wird staunen, alle die dortigenKirchen in hellenischen oder antik-römischen Formen, denBahnhof und das Hoftheater aber im romanischen Bau-stile aufgeführt zu sehen. Es ist dieses doch wirklichklassisch"! In Bayern wollte man vor etwa 40Jahren bekanntlich einen neuen Baustil erfinden. ErsterErfolg war, daß ein Laie sehr selten die Bestimmungeines solch' neuen Gebäudes zu erkennen vermochte. Hat