Ausgabe 
(2.3.1894) 18
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hat der Ueberschnß an vielen nicht gelungenen, modern-gothischen Landkirchen etwas unverschuldet, daß denenttäuschten Leuten die Bauweise des vorletzten undletzten Jahrhunderts in um so freundlicherem Lichteerscheinen will. Der kluge Laudmaun rächt sich daherauch oft durch sehr treffende Bemerkungen, wenn er miß-lungenen Neuerungen gegenübersteht. So hat sich z. B.der Bauer im Chicmgau, um nur eines zu erwähnen,für allzu mager und dürftig gerathene neue gothischeAltäre einen gar köstlichen technischen Ausdruck zurecht-gelegt; er heißt dieselben e:nfach:Latten- oderStangen-Altärc. Die abfällige Aeußerung läßt genugsamerkennen, daß auch für Pfahlbauten bei den heutigenChiemsecanwohnern keine Sympathien mehr zu erweckenwären. Unser Bauer ist somit, wie man ihn doch vielfachals solchen zu verschreien Pflegt, kein Zopf, mit welchemNamen ja bekanntlich eine weitere Art von Architektur-uud Kuustform belegt worden ist. DerZopf" hat esbekanntlich übernommen, die bisher wenig berücksichtigtenNückfatzaden und Hinterfronten ebenfalls würdig zuschmücken; er hat dieses mit so hingebender, fast pein-licher Gewissenhaftigkeit gethan, daß die undankbareMenschheit ihn dafür mit dem BegriffePedant" so engeverfocht, daß es wahrlich nicht leicht ist, heute die Beidenvon einander zu unterscheiden. Das Zopfwesen hat mitdem schon erwähnten Byzantinischen Stil insoferne einegewisse Verwandtschaft, als eben beide zu den lebens-zähesten Dingen auf Erden gehören. Früher nochvor dem Jahre 1848 meinte man, daß der Zopfstilganz besonders für die Ausschmückung von Burcauräumcnsich eigne, da aber diese in der Regel äußerst kahl undfrostig aussehen und eingerichtet scheinen, so ist es dochwohl mehr der Empirestil, der in den Amtslokalenseinen Einfluß behauptet und geltend macht. Dieserhöfische Empirestil, meist kreideweiß wie ein unbeschriebenesBlatt, mit seinen lichtglasirten Oefen und hell lackirtenThüren, lebte mehrere Jahre in morganatischer Ehe mitder sogenannten Bieder maierzeit, mit welcher jaauch unsere Herren Großvater noch enge verwandtschaft-liche Beziehungen unterhalten haben.

Was nun die jüngste Zeit in Architektur undPlastik alles geleistet, was sie zum Bauen alles sichdienstbar macht, sehen wir ja Tag für Tag. ManchesHaus besteht bald mehr aus Eisen als aus Stein, undsollten solche Häuser je drohen, auseinanderzufalten, sobraucht man, um gründlich zu helfen, ganz einfach nureinige Magnete in den Spcicherräumen anbringen, unddas Gebäude wird sich auf der Höhe der Zeit erhalten,wie weiland Freiherr von Münchhausen mittelst seinesZopfes selbst aus dem Sumpfe sich gezogen hat. Fürerwähnenswerth halten wir hier noch die Merkwürdigkeit,daß man in Amerika bereits schon ein kleines Haustheilwcise aus Aluminium hergestellt hat. Die klugenLeute dort haben somit thatsächlich die Quintessenz ausdem Lehm, aus dem man sonst Ziegel zum Bau derHäuser brannte, zu ziehen gewußt. Gefährlich sindgegenwärtig zunächst nur wehr die Glashäuser.Diedarin sitzen", heißt es,sollen nicht mit Steinen werfen",was den Herren von der Kunstgenossenschaft, die inMünchen den Glaspalast inne haben, zur ganz besonderenBerücksichtigung empfohlen sein dürfte. Zu denbilligsten Gebäuden gehören die Luftschlösser, die vonunternehmungslustigen Leuten besonders in der Gegen-wart wieder viel gebaut werden; allerdings ist durch

den Bau derselben auch schon Mancher zu Grunde gegangen.Im Allgemeinen hatte man früher nur in der Jugendan Herstellung derselben das meiste Interesse; ich Zweiflejedoch nicht, daß z. B. in St. Petersburg auch ältereund hochgestellte Leute eine kindische Freude hätten, wennzunächst einmal die Dardauellen-Schlösser als Lustschlössererklärt werden würden.

Wenn wir in der gesummten Baukunst nun etwasnäher auf Details sehen, so ist es zunächst außerordentlichmerkwürdig, zu gewahren, wie auch die Architektur demSysteme gewisser Naturforscher Rechnung trügt und dieschlagendsten Beweise für eine embryonische Entwicklungzu höher gestaltetem kraftvollen Leben zu erbringen ver-mag. Es ist geradezu unbegreiflich, wie jene Gelehrten,welche den Ausbau der Descendenzlehre besorgten, diemächtige Unterstützung, die die Architektur ihren Theoriendarbietet, bisher so völlig ignorieren konnten. Wirwissen doch, daß unter den Ornamenttheilen des frühenjonischen Stiles ganz besonders der Eierstab eineansehnliche Rolls spielt. In der mittelalterlich roma-nischen Periode ist der Fortschritt bereits stark fühlbar,da hier schon das Schuppen-Ornament, das denndoch die Saurier voraussetzt, zur Verwendung gelangt.Zu einer charakteristischen Bezeichnung, die derselben Periodeangehört, zählt auch der technische Ausdruck Gräte.Von den vielen Krabben der gothischen Stilform,die fast zahllos an allen Fialen und Wimbergen sichfestgesetzt haben, will ich nicht näher reden. Hinzuweisenhabe ich dafür besonders auf das vielbenützte Fisch-blasen-Ornament, das zumeist in den schlankenFenstern bis zu den Netzgswölben hinaufreicht undIchthyologen und Architekten in gleicher Weise interessierendürfte. Auch die sogenannten Nasen fallen in dieseStilperiode; allerdings ist es hier nicht nothwendig, aus-schließlich an eine gewisse Gattung der Weißfische zndenken, denn es gibt auch im ideellen Sinne kleine undgroße Nasen, die, ohne baß man einen Conflikt mit demkatholischen Kirchcngebote zn fürchten braucht, auch inder Fastenzeit neben und mit Fleischspeisen genossenwerden dürfen, wenn sie von oben kommen, sogargenossen werden müssen. Wer weiters die sogenanntenWasser- oder Dachspeier der gothischen Periode durch-mustert, wird gar nicht lange brauchen, um die unzweifel-haftenBrüdcrund Schwestern desUrvogels(Li'LliMvxtsr^L)herauszufinden. Die spätere Gothik zeigt bereits einenriesigen Fortschritt, indem sie in einzelnen technischen Aus-drücken schon der vorhandenen Säugethiere gedenkt undu. A. denEselsrückeu", zur allgemeinen Kenntnißbringt. Ein noch imposanteres Wort kennt dann amSchlüsse der Stilartcn die Spätrcnaissance, die ja diesogenannten Ochsenaugenfenster sehen läßt und so-mit die respektablen Vertreter eines Geschlechtes bekundet,die, wenn richtig gemästet, in den Cnliurländern deralten und neuen Welt der denkbar größten Entwicklungsich zu erfreuen vermögen.

Aehnlich wie die fossile und nicht fossile Fauna inder Architektur eine bedeutende Rolle spielt, so thut diesesnicht minder auch die Flora. Auch hier kann ein scharf-sehendes Auge den glcichanfsteigenden Entwicklungsgangleicht wahrnehmen. Von der Verwendung der Lotos- undWasserpflanzen bei den Aegyptern, der Palmetten bei denGriechen, der Pinicnzapfcn bei den Römern, des fettenKleeblattes bei den Gothikcru, bis zur förmlichen Aus-leerung eines vollständigenHerbarinms in der üPpigenNenais-