Ausgabe 
(2.3.1894) 18
Seite
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sogenannten verworrenen Träume. Ein Theil unsererLebensthätigkeit ist bereits lahmgelegt, die Augen schonhalb geschlossen, die Zunge wird bald ihren Dienst ver-sagen. In diesem Zustande entstehen nun in uns dieersten Traumgebilde. Aber die halbwache Vernunft hatimmer noch die Kraft, sie zu controliren und in ihrerLächerlichkeit zu begreifen. Die Zunge vermag wenig-stens zu lallen, und wir geben auf gestellte Fragen jenedrolligen Antworten, welche unsere Umgebung zu derAnsicht bringen: Er träumt schon. Ist jedoch tieferSchlaf, Vollschlaf über uns gekommen, dann sind wirreizlos, wir hören und sehen nicht mehr. Die Träumeverdichten sich zu festen Gebilden, und nahe tritt unsder Freund, der den Menschen durch's ganze Leben be-gleitet.Aus dem Gesänge der Bögel," schreibt AlbertSterner in seinem Buche:Das Leben des Traumes",aus den buntschillernden Farben der Wiesengewächse,aus Sträuchern und Hecken, aus fröhlichem Jagen undKameradengebalg webt dann der Traum dem Knabenseine köstlichen Freuden zur Nacht. Wenn aber derKnabe groß geworden, ein Jüngling stattlich und schönsich erhebt, Römer- und Griechen-Jdeale nacheifernd undbestaunend, eigene Lebenszukunst, duftige Auen sich malend:so nimmt auch dies der Traum in seine Pinsel auf, undschöner denn in Wirklichkeit zaubert er Freundschaft undblühende Sehnsucht in seinen Paradiesen vor. Mitgleicher Beharrlichkeit, wiewohl ernster geworden, folgter dem Manne. Hier hat er nicht Spiele, nicht Blumenzu malen, hier malt er die Kämpfe. Bald führt er denMann in bräunende Felsen, bald stellt er ihn mitten inKrieg und Kanonen und hilft ihm die Tapferkeit schürenin Muskel und Arm. Und die Greise und Greisinnenliebt er gar sehr und folgt ihrem Winter muthig undunverzagt; denn je ärmer das Leben im Greise an Frischeund Farbe sich gestaltet, desto reichlicher schmückt es derTraum mit der Erinnerung fröhlicher Bilder. Der Kind-heit liebliche Spur, des Jünglings Sehnen und Lieben,des Mannes Geistes- und Vaterglück malt er dem Greise,und wie oft sieht sich die Matrone im Traum in derSchöne der Jugend, die lieblichen Locken goldig herab-fallend, in den Locken den Brautkranz, und dannwer wehrt es dem Traume! iumitten der Gäste beimTran-Altar die eigenen Söhne und Töchter als Zeugender Hochzeit."

(Fortsetzung folgt.)

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Plauderei über Kunst uud Kunstgeschichte mitbesonderer Berücksichtigung der Architekturund Plastik.

Von Max Fürst.

(Schluß.)

Die Spätrenaissance gefiel sich besonders beiihren Gebilden der Plastik darin, die Formen stark auf-zubauschen und zu übertreiben. Das Uebertreiben einerSache ist jedoch kein ausschließliches Neservatrecht derSpätrenaissauce. Mehr, als Bildhauer uud Architektenes je vermögen, belieben vor allem die Herren von derFeder nicht selten sehr stark zu übertreiben. Den Ueber-treibungen, welche die Plastik der Renaissance sich zuSchulden kommen ließ, lieh wohl die damals herrschendeNeigung, jede Idee, jeden abstrakten Begriff personificirenZu wollen, gewissermaßen einigen Vorschub. Ueber die

zahllosen Allegorien in der bildenden Kunst dürfteüberhaupt ein eigenes Lexikon geschrieben werden, umden vielen Mißverständnissen, die da ermöglicht sind,einen Riegel zu schieben. Beim Beschauen solcher Figurenreicht gar häufig der Verstand der Verständigen ebenso-wenig wie die Einfalt eines kindlichen Gemüthes aus,um über Sinn und Bedeutung derselben in's Reine zukommen. Wer kennt denn z. B., ohne zuvor eine Auf-klärung erhalten zu haben, die allegorischen Gestaltenauf dem Münzgebüude der bayerischen Hauptstadt? Derwitzige Moriz v. Schwind hatte ganz recht, als er bei Auf-stellung jener rätselhaften Figuren meinte, ein einzigesDnkatenmännchen hätte genügt, um dem Volke das Münz-gebäude viel deutlicher und kenntlicher zu machen.Bei den schönen vier Gestalten, welche über den altenPortalen unserer k. Residenz lagern, steht es doch wenig-stens freilich schwer sichtbar lateinisch angeschrieben,daß man die vier Kardinaltugenden zu schauen die Ehrehabe. Ohne das Gewahrwerden der inhaltsschwerenWorte blieben die vier Damen wohl auch von den Meistenunerkannt. Hab' ich doch einmal einen schlichten, abersehr klugen Mann aus der Provinz, dem ich die Sehens-würdigkeiten der Hauptstadt zu zeigen hatte, rathen lassen,was denn die vier allegorischen Frauen da ober denPortalen zu bedeuten haben. Nach einigem Schauenmeinte der wackere Landsmann, es müßten wohl die vierHauptstämme Bayerns sein. Das Steuerruder der Pru-dentia deutete er auf die Mainschifffahrt der Franken,den mächtigen Prügel in Händen der Fortitndo abergetrost als Attribut des bayerischen Stammes.

Das letztere Symbol schien dem guten Manne ganzselbstverständlich, ihn hätte es nicht im mindesten genirt;aber das genirte ihn schließlich gewaltig, daß er beiseinem Rathen so gar weit fehlgeschossen habe. Daßübrigens auch modern allegorische Schöpfungen nichtleichter zu verstehen sind, als die alten, kann man innächster Nähe der erwähnten Nesidenzthore, an der neuenMittelgruppe der Feldherrnhalle, gewahren. Was hierdie Volksseele schon alles herausgefunden und nicht heraus-gefunden, wäre wohl der Betonung werth, aber rein deslieben Friedens wegen, den ja die eine Figur des besagtenDenkmales vorstellen soll, unterlassen wir es, darüberzu reden. Haben wir doch einmal an einem Kloster-kirchenportal eine Figur gesehen, welche eine Goldmünzean die geschlossenen Lippen drückte. Diese Allegorie ver-standen wir sofort dahin, daß dasSchweigen" hin undwieder als eine der werthvollsten Eigenschaften zu preisensei.

Das üppigste Kind, welches die Renaissance erzeugtund großgezogen hat, ist, wie Jedermann weiß, dasRokoko. Wir kennen keine Stilform, welche den breitenMassen des Volkes so sympathisch und zusagend erscheint,wie diese. Ganz besonders darf solches auch im Hin-blicke auf unser bayerisches Landvolk gesagt werden.

Würde bei Erbauung von Dorfkirchen zunächst derWille deS Volkes maßgebend sein, wir sind überzeugt,daß zumeist nur Rokoko-Kirchen erstünden.

Das lichte, freundliche Wesen dieser Stilart, dieleuchtendes Gold uud heitere Farben nie verschmäht, hatwie es scheint, gerade für den Landmann etwas Herz-erhebendes. Frage man doch einen Bauern, welcheKirche ihm in seiner Nachbarschaft am besten gefalletHat er die Auswahl, er wird sicherlich den Preissprucheinem Renaissance- oder Nokokobau zuertheilen. Vielleicht