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das Gehirn wieder sich regt und der Seele als Organzur Verfügung stehet. Die Seele erlangt hiedurch ihrSelbstbewußtsein, und die geordneteLebensthätigkeitbeginnetaufs Neue.
In früheren Zeiten, als die ärztliche Wissenschaftauf ihrer heutigen Höhe noch nicht war, wurden dieTräume auch von Aerzten, wie Hippokrates und Galenns,auf Gott zurückgeführt.
Bei den alten griechischen Philosophen lassen sichbesonders zwei Richtungen in der Erklärung der Traum-bilder unterscheiden. Die älteren suchten die Ursache derTräume außer dem Träumenden. Sie kennen zwarnicht personificierte Träume, wie ihre Dichter, z. B. Homer,welcher sie als ein Geschlecht von Wesen bezeichnet, diein der Gegend von Sonnenuntergang ihren Platz haben,aber sie sahen sie doch als außerhalb des Träumersstehende Erscheinungen an. Bald jedoch ist auch schonbei den alten Philosophen das Bestreben bemerkbar,in der Erklärung des Traumes die eigene, schaffendeThätigkeit der Seele mit in Rechnung zu ziehen.
Es mag davon besonders der Philosoph Aristoteles erwähnt werden, auf dessen Psychologie (Seelenlehre)vielfach die mittelalterliche Scholastik weiterbaute. Ari-stoteles sucht den Grund und die Entstehung der Träumein der Natur des menschlichen Geistes. Er leitet dieTraumbilder her von den durch äußere Eindrücke oderauch durch die innere Herzthätigkeit im Schlafe fortge-setzten Bewegungen im Innern des Menschen. Auch dieprophetische Kraft des Traumes suchte er natürlich znerklären, ohne sich aller auch übernatürlichen Ursachendafür zu entschlagen.
Die Kirchenvater, welche des Traumes meist inder biblischen Auslegung erwähnen, lassen ihn vom Logos,von Gottes Hauch beeinflußt werden.
Unter den neueren Philosophen wurde der Traumganz verschieden aufgefaßt.
Der Materialismus und Nationalismus, der denGeist und sein Leben zu einem Produkte der körperlichenThätigkeit macht, muß natürlich auch den Traum lediglichauf diesem Boden stehend erklären.
Während aber die modernen Philosophen, welchedie eigene Vernunft als einzige Führerin in den Gebietendes Geistes anerkennen, dem Traume theils wenig wissen-schaftliche Bedeutung bemessen, theils ihn nur wegenseiner weltgeschichtlichen Macht in der Vergangenheit unddem immerhin Näthsclhaften seiner Erscheinung besprechen,haben doch auch unter den Philosophen unserer Zeitmanche dem Traum eine bedeutsame Stelle zuerkannt.
Die Gläubigen unter ihnen, wie Schubert, JustinusKerner, der in seinem Hause die Seherin von Prcvorst,eine Somnambule, lange beobachtete, und andere ausder romantischen Schule, setzten die Träume außerhalbder Reihe der natürlichen und an die allgemeinen Gesetzegebundenen Ereignisse. Nach Schubert, einem persönlichsehr frommen Manne, kehrt im Traumzustande desMenschen die wegen der Erbschnld gestörte Ordnungzurück. Der Zwiespalt in unserer Natur, den wir imwachen Zustande so oft wahrnehmen, das Weinen iminnern Menschen, indeß der äußere Mensch sich allenGenüssen hingiebt, das Gefühl der Leere nach fröhlichdurchschwärmten Stunden, eine unwiderstehliche Schwer-muth, Thränen ohne Ursache — dies alles ist einmal nachdem Tode ganz aufgehoben. Im Jenseits wird dieSeele zu ewiger Liebe mit Gott vereinigt. Aber dem
gottergebenen Gemüthe lösen sich die Fesseln der Seele,meint Schubert, oft noch während des jetzigen Daseins.Während des Traumes nämlich eröffnet sich der SeeleHohes und Niedriges, Vergangenheit und Zukunft inlieblicher Bildersprache, und sie blickt in eins reineregeistige Region. Das kommende ewige Einssein mit Gott werde dem Gemüthe schon hier angedeutet im magischenDunkel der Träume.
Du Prcl, der vornehmste Vertreter der heutigenPhilosophie der Mystik und ein hoch wissenschaftlicherMann, findet die Aufgabe der Philosophie darin, daßsie sich dem bisher noch nicht verwertheten Theile unseresDaseins zuwendet, dem Schlafznstande. Aus der Er-forschung der im Traume, und besonders im künst-lichen, gesteigerten Traume, im Somnambulismus, hervor-tretenden Erscheinungen solle man zur Einsicht kommen,daß nicht auf das Diesseits ein Jenseits folge, sondernDiesseits und Jenseits etwas Gleichzeitiges sind; dieSeele habe zwei Seiten, eine Seite ist im wachen Lebensichtbar, die andere tauche auf im Schlafen, ähnlich wiedie Sterne zu glänzen anfangen, wenn die Sonne unter-geht, obschon sie auch schon am Tage den Himmel schmücken.Nach der Ansicht Du Prel's taucht also im Traume vorder Seele eine neue. über den wachen Sinnen liegendeWelt auf; diese unterliegt nicht mehr den Beschränkungenvon Raum und Zeit und vermag sogar in Verkehr mitandern Seelen zu treten; während die Seele imwachen Zustande sich des Gehirns als ihres Organesim Verkehr mit der Außenwelt bedienet, stellt sich ihrim Schlafzustande ein anderes Organ zur Verfügung,das Gangliengcflechte, welches die modernen Mysterio-sophen geradezu als Traumorgan bezeichnen. Die Gangliensind ein im Unterleib nahe der Herzgrube verlaufendesNervengeflechte und bilden das Organ des vegetativenLebens, d. h. jener Lebensthätigkeit, die unabhängigvon unserm Willen ist, wie Herzschlag, Verdauung, Stoff-ausscheidung. Mittels dieses Organes nun soll dieträumende Seele sich mit der Außenwelt verbinden unddaher rühre es, wenn von Somnambulen bisweilen gesagtist, daß sie aus einem aus den Magen gelegten Buchegelesen haben.
Gemeinsam allen medicinischen und philosophischenTraum-Erklärungen ist sicher Folgendes: Während dasTagleben ein Leben des Geistes ist und fortwährendnach der Außenwelt strebt und sich offenbart, ist dasNachtleben ein Leben des Leibes, des dunkel-sühlen-den und -ahnenden Gemüthes, ein in sich gekehrtes Leben,ein inneres Aufwachen der Seele. Es sammelt sich imSchlafe der ganze Lebensproceß nicht wie am Tage imGehirne, sondern in der Brust und Bauchhöhle.
Wenn wir diesen Umstand fest im Auge behalten,dann können wir uns auch die Traumbilder und ihreUrsachen im Folgenden leichter erklären. Es ist schonoft die Frage aufgeworfen worden, ob mit jedem Schlafeauch Träume verbunden sind. Die Einen bejahen sieund sagen, die wahrsten Träume hätten wir im tief-sten Schlafe, und wir könnten uns nur darum ihrernicht mehr erinnern, weil wir nicht mit Bewußtseingeträumt haben. Andere verneinen jedoch die Frage,wenngleich sie zugeben, daß durch die Seele auch imSchlafe Vorstellungen gehen können, deren wir uns nurim Wachen nicht mehr erinnern. Wie der Schlaf, sohat auch der Traum seine Zeitabschnitte. Jene Träume,welche beim Einschlafen uns beschäftigen, sind noch die