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und kehrte gestern abends nach London zurück mit demBewußtsein, daß ihm kein Pfund gehöre."
„O, Martin, wie jammervoll!"
„Ja, weine Theuerste," sagte er, als wir in dasFrühstückzimmer traten.
Nach dem Frühstück las er mir Norberts Brief vorund dann war es Zeit für ihn zu gehen.
„Lebt wohl, Kinder!" sagte er und mußte es wieder-holen, als sie sich zum Abschiedskuß zu ihm drängten.„Kommt heute abends um sechs Uhr in das Speisezimmerherunter, denn wir werden den Hochzeitstag mit ver-schiedenen Spielen feiern. Sorge aufmerksam für dieKleinen, Alex, und für Mama. Lebe wohl, lieber Junge."
Dann sagte Martin auch mir Lebewohl; und seit-dem habe ich mich jahrelang erinnert, wie zärtlich eraussah, als er meinen Kopf an seine Schulter drückte,wie in alter Zeit, und flüsterte: „Geliebte, wenn nichtalle unsere Abende so vollkommen glücklich wären, möchteich sagen, dieser soll der glücklichste von allen sein."
(Fortsetzung folgt.)
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Der Traum.*)
- kNachdruck verholen.;
In jener Schaar unzählbarer Genien, die Jupiterfür seine Menschen erschaffen hatte, um durch sie diekurze Zeit ihres mühseligen Lebens zu beglücken undzu vergnügen, war auch der dunkle Schlaf. „Was sollich", sprach er, da er seine Gestalt ansah, „unter meinenglänzenden, gefälligen Brüdern? Welches traurige An-sehen habe ich im Chöre der Scherze, der Freudenund aller Gaukeleien Amors? Mag es sein, daß ich denUnglücklichen erwünscht bin, denen ich die Last ihrerSorgen entnehme und sie mit milder Vergessenheit tränke.Mag es sein, daß ich dem Müden gefällig komme, denich doch auch nur zu mühseliger, neuer Arbeit stärke.Aber denen, die nie ermüden, die von keiner Sorge desElends wissen, denen ich immer nur den Kreis ihrerFreuden störe?"
„Du irrst", sprach der Vater der Genien undMenschen, „in Deiner dunkeln Gestalt wirst Du aller Weltder liebste Genius werden. Denn glaubst Du nicht, daßauch Scherze und Freuden ermüden?"
„Aber auch Du", fuhr er fort, „sollst nicht ohneVergnügungen sein, ja in ihnen oft das ganze HeerDeiner Brüder übertreffen." Mit diesen Worten reichteer ihm das silbergraue Horn anmuthiger Träume. „Ausihm", sprach er, „schütte Deine Schlummerkörner aus,und die glückliche Welt sowohl als die unglückliche wirdDich über alle Deine Brüder wünschen und lieben.Die Hoffnungen, Scherze und Freuden, die in ihm (imTraume) liegen, sind von Deinen Schwestern, den Gra-zien, mit Zauberischer Hand von unsern seligsten Flurengesammelt. Der ätherische Thau, der auf ihnen glänzet,wird einen jeden, den Du zu beglücken gedenkest, mitseinem Wunsche beglücken. Aus dem Chöre derblühendsten Scherze und Freuden wird man fröhlich inDeine Arme eilen, Dichter werden Dich besingen und inihren Gesängen dem Zauber Deiner Kunst nachbuhlen,selbst die Unschuld wird Dich wünschen, und Du wirstauf ihren Augen hangen, ein süßer, beseligender Gott."
*) Vortvag, gehalten im kath. kaufm. Verein „Lätitia" in Augs-burg am 13. Febr. 1894 von Adolph Müller , Sladtkaplcm beiSt. Ulrich.
Die Klage des Schlafs verwandelte sich in triumphi-renden Dank und ihm ward die schönste der Grazien,die Traumgöttin Pasithca, vermählet.
In dieser geistvollen, mythologischen Dichtung hatuns Herder ein annoch dunkles Gebiet mit der Strahlen-soune der Poesie beleuchtet, das Gebiet des Schlafes unddes Traumes. Und nicht nur die Dichter haben seit grauenTagen die hohe Traumgewalt besungen, jeder Menschkann von Träumen erzählen, alle schauen neugierigenAuges hinein oder hinüber in die so fremde und dochso nahe gerückte Traumsphäre. Bis jetzt aber ist dasTraumproblem noch nicht gelöst und dieses Seeleuräthselnach jeder Seite hin entwirret; es wird auch nie geschehen.Wir vermögen ja nicht einmal das Leben uns zu erklären,das uns doch die tägliche Erfahrung überall zeigt, wirkommen in Verlegenheit, wenn wir nach dem Wesen derSeele gefragt werden, obwohl sie unser eigenstes Selbstbildet und das Princip unseres Denkens und Handelnsist. Odysseus sah die Schatten aus der Unterwelt ansich vorüber wandeln, mit sehnender Geberde streckte erdie Hände nach dem Nebelbilde der ihm nahenden Mutteraus, aber das Schemen entschwand, er langte in leereLust: so geht es uns mit den Bildern des Traumes.Wir vermögen sie nicht zu haschen und zu fangen, siekommen und gehen, Kobolde, die uns necken, Genien,die uns beglücken; woher sie kommen und wohin sie wan-dern, darüber aber haben wohl viele Häupter nachgegrübelt.
Die ärztliche Wissenschaft erklärt sich dieTräume einfach und natürlich auf Grund ihrer Theorievom Schlafe.
Der Schlaf, sagt der Arzt, hat körperliche Ursachen.Das Gehirn arbeitet unablässig, und die in ihm wieStraßen zusammenlaufenden Nerven bringen stets dazuneue Stoffe. Aber allmählich wird das Gehirn müde,und auch die Nervenstraßen können nicht mehr oder nurmit Mühe Dienste leisten. Für das Gehirn kommt gegenAbend das Bedürfniß der Ruhe, es muß, ebenso wiedie Nerven, seine Boten und Ordonnanzen,neue Ernährungs-flüssigkeit in sich aufnehmen und eine Zeit lang gleich-sam für sich selber sorgen. Die herabgesetzte Thätigkeitdes Gehirns pflanzt sich auch über auf das Nervensystem.Die Empfindungsnerven werden schwächer, der Hebemuskeldes obern Augenlides versagt seine Wirkung, Sinnes-eindrücke kommen immer weniger zur Beachtung, dieVorstellungen verringern sich, wir verfallen in jenenZustand, den wir Schlaf nennen. DaS Selbstbewußt-sein ist aufgehoben und das Gehirn für eine Zeit intiefer, ihm und dem ganzen vom Gehirne beherrschtenOrganismus nothwendiger Nnhe. Dieser Zustand dauertungefähr zwei Stunden und heißt Tiesschlaf. Habenaber die Nervenstraßen ihre nöthige Kraft und die fürsie erforderliche Nahrung empfangen, so beginnen siealsbald ihre Thätigkeit, d. h. sie leiten dem noch ruhendenGehirne wieder die Empfindungen zu und vermitteln denVerkehr mit der Außenwelt; im Hauptquartiere aber,im Gehirne, ist fast alles noch im Schlummer, besondersder Chef des Quartiers, die Seele, ist bewußtlos. DieNerven bringen jedoch unablässig Depeschen und Nach-richten, namentlich viele gegen Morgen, wenn die allge-meine Erfrischung der Nerven nahezu vollendet ist. Imbunten Wirrwarr geht es nun im Gehirne hin und her,die Seele vermag die zugeführteu Bilder noch nicht zuunterscheiden und einzuordnen, mit andern Worten: esentstehen die Träume. Sie währen so lange,., bis auch