dachte ich nur an mich selbst, dachte, wie werthlos meinVermögen im Vergleich zu dem von ihm ersehnten, mirgeschenkten Gut. Schließen Sie die Augen, meineTheuerste! Wenn ich in ihre Tiefen blicke, die Liebedarin lese und mir darstelle, was mein Leben ohne dieseLiebe sein würde, ist der Gedanke niederdrückender, alses die Armuth für mich sein könnte. Sie wissen, daßIhre Bitte bewilligt ist; Sie müssen es gewußt haben,ehe Sie den Wunsch aussprachen; aber vertrauen Siemir auch ferner. Alles soll geschehen, wie Sie es gethanhaben würden. Er soll nur erfahren, daß die Stocke-seys ihn ohne Vermögen für diese wichtige Stellungwählen. Er soll nie wissen, wie und von wem ihmgeholfen wurde. Sagen Sie nur, daß Sie mir vertrauen."
Als ich ihm mit einem geflüsterten Wort geant-wortet hatte,, neigte er sich zu mir und küßte zärtlichmeine Wangen.
II.
Wir waren an diesem Tage fünf Jahre verheirathet— fünf glückliche, wolkenlose Jahre; ich stand im Mor-gensonnenschein am offenen Fenster und wartete, daßMartin aus dem Park zum Frühstück komme. Ich fühlte,daß die Segnungen in diesen Jahren meiner Ehe michzur demüthigen, tiefen Dankbarkeit bewegten. Wie schönmein Daheim war! Dieses große, prächtige Hans hatteich als Gouvernante vor sechs Jahren mit scheuer Ehr-furcht betreten — es war mir unaussprechlich theuergeworden!
„Mögen wir diesen Tag noch nach vielen Jahrenglücklich miteinander verleben, Frauchen!" rief MartinsStimme, und er selbst sprang durch das Fenster herein.„Ich wünschte dir das bei Tagesanbruch, aber duschliefst und hörtest mich nicht. Nun erzähle mir denganzen Gang deiner Gedanken, welche ich so plötzlichunterbrochen habe."
„Ich horchte auf deine Schritte, Martin."
„Mit bestem Erfolg. Und woran dachtest du?"
Natürlich sagte ich es ihm. Es wäre mir unmög-lich gewesen, seinem liebenden Herzen und seinen for-schenden Augen etwas zu verbergen.
„Meine geliebte Frau", sagte er zärtlich und inseinen Augen strahlte die Zufriedenheit, „dieser Gedankebeschäftigte mich heute früh; es ist ein natürlicher anmeinem glücklichen Hochzeitstag. Manchmal denke ich,weil mein Glück viel größer ist, als ich es verdiene,kann es nicht andauern; aber heute habe ich gefühlt,daß dies nur eine undankbare Idee ist. Immer eifrigerwill ich danach streben, durch mein Glück und meinenReichthum andere glücklich zn machen. Mit deiner liebenHilfe wird mir das leicht. Wie lange wir die Machtdazu besitzen mögen, es wird stets eines unserer bestenWerke sein, nicht wahr, Geliebte? Ah, die Frühstücks-glocke! Warum find die Kleinen nicht zu sehen? Dasist eine Seltenheit."
»Ja," sagte ich lachend bei dem Gedanken, wieschnell sie stets herbeiliefen, wenn „Papa" kam, „siewarten am Gartenthor auf dich, Martin. Dn mußtverstohlen über eine Mauer geklettert sein, weil du ihnenentgangen bist und mich hier überrascht hast."
„Ich bin nicht im Park gewesen; ich war nur inder Haushälterwohnung und sprach mit Morris. Derarme Mensch! Seine ganzen Ersparnisse sind verloren,weil Lirlleys Bankhaus die Zahlungen eingestellt hat.Was fiir fürchterliche Zeiten das sind! Obgleich ich
wünsche, jeder wäre nach seinen Verlusten so wohlgemuthwie Morris. Er wollte sein Lebenlang nur Haushältersein, wenn er auch von seinen Zinsen hätte leben können.Deshalb sagte ich ihm, wann er bei uns bleiben will— was immer seine Absicht gewesen zu sein scheint —nud wieder zu sparen anfängt, so werden wir seine Er-sparnisse jedes Jahr verdoppeln. Willigst du ein? Wiekannst du lachen, bei einer solch ernsten Frage? Alsob ich je etwas thue, ohne dich zurathe zu ziehen!Komm, mein Herzlieb, wir wollen zusammen die Kinderholen."
In der Nähe des Gartenthores sahen wir die KinderAlex, ein großer, lebhafter Junge von eilf Jahren, standdraußen auf der Landstraße und strengte seine Augenan, um den Papa in der Ferne zu entdecken. Eva undKäthe standen dicht am Thore, weil es ihnen verbotenwar, hinauszugehen; sie riefen Alex aufgeregt zu, ersolle „Hurrah" schreien, wenn er den Papa sähe.
„Mach doch schnell, daß du ihn siehst!" fügte Käth-chen hinzu, und ihre winzigen Füßchen tanzten unruhigauf dem Kieswege. In diesem Augenblick kam Papavon hinten leise zu ihr und hob sie auf seinem Armeempor. Darauf erschallte ein so herzliches Frenden-geschrei, daß mir die großen Thränen in die Augentraten und ich den Morgengrnß der Gürtnerfrau nichterwidern konnte, als Martin ein paar freundliche Wortemit ihr sprach.
„Aloisia," sagte Martin, welcher sich gewiß übermein Schweigen wunderte, Lauster meinen Hochzeits-geschenken habe ich dir heute noch etwas zu Zeigen; aberwir wollen es lassen, bis diese kleine Gesellschaft weg-gehen wird. Es ist ein Brief, erräthst du von wem?"
„Ich weiß es nicht, Martin; hat Herr Wedderbnrnzum zweitenmal an dich geschrieben?" .
„Nein, meine Liebe," antwortete er, „aber dennochhabe ich einen Brief von Wedderbnrn in der Tasche.Stockesey schickte denselben mir zu Lesen. Die beidenalten Stockeseys hatten trübe Befürchtungen, aber siekommen prächtig durch die ungünstigen Zeiten; haupt-sächlich verdanken sie es dem Wedderbnrn, zn welchemsie unerschütterliches Vertrauen haben."
„Er erzielt wunderbare Erfolge in ihren ausländi-schen Geschäftsverbindungen?"
„Ja, wirklich wunderbare."
„Und doch scheint sich ihr Geschäft nicht sehr zuerweitern, nicht wahr, Martin? Es kommt dem deinigeunicht gleich."
„Nein, wenigstens jetzt nicht. Die StockesehS sindkeine kühnen Unternehmer, aber für sie steht nichts zubefürchten. Zwar sage ich immer, sie sollten wie ichmit den Banqnieren Graham Comp. in Verbindungtreten, weil ich ein so festes Vertrauen auf dieses Bank-haus habe. Graham reiste heute nach London ; deshalbhalb werde ich früher als gewöhnlich nach Hause kommen;ich hätte sonst heute nachmittags eine wichtige Besprech-ung mit Graham gehabt."
„Die Bankherrn scheinen gleich dir und den Stocke-seys ohne Schwierigkeit durch dieses fürchterliche Jahrzu kommen."
„Bis jetzt, Gott sei Dank! sind wir alle sicherdurchgekommen; aber es ist ein fürchterliches Jahr, wiedu sagst, meine Liebe. Gestern sprach ich einen altenBekannten, welcher fünfunddreißigtausend Pfund besaß;er erhielt ein Telegramm aus seinem Geschäftshause