M 16.
Irertaz, den 2. März
Für die Redaction verantwortlich: Philipp Frick in Augsburg .
Druck und Verlag des Litcrarischen Instituts von Haas L Grabhcrr in Augsburg (Borbesttzer Dr. Max Huttler) .
Wohlthun trägt Zinsen.
Nach dem Amerikanischen der Mary Ereil Hat), erzähltLon Alice Salzbrunn.
(Fortsetzung.)
„Nun, Alex," sagte Martin und hob das Kindvon seinem Knie herunter, als wir Thee getrunkenhatten und am Kamin saßen, „geh, sage der Tante guteNacht. Melde ihr, daß ich in einer Viertelstunde komme,um eine Partie Sechsundsechzig mit ihr beim Thee znspielen und daß Aloisia uns etwas vorspielen wird.Erzähle nicht, daß wir hier schon Thee getrunken haben,sonst denkt sie, wir schätzen ihre Gesellschaft nicht. Bleibebei ihr, bis Louis und ich kommen."
Ein sonderbares Stillschweigen herrschte im Zimmer,nachdem das Kind weggegangen war. Martin saß imLehustuhl, blickte mit halbgeschlossenen Augen in dasFeuer und ein Lächeln spielte um seine Lippen, als erauf meine Worte wartete, während einer langen Pausestand ich ganz still an den Kaminsims gelehnt. Dannging ich unruhig durch das Zimmer. Er rief mich so-gleich zurück. Froh wendete ich mich augenblicklich um,blieb hinter seinem Stuhle stehen und stützte mich leichtauf die Lehne desselben.
„Martin," begann ich sehr leise, „bitte vergessenSie, daß Sie meinen Wunsch bewilligt haben, und hörenSie zuerst, was es ist."
Er sah sich nicht nach mir um, aber seine nochauf das Feuer gerichteten Augen waren voll stummerLiebe und Sehnsucht, und mit seiner rechten Hand be-deckte er meine Finger, welche auf seiner linken Schulterruhten.
„Martin, ich habe oft gesehen, wie sehr eS Ihnenwiderstrebt, jemand nur einen Augenblick Schmerz zubereiten, und wie Sie alles aufbieten möchten, um eszn verhindern, oder -im Leid zu trösten. Wenn Sieeinen Schmerz, welchen ich verursacht habe, vermindernkönnten, würden Sie dazu bereit sein?"
Seine Finger umschlossen die meinen fester, aberer antwortete nicht.
„Martin," fuhr ich mit stark erschütterter Stimmefort, „denken Sie, ich liebte Sie so zärtlich, wie ich esthue, und erführe plötzlich, daß Sie meine Liebe nichtbegehren, daß Sie dieselbe nie geahnt, weil Sie seitlanger Zeit eine andere ebenso treu und innig geliebthaben. Glauben Sie, daß ich dann weggehen wollenwürde, um Ihr frohes Gesicht nicht mehr zu sehen,
während in meinem Herzen der Jammer der Einsamkeitwäre? Daß ich ein neues Leben anfangen wollenwürde, wo ich meinen grausamen Schmerz vielleicht durchbeständige Arbeit lindern könnte? Gewiß, ich würdedas wünschen, und Martin, vielleicht würden Sie ebensodenken, wenn Sie eine ungeahnte, unerwiderte Liebe ge-funden hätten."
„Ich kann es nicht sagen, meine Louis," antworteteer mit tiefem, unbewußtem Mitleide in seiner Stimme,„ich wage es nicht, mir solchen Schmerz vorzustellen."
Mein Herz schlug schneller. Ich brauchte ihn nichtmehr zu fragen, weil ich in seinen Mienen las undseine Stimme hörte.
„Martin," sagte ich — da er in das Feuer blickte,konnte er nicht sehen, wie die Nöthe in meine Wangenstieg — „die StockesehS verlangen zweitausend Pfundals Geschäftseinlage von dem neuen Theilhaber, welchernach Valparaiso gehen soll. Zweitausend Pfund ist viel,nicht wahr?"
„Nicht für solche Theilhaberschaft, meine Liebe."
„Ist es nicht viel?" wiederholte ich traurig. „Ichwünsche, Norbert Wedderburn hätte zweitausend Pfund."
„Warum?" rief Martin aufschreckend. „Will erdorthin ziehen?"
„Ja."
Das war alles, was ich sagen könnte, obgleich ichdas folgende Stillschweigen zu brechen suchte. Erst nacheiner langen Pause konnte ich reden.
„In einem neuen Leben, Martin," begann ichendlich, „würde er vielleicht den alten Schmerz vergessen.In einer neuen Welt würde er ein anderes Glück suchen.Aber Sie wissen, daß er arm ist und das Geld nichterlangen kann; er ist stolz und empfindsam, deshalb— deshalb wollte ich — Sie um Hilfe bitten."
Endlich wendete Martin sich um und sah mir indas Gesicht; gleichzeitig zog er meine Hand an sich.
„Wenn er diesen Schmerz zu tragen hat," flüstert:er voll tiefem Mitleid, „soll ihm keine Hilfe, welche ichgeben kann, vorenthalten werden. Keine Gabe von mirkann zu groß sein, weil das Kleinod, welches er zu ge-winnen suchte, mein ist. In meiner Dankbarkeit fühleich, als ob er alles andere nehmen möge, weil er mirdas läßt. Meine süße Aloisia, wie forschend Sie michansehen! Ich sprach ins blaue hinein, nicht wahr? Ja,ich muß soviel behalten, um daS Leben meines Weib-chens angenehm machen zu können. Bei meinen Worten